Kar- und Ostertage 2020

ein wahrhaft besonderes Osterfest


Alle Zusammenkünfte sind verboten

Sonntag, 22. März 2020 - 4. Fastensonntag

Alle Zusammenkünfte und Ansammlungen auf öffentlichen Plätzen sind verboten. Gruppenbildungen von mehr als drei Personen darf es nicht mehr geben. Die Landesregierung betont: "Wir werden das streng kontrollieren, durchsetzen und sanktionieren."

Seit gestern gilt diese Anordnung in Baden-Württemberg und seither kreisen meine Gedanken um fast nichts anderes mehr. Ich habe mich bereits damit abgefunden, dass der Theaterbesuch in den letzten Tagen ausfallen musste. Der geplante Wochenendausflug ist ins Wasser gefallen. Jetzt soll ich auch noch zuhause bleiben.

Dabei bin ich eigentlich ein "Stubenhocker". Manchmal sitze ich den ganzen Tag im Zimmer, arbeite am PC, sitze vor dem Fernseher und habe überhaupt kein Problem in meiner Wohnung zu sein, in der ich mich eigentlich wohlfühle. Aber ich kann fröhlich in meinem Zimmer sitzen ohne auch nur im Geringsten den Wunsch zu verspüren, nach draußen zu gehen, bis jemand von außen den Schlüssel herumdreht. Sobald ich das Geräusch höre, dass da jemand abgeschlossen hat, ist es mit der Zufriedenheit im Zimmer vorbei. Dann will ich eigentlich nur noch eines: ich will da raus.

Es geht mir heute eigentlich nicht anders. Ich weiß nicht, ob ich unter normalen Umständen an diesem Sonntag essen gegangen wäre. Allein aber darum zu wissen, dass ich es nicht darf, macht mir Druck. Es interessiert mich nicht mehr, was ich alles habe und welche Möglichkeiten mir gegeben sind: Ich bin nicht krank, ich habe einen schnellen Internetzugang, um den mich viele in ländlichen Regionen beneiden würden, ich habe ein Unmenge ungelesener Bücher im Regal stehen, all die Zeit, nach der ich mích sonst im Alltag sehne, und hinter dem Haus, in dem ich wohne, befindet sich - was für ein Paradies in diesen Tagen - ein Garten. Ich aber fühle mich eigentlich nur noch eingeschränkt.

Paradies ist ein gutes Stichwort. Das hatte ich doch mal gelernt. Alfons Deissler, der bedeutende Freiburger Alttestamentler, hat mir genau das beigebracht: Wenn die Bibel davon spricht, dass der Mensch aus dem Paradies hinausgetrieben worden sei, dann schildert sie den Beginn davon genau auf diese Weise. Der Mensch, der eigentlich alles hatte, was er zum Leben brauchte, bekam von Gott gesagt, wovor er sich hüten solle, damit er sich das Paradies nicht selbst kaputt machen würde. Alles solle er genießen, nur eines nicht, weil das nicht gut für ihn sei. Und das biblische Bild ist herzallerliebst: Es meldet sich ein Wurm! Es beginnt im Menschen zu wurmen: Alles ist plötzlich verboten! Kein Blick mehr für die Annehmlichkeiten des Paradiesesgartens. Es gibt nur noch das Verbot. Jene Frucht, von der zu essen schädlich sein soll, zieht plötzlich alle Blicke auf sich. Gib dem Menschen eine Grenze und er fühlt sich fortan nur noch begrenzt.

Die Frau in der biblischen Erzählung weiß, dass das nicht stimmt, dass eben nicht alles verboten ist, dass ich nur vor dem einen, vor dem, was wirklich nicht gut für mich und für andere ist, gewarnt worden bin. Aber das ist eben eine Sache des Kopfes. Die Gefühle im Bauch sind andere. Und sie führen in letzter Konsequenz dazu, dass man der Warnung nicht mehr glaubt. Wenn es damals die Vorstellung war, ein willkürlich handelnder Gott wolle den Menschen einfach nur das schönste vorenhalten und verbieten, so sind es heute andere Verschwörungstheorien. Sie sprechen davon, dass irgendwelche Mächte nur die Grundfreiheiten einschränken sollen, um insgeheim andere Ziele zu verfolgen. Dass all dies Quatsch ist weiß, wer seinen Verstand einschaltet.

Genau darum geht es in diesen Tagen: den Verstand einzuschalten, mit Besonnenheit der Krise zu begegnen, sich klarzumachen, dass Einschränkungen notwendig sind, um Not zu wenden. Aber auch, dass diese Einschränkungen nichts sind, im Vergleich zu dem, was andere Menschen erdulden, erleiden und tragen müssen. Ich muss mir klar machen, dass ich trotz allem im Paradies sitze. Ich will mich nicht von den Einschränkungen gefangen nehmen lassen. Ich will an die denken, die meine Solidarität heute so sehr brauchen, an die, die Infektionen und Krankheiten ganz sicher nicht so leicht wegstecken würden, wie ich das von mir wohl annehmen dürfte. Für sie lohnt sich jede Zurückhaltung. Sie sind darauf angewiesen: auf meine Zurückhaltung und auf die von allen.

Jörg Sieger

Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens. Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen? Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen. Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.

(Genesis/1. Buch Mose 3,1-3)