Predigten in der Adventszeit - Lesejahr A-C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Adventssonntag - Lesejahr A-C

 

Für alle, die es noch nicht registriert haben: Der Endspurt beginnt!

Wer die Weihnachtspost noch nicht erledigt hat, der gerät jetzt langsam unter Druck. Und wer die Geschenke noch nicht beisammen hat, bei dem wird spätestens jetzt die Hektik ausbrechen. Und welcher Schreck, wenn kurz vor den Feiertagen noch ein Paket vom Onkel Franz ankommt, dem man in diesem Jahr eigentlich gar nichts zugedacht hatte.

Ach ja, und dann ist da ja noch die Gefriertruhe, deren Füllung generalstabsmäßig geplant sein muss, denn über die Feiertage haben die Geschäfte ja geschlossen.

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist jedes Jahr das gleiche Spiel! Wir können uns vornehmen, noch so frühzeitig anzufangen, je näher das Fest rückt, desto mehr läuft uns die Zeit davon. Die vier Wochen des Advents reichen ja vorne und hinten schon lange nicht mehr aus.

Kein Wunder, dass wir beinahe in jedem Jahr früher mit den Vorbereitungen beginnen. Kein Wunder, dass man sich bereits Mitte November in den Einkaufspassagen der Städte auf Weihnachten einrichtet, dass die Werbung schon im Oktober vorweihnachtlich wird, und Christstollen und Schokoladennikoläuse bereits nach den Sommerferien in den Supermärkten auftauchen.

Die Vorweihnachtszeit wird jedes Jahr länger, die Vorbereitungen anscheinend immer intensiver und der Vorweihnachtsstress scheint jedes Jahr größer zu sein.

Komisch, obschon das so ist, obschon ich, seit ich denken kann, jedes Jahr das Gefühl habe: Wir fangen immer früher an, wir machen immer mehr daraus, wir dehnen und weiten die Adventszeit immer stärker aus; komisch, ich habe, seit ich denken kann, jedes Jahr nicht minder das Gefühl, dass Weihnachten auf der anderen Seite immer kleiner wird.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich ein kleines Kind war, dass Weihnachten bis zum 2. Februar ging, dass Weihnachten eine Zeit war, eine ganz besondere Zeit, die über Wochen hinweg gefeiert wurde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als es dann hieß, am Sonntag nach Dreikönig, da ist sie jetzt zu Ende, da schon hört Weihnachten auf. Und ich weiß noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie ich das erste Mal in einem Pfarrhaus erlebte, dass wir uns am Mittag des Stephanstages hinsetzten, und uns einig waren: Jetzt ist es rum, jetzt haben wir es geschafft, Weihnachten liegt - Gott sei Dank - hinter uns. 

Am zweiten Weihnachtstag ist Weihnachten heute für die meisten schon zu Ende. Und es ist ja kein Geheimnis, dass viele Geschäfte bereits am Abend des 23. Dezembers die Weihnachtsartikel abräumen und sich auf das nächste Ereignis vorbereiten.

Komisch, die Zeit der Vorbereitung wird immer größer, das Fest selber - es scheint mir vielerorts bereits vorbei, noch bevor es eigentlich begonnen hat.

Und das wundert mich nicht einmal wirklich!

Es ist ja eigentlich nicht verwunderlich, dass es nichts mehr zu feiern gibt, wenn vor lauter Planung und Organisation, vor lauter Rummel und Hektik das Eigentliche des Festes immer mehr erstickt wird.

Können wir überhaupt noch staunen über das, was uns an Weihnachten berichtet wird? Haben wir uns noch irgendwo etwas von den großen Kinderaugen bewahrt, die dieses Fest für uns als Jungen und Mädchen so einzig aus dem ganzen Jahresablauf herausgehoben haben. Kommen wir überhaupt noch dazu, angesichts des gewaltigen, selbstaufgestellten Festkalenders in die alten Träume des Weihnachtsfestes zu versinken?

Unsere Krippen aber, unsere Tannenbäume und all die Geschenke, sie bleiben hohl und leer ohne dieses Staunen. Sie sind nichtssagend und ohne Bedeutung, wenn unser Erstaunen erstirbt.

Weihnachten zu feiern, das heißt für mich deshalb zuallererst, wieder staunen zu lernen: staunen über einen Gott, der sich um die Menschen sorgt, staunen über einen Gott, der diesen Menschen bis hin zur Menschwerdung nachgeht, staunen über einen Gott, der trotz aller Katastrophen, trotz Tschetschenien und trotz persönlicher Schicksalsschläge den Menschen immer wieder deutlich macht, dass er uns nicht allein lässt und nie allein gelassen hat.

Weihnachten zu feiern, heißt für mich, sich von diesem Gott aufs Neue anrühren zu lassen, rühren zu lassen, zu fühlen, was das für mich bedeutet, und wieder wie ein kleines Kind darüber staunen zu können. Sich mit ganz großen, offenen Augen und offenem Mund dem Wunder dieser Nacht, der unsagbaren Nähe dieses Gottes zu nahen, und darüber staunen zu können, das heißt im eigentlichen Sinne Weihnachten zu feiern.

Für alle, die es noch nicht registriert haben: Der Endspurt beginnt! Wir haben noch ein paar Tage Zeit, es wieder aufs Neue zu lernen.

Amen.

(gehalten am 18./19. Dezember 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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