Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr B (2 Chr 36,14-16. 19-23)

In jenen Tagen begingen alle führenden Männer Judas und die Priester und das Volk viel Untreue. Sie ahmten die Gräueltaten der Völker nach und entweihten das Haus, das der Herr in Jerusalem zu seinem Heiligtum gemacht hatte. Immer wieder hatte der Herr, der Gott ihrer Väter, sie durch seine Boten gewarnt; denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. Sie aber verhöhnten die Boten Gottes, verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten, bis der Zorn des Herrn gegen sein Volk so groß wurde, dass es keine Heilung mehr gab. Die Chaldäer verbrannten das Haus Gottes, rissen die Mauern Jerusalems nieder legten Feuer an alle seine Paläste und zerstörten alle wertvollen Geräte. Alle, die dem Schwert entgangen waren, führte Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babel. Dort mussten sie ihm und seinen Söhnen als Sklaven dienen, bis das Reich der Perser zur Herrschaft kam. Da ging das Wort in Erfüllung, das der Herr durch den Mund Jeremias verkündet hatte. Das Land bekam seine Sabbate ersetzt, es lag brach während der ganzen Zeit der Verwüstung bis siebzig Jahre voll waren. Im ersten Jahr des Königs Kyrus von Persien sollte sich erfüllen, was der Herr durch Jeremia gesprochen hatte. Darum erweckte der Herr den Geist des Königs Kyrus von Persien, und Kyrus ließ in seinem ganzen Reich mündlich und schriftlich den Befehl verkünden: So spricht Kyrus, der König von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen. (2 Chr 36,14-16. 19-23)

Mit einem lauten Knall, schlug er die Türe hinter sich zu, schob hastig den letzten Bissen des Frühstücks in seinen Mund, und sprang dabei schon die Treppe hinunter. Drei Stufen nahm er auf einmal. "Machen Sie langsam," rief ihm eine alte Frau zu, "Sie wären nicht der erste, der hier stürzen würde!" - "Ich hab’s eilig!" rief er nur zurück, "Ich bin jetzt schon zu spät!" Sprach’s und schlug auch schon die Haustür zu. Die Fußgängerampel sprang gerade auf rot, als er an den Übergang kam. Er rannte weiter. Zwei Autos mussten bremsen. "Sind Sie denn verrückt geworden." schrie ihm einer der Fahrer hinterher. "Ich hab’s eilig!" rief er nur zurück. Die Türen der Straßenbahn begannen sich schon zu schließen, als er sich gerade noch hindurchquetschte und dabei drei Frauen, die auf dem Bahnsteig warteten, beinahe umgerannt hatte. "Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen!" meinte einer der Passagiere ganz aufgebracht. "Wissen Sie nicht, wie gefährlich das ist?" - "Ich hab keine Zeit, ich hab’s eilig!" antworte er nur. Am Zielbahnhof sprang er als erster aus der Bahn, stürmte auf die Treppe zu und nahm wieder drei Stufen auf einmal. An der untersten blieb er hängen, fiel ganz unglücklich auf das Podest und brach sich den Oberschenkel. Ganz ruhig blieb er liegen. "Jetzt hat er sehr viel Zeit!" sagte einer der Passanten ganz leise zu seinem Nachbarn.

Liebe Schwestern und Brüder,

mag sein, dass diese Äußerung nicht besonders mitfühlend ist, aber richtig ist sie allemal. Wer es zu eilig hat, wer alle Vorsicht in den Wind schlägt, dem kann es passieren, dass er plötzlich sehr viel Zeit hat. "Eile mit Weile" sagt uns schließlich das Sprichwort. Denn wer meint, es partout übertreiben zu müssen, der darf sicher sein, dass er irgendwann einmal damit auf die Nase fällt.

Ampelanlagen, Sicherheitsvorschriften und ein gerüttelt Maß an Umsicht, das sind ja keine grausigen Schikanen, die sich irgendjemand ausgedacht hat, um andere damit zu quälen, sie sind notwendig, sie wollen dazu beitragen, dass wir sicher ans Ziel gelangen, dass das, was wir vorhaben, auch wirklich gelingen kann. Solche Vorschriften wollen uns in aller Regel klar machen, dass nicht alles, was wir zu können glauben, auch wirklich gut für uns ist.

Das ist so, wenn es um unsere Straßenverkehrsordnung geht, und das ist genauso, wenn es sich um Vorschriften der betrieblichen Sicherheit handelt, und es nicht minder so, wenn es um die Gebote geht, die uns von Gott her überliefert sind.

Gerade die Vorschriften, die Gott erlassen hat, die Gebote, die er uns Menschen gegeben hat, gerade sie sind ja im letzten alles andere, nur nicht irgendwelche Schikanen, die sich Gott ausgedacht hätte, um uns Menschen das Leben schwerer zu machen. Wie wenn er etwas davon hätte, dass wir irgendwelche Gebote halten. Gott hat da nichts davon. Gottes Weisung ist für uns da. Sie will uns zeigen, was gut für uns ist. Sie will uns davor bewahren, leichtsinnig zu werden, so unvorsichtig, dass wir am Ende etwa wie dieser übereilige Zeitgenosse aus jener Geschichte auf die Nase fallen.

Der Chronist des Alten Testamentes versucht es genauso seinem Volk zu sagen. Schaut Euch doch an, was das da dabei herausgekommen ist, sagt er in der heutigen Lesung, schaut Euch an, was da dabei herauskam, als die Menschen in Israel gesagt haben: "Wir pfeifen auf die Weisung des Herrn." Jahrelang hatte man die Sabbate mit Füßen getreten, hatte aus lauter Profitsucht die Feste und Ruhetage nicht mehr gehalten. In die Katastrophe hat das geführt, das Land lag am Boden, die Städte waren öd und leer.

"Jetzt bekommt das Land seine Sabbate zurück." Spottet der Chronist gleichsam. 70 Jahre lang lag es brach, waren die Städte und Felder verwüstet. Jetzt plötzlich hatten die Menschen die Zeit, die sie sich vorher glaubten, nicht zu gönnen zu dürfen.

Deswegen kann Jesus auch sagen: "Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet." Nicht Gott muss den Menschen richten, die Menschen, die Gott nicht glauben, die nicht auf den Wegen gehen, die Gott uns weist, die richten sich nämlich selber. Sie richten sich selber zugrunde.

Eine Gesellschaft, die Gott nicht glaubt, die meint, alles selber am Besten zu wissen, in der am Ende nur noch der Profit zählt, und die sich nicht einmal mehr einen gemeinsamen Ruhetag gönnen kann, eine solche Gesellschaft darf sich nicht wundern, wenn sie sich am Ende selbst zugrunde richtet.

Israel hat dies erfahren. Der Chronist hat es seinem Volk vor Augen gehalten. Und Jesus prophezeit es auch uns: "Wer glaubt, der wird nicht gerichtet. Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet."

Er richtet sich nämlich selbst; er richtet sich am Ende selbst zugrunde.

Amen.

(gehalten am 8./9. März 1997 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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