Predigten in der Adventszeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr B (2 Petr 3,8-14)

Das eine, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren. Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden nicht mehr gefunden. Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: wie heilig und fromm müsst ihr dann leben, den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen! An jenem Tag wird sich der Himmel im Feuer auflösen, und die Elemente werden im Brand zerschmelzen. Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden. (2 Petr 3,8-14)

Gute Nachricht für Kinder: Die Adventszeit ist manchmal zwar kürzer, manches Mal aber auch länger - aber der Adventskalender hat jedes Jahr genau 24 Türchen. Daran ändert sich nichts. Die Zeit des Wartens auf die Bescherung ist berechenbar. Es sind jedes Mal 24 Türchen am Adventskalender.

Liebe Schwestern und Brüder,

nicht auszudenken für unsere Kinder, wenn es nicht so wäre, wenn es ihnen etwa so ergehen würde, wie es der Verfasser des zweiten Petrusbriefes in der heutigen Lesung beschreibt, dass nämlich aus so einem Tag des Wartens auch mal leicht tausend Jahre werden können.

Gott sei Dank wissen die Kinder - zumindest was die Adventszeit angeht - woran sie sind.

Für die ersten christlichen Gemeinden war das ganz anders. Dass wir heute Advent feiern, das war ja alles andere als geplant. Eigentlich sollte doch schon längst alles vorbei sein. Als Paulus und die übrigen Apostel durch alle Teile des römischen Imperiums zogen, gingen sie schließlich davon aus, dass ihnen nur ganz wenige Monate verbleiben würden. Man war sich ganz sicher, dass Christus wiederkommen würde - und zwar noch zu Lebzeiten der ersten Christengeneration.

Was war das für ein Schock, als die ersten Christen gestorben sind. Man kann sich heute das Entsetzen wohl kaum noch vorstellen, als das eigentlich Unvorstellbare eingetroffen ist: Es starben Christen, bevor der Herr wiedergekommen war!

Paulus hatte gewaltige Mühe zu erklären, dass die Lebenden bei der Wiederkunft Christi denen, die jetzt schon verstorben waren, nichts voraus hatten, dass auch die Verstorbenen teil an der Gottesherrschaft hätten, die Christus dann errichten würde.

Noch einmal ein paar Jahrzehnte später, als der zweite Petrusbrief geschrieben wurde, hatte man offenbar schon den Satz des Alten Testamentes, dass nämlich Tausend Jahre für Gott wie der Tag seien, der gestern vergangen ist, neu gelesen. Und man nahm diese Stelle, um sich zu erklären, warum die Wiederkunft des Herrn immer noch auf sich warten ließ.

Aber letztendlich kaschierte man damit doch eigentlich nur, dass man sich einfach getäuscht hatte. Man hatte sich geirrt. Die Vorstellung, dass Christus in ganz kurzer Zeit erneut erscheinen würde, die Welt, wie wir sie kennen, rasch ihr Ende finden und das endgültige Gottesreich unmittelbar beginnen würde, diese Vorstellung war schlicht und ergreifend falsch. Man hatte Gott offenbar nicht richtig verstanden.

Offensichtlich hatte dieser Gott anderes vor, als es sich die Menschen gedacht haben. Gott denkt eben anders, er handelt anders und er ist anders, als wir es uns ausrechnen, wünschen und vorstellen.

Auch das ist Botschaft der Adventzeit: Gott ist der ganz Andere, und es gilt sich jeden Tag ganz neu auf ihn einzulassen. Er lässt sich in keine Schubladen pressen und mit keinen Lehrsätzen erfassen. Er ist weit komplexer als unser Denken und er ist selbst größer als unser Herz. Und überall dort, wo Menschen vorgeben, ganz genau sagen zu können, wie Gott ist, was in seinen Augen zu sein hat und was nicht, überall dort sind ganz große Fragezeichen angebracht. Wie oft in der Geschichte hat sich am Ende herausgestellt, dass Gott offenbar ganz anderes wollte, als Menschen es zuvor erklärt hatten.

Aber was heißt das dann? Bedeutet das, dass wir eben nichts wissen, dass Gott uns einfach fremd und unbekannt bleibt und wir klein und dumm dastehen und nichts dagegen machen können?

Ich glaube, ganz und gar nicht.

Aber es bedeutet, dass wir ihm gegenüber nie voreingenommen sein dürfen.

Wer Gottes Ruf in seinem Leben vernehmen möchte, der muss natürlich genau hinhören, aber er darf dabei die Antwort auch nicht nur auf eine einzige Art und Weise erwarten, und schon gar nicht als Stimme vom Himmel oder sonst ein spektakuläres Ereignis. Gott spricht wahrscheinlich ganz anders zu uns, als wir es uns im Vorhinein vorstellen.

Wer Gott begegnen möchte, der darf auf keine Sensationen warten. Wahrscheinlich sind Begegnungen mit ihm viel unspektakulärer, als wir uns das ausmalen. Und vielleicht sind sie deshalb auch viel häufiger, als wir es bemerken.

Und wer wirklich auf Gott wartet, der wird wohl nicht mit einem Blitz vom Himmel und einem auf den Wolken thronenden Menschensohn rechnen dürfen. Darauf können wir vermutlich noch sehr lange warten.

Wer wirklich auf Gott wartet, vielleicht sollte der ganz einfach aufhören zu warten. Vielleicht würde es ja schon reichen, wenn wir einfach damit begännen, uns umzuschauen, in die Augen derer zu schauen, die uns am nächsten sind. Denn, hatte er nicht etwas davon gesagt, dass er uns dort begegnen würde, dass er uns in den Menschen begegnen würde?

Es wäre ja nicht auszudenken! Stellen Sie sich vor, wir würden hier sitzen und warten und warten, dieser Gott aber, den wir da erwarten, der wäre am Ende schon längst hier.

(gehalten am 4. Dezember 2011 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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