Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 5,13-16)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13-16)

Liebe Schwestern und Brüder,

unser Gott - ein Koch? Sie alle kennen ihn als Töpfer, aus der Erzählung nämlich, in der er aus Lehm den Menschen formt, damals bei der Schöpfung. Und wir haben ihn auch kennengelernt als Gärtner, wie er in Eden einen Garten anlegt, ihn hegt und bebaut. Heute, heute erleben wir ihn offensichtlich als Koch. Wenn vom Salz der Erde die Rede ist, dann erinnert das mich zumindest zuallererst ans Kochen. Wenn es um das Salz geht, das die Welt würzen soll, dann drängt sich mir ganz unwillkürlich das Bild vom Koch auf.

Unser Gott, der die Welt zusammenstellt, wie ein erlesenes Menü, der wie ein Koch gleichsam die große Weltsuppe kocht und dann am Ende feststellt, dass irgendetwas noch fehlt. Am Schluss, gleichsam beim Abschmecken, da stellt er fest, dass dieser Suppe noch das Salz fehlt. Um aus dieser recht gewöhnlichen und nicht besonders schmackhaften Brühe etwas Genießbares zu machen, dazu braucht es noch Salz, jenes Salz der Erde nämlich.

Und Jesus erinnert mich dann an jemanden, dem die undankbare Aufgabe zufällt, der Suppe Welt ihre Würze zu geben: das Salz zu finden, dieses Salz, das aus einer eher gewöhnlichen Welt eine Delikatesse, eine schmackhafte, eine besondere Welt macht.

Dann ist das heutige Evangelium so etwas, wie die große Erfolgsmeldung Jesu. Er hat dieses Salz gefunden. Er weiß jetzt, wer diese Aufgabe vollbringen kann, wer der Welt, die Würze geben kann. Die nämlich, die er kurz zuvor seliggepriesen hat, die, die zu ihm gekommen sind, um ihm zuzuhören, die sind es: "Ihr seid das Salz der Erde!" Ihr alle, die ihr dieses Wort hört, damals wie heute. "Ihr seid dieses Salz!"

Das klingt zunächst ganz nett, und das liest sich auch ganz gut. Das Evangelium vom Salz der Erde das gehört sicher zu den eher angenehmen und vordergründig ganz unproblematischen Bibelstellen. Aber wenn ich mir diese Stelle so recht betrachte, dann finde ich sie plötzlich gar nicht mehr so angenehm. Eigentlich macht sie mir dann immer mehr Angst.

Man muss sich das ja nur einmal richtig klar machen: Jesus fragt nicht: "Habt Ihr Lust, die Welt zu würzen? Wollt Ihr dieses Salz sein?" Sein Satz: "Ihr seid das Salz der Erde!" Dieser Ausruf, das ist ja im Grunde viel eher ein verkapptes: "Ihr sollt dieses Salz der Erde sein!" So nach dem Motto, ich nehme Euch jetzt ganz einfach. Ihr seid es jetzt, Ihr seid das Salz der Erde. Hopp, fangt an und würzt diese Welt.

Ob ich das will, danach fragt er nicht, ob ich es kann, danach schon zweimal nicht. Nein ganz im Gegenteil! Um das Maß auch gleich richtig voll zu machen, erklärt er auch noch umgehend, was mit dem Salz geschieht, das seinen Ansprüchen nicht genügt. "Wenn es sich herausstellen sollte, dass ihr als Salz halt nicht taugt, dann wirft man Euch eben hinaus. Fade gewordenes Salz kann man nämlich nicht brauchen. Also strengt euch ruhig an und würzt mal schön."

Es gibt wenige Evangelienstellen, an denen Jesu Anspruch so unverblümt deutlich wird. Es gibt wenige andere Stellen, die mich so ungeschminkt in die Pflicht nehmen und die gleichzeitig so ungeniert von etwaigen Konsequenzen sprechen. Keine schöne Stelle, viel eher eine bedrohliche Stelle. Aber vermutlich eine ehrliche. Ein Abschnitt aus dem Evangelium, der mich grundehrlich mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert, so ehrlich eben, wie das Evangelium nun einmal ist.

Es bleibt mir anscheinend gar nichts anderes übrig, ob ich will oder nicht: Ich muss Salz sein! Ich komme da gar nicht darum herum: Es ruht auf meinen, auf unser aller Schultern. Es ist uns überlassen, ob aus dieser Welt etwas Schmackhaftes wird oder nicht. Wenn wir es nicht tun, dann brauchen wir gar nicht darauf zu warten, dass es jemand anderes tun wird. Diese Aufgabe wird uns nicht abgenommen. Sie kann uns nämlich nicht abgenommen werden.

Die Welt wird fade bleiben, wenn es keine Menschen gibt, die ihr die Würze verleihen. Die Welt ist darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die Salz sind, die so wie Salz andere durchdringen, andere anstecken, die anderen die Sinne schärfen und sie mitreißen, Menschen, die nicht auf zig Einladungen warten, die nicht darauf warten, bis man ihnen den Hof macht und zig mal bettelt. Menschen, die einfach tun. Und die manchmal, selbst dort wo es Wunden gibt, dann wie Salz in diesen Wunden brennen, damit so manche faule Stelle ganz einfach ausgebrannt wird.

Die Welt ist darauf angewiesen, sie braucht dieses Salz. Und sie braucht es in einer ganz ausgeklügelten Dosis, denn sonst passiert es ja ganz leicht, dass die Suppe übersalzen wäre. Deshalb braucht es Menschen, die den Blick für das Maßhalten nicht verloren haben, die das Gefühl für das rechte Maß haben, dann nämlich erst wird aus einer ungenießbaren Brühe ein schmackhaftes Gericht, eine besondere Welt.

Es liegt ganz offensichtlich an uns, ob sie es wird. Ob ich will oder nicht: diese Aufgabe nimmt uns keiner ab. Denn sie kann uns ganz offensichtlich gar nicht abgenommen werden. Sie ruht von Anfang an auf allen, die sich Menschen nennen, und auf denen, die sich Christen nennen allemal. "Ihr seid das Salz der Erde." Ohne Euch, ohne Euren Einsatz für diese Welt, bleibt Sie eine fade Welt.

Nur, kann ich das denn? Kann ich mir überhaupt anmaßen, so etwas sein zu wollen? Wie komme ich überhaupt auf die Idee, für andere Salz sein zu können? Wie komme ich dazu mir so etwas herauszunehmen?

Ich denke, das ist der Punkt, wo mir dann tatsächlich wichtig wird, dass Jesus gesagt hat: "Ihr seid das Salz der Erde!" Auch wenn das noch so sehr nach: "Ihr sollt Salz sein!" klingt. Er hat: "Ihr seid Salz!" gesagt. Anscheinend traut Gott es uns zu, anscheinend ist er davon überzeugt, dass wir es können, wenn wir es nur wollen. Er hat "Ihr seid Salz" gesagt. Und Gott muss es ja wissen, er muss ja wissen, wer zum Salz taugt und wen er da nimmt, denn er, er ist schließlich der Koch.

Amen.

(gehalten am 6./7. Februar 1999 in der Peterskirche, Bruchsal)

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