Kar- und Ostertage 2020

ein wahrhaft besonderes Osterfest


Anderthalb Jahre verzichten?

Montag, 23. März 2020

Laut einer Studie des "Imperial College" in London müssten [...] die strikten Einschränkungen des öffentlichen Lebens solange durchgehalten werden, bis ein Impfstoff verfügbar ist - womöglich 18 Monate oder länger."

So hieß es gestern Abend bei "Anne Will" - und es war ein Schock. Kann ich, möchte ich mir das vorstellen? Ich soll anderthalb Jahre auf all die Annehmlichkeiten des Lebens verzichten? Und selbst wenn es nur wenige Monate wären; ich merke, dass sich alles in mir sträubt. Ich will das nicht! So etwas kann kein Mensch von mir verlangen.

Dabei wird es tagtäglich verlangt. Es ist Normalität für so viele Menschen. Jeden Tag bekommen Menschen gesagt, sie müssten ihr Leben jetzt einschränken: 18 Monate und viele noch länger. Und niemand von ihnen wird gefragt.

Sie fallen meist nicht groß auf, weil ich die meisten von ihnen nicht kenne und weil es eben nicht alle betrifft. Dabei sind sie nichtsdestoweniger sehr, sehr zahlreich. Wie viele Menschen bekommen jeden Tag etwa die Diagnose, dass ihr Leben fortan ein ganz anderes sein wird, weil eine Krankheit alles verändert; weil ein Unfall alle Planungen über den Haufen wirft und nichts mehr so ist, wie es einmal war? Nur gut, wenn die Verletzungen dann wirklich nach wenigen Monaten ausgeheilt sind und Leben dann wieder fast wie gewohnt weitergehen kann. Wie oft aber bleiben die Einschränkungen für immer!

Flasche in der Flasche

"Glück und Glas ..."

RGM Köln - Foto: Jörg Sieger

Mir wird bewusst, wie privilegiert ich letztlich bin. Ich kenne keine gesundheitlichen Einschränkungen. An Zeiten, in denen man nur eingeschränkt reisen konnte, kann ich mich nur dunkel erinnern. Mit meinem Pass standen mir auch schon zu Zeiten, als Zöllner noch kontrolliert haben, fast alle Grenzen offen. Ich habe geplant, Monate, manchmal sogar Jahre im Voraus. Und ich war gewohnt, dass alles genau so läuft, wie ich es organisiert habe. Wie sagt das Sprichwort?

"Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von Deinen Plänen!"

Muslime sind es, die häufig Sätze mit إن شاء الله [In schā' Allāh] beenden. Es bedeutet soviel wie: "So Gott will!" Obwohl ich mich für einen gläubigen Menschen halte, mache ich mir nur sehr selten bewusst, wie wenig es letztlich auf mein Planen ankommt. Meine Großmutter hat noch sehr oft "Wenn Gott will!" gesagt. Und die Menschen in ihrer Generation haben es ja auch noch erlebt, dass all unser Planen ganz schnell über den Haufen geworfen werden kann. Sie hat in zwei Kriegen nicht nur Monate, sie hat jahrelangen Ausnahmezustand erlebt.

Ich sollte mich neu daran erinnern, welches Geschenk die Freiheiten und Möglichkeiten sind, die ich bislang erleben durfte. Und ich sollte daran denken, wie wenig selbstverständlich und zerbrechlich das alles ist. Um so dankbarer sollte ich sein.

Wir werden möglicherweise sehr viel früher zur Normalität zurückkehren, als manche befürchten. Das wird schon unsere Wirtschaft fordern. Und vielleicht wird die Coronakrise so enden wie die Schweinepest, die Vogelgrippe oder der Rinderwahnsinn. Auch sie haben wir alle aufmerksam verfolgt, selbst wenn die Auswirkungen weit weniger dramatisch waren als sie es bei der gegenwärtigen Krise sind. Aber die Medien überschlugen sich auch damals mit den Meldungen. Irgendwann hat keiner mehr davon gesprochen. Ich kenne niemanden, der wüsste, wie Vogelgrippe und Co. geendet haben oder ob sie jemals überhaupt zu einem Ende gekommen sind. Irgendwann waren sie halt aus den Augen, aus dem Sinn. Es gab ganz einfach wieder Normalität für mich und fast alle.

Für manche Menschen aber hört ihr Ausnahmezustand nie auf. Manchen Menschen wird ihre Einschränkung nicht mehr genommen. Und niemand von ihnen wurde gefragt.

Jörg Sieger

Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn nach alldem streben die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.

(Evangelium nach Matthaeus 6,25-34)