Predigten von Marieluise Gallinat-Schneider
Predigt beim Gräberbesuch an Allerheiligen, 01.11.2024, Pfarrkirche St. Peter, Bruchsal
Bibeltext
Psalm 90 Der ewige Gott – der vergängliche Mensch 1 Ein Bittgebet des Mose, des Mannes Gottes. O Herr, du warst uns Wohnung von Geschlecht zu Geschlecht.2 Ehe geboren wurden die Berge, / ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.7 Ja, unter deinem Zorn schwinden wir hin, durch deine Zornesglut werden wir starr vor Schrecken. 8 Unsere Sünden hast du vor dich hingestellt, unsere verborgene Schuld in das Licht deines Angesichts.9 Ja, unter einem Grimm gehen all unsere Tage dahin, wir beenden unsere Jahre wie einen Seufzer.10 Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis, schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.11 Wer erkennt die Macht deines Zorns und fürchtet deinen Grimm?12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.13 Kehre doch um, HERR! - Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.15 Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Unheil sahn.16 Dein Wirken werde sichtbar an deinen Knechten und deine Pracht an ihren Kindern.17 Güte und Schönheit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns! / Lass gedeihen das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände lass gedeihn!
Liebe Gemeinde,
ich war diesen Sommer in Südengland im Urlaub. Gleich auf der Fahrt zur ersten Unterkunft zwischen Dover und Brighton, als ich noch sehr damit beschäftigt war, mich daran zu gewöhnen, mit dem Mietwagen im Linksverkehr zu fahren, sah ich aus den Augenwinkeln in einem Dorf eine alte Kirche mit dem dazugehörigen Kirchhof.

Eine große Rasenfläche, verwitterte Grabsteine, Rosenbüsche und Hortensien, die wunderschön blühten, eine Bank, die zum Verweilen einlud, die Sonne, es war eine unglaublich beschauliche Szene. Ich habe in dem Urlaub noch viele solcher Friedhöfe gesehen, besonders stark an einem Tag mit Nieselregen und Nebel in der Nähe von Landsend, fast wirklich am Ende der Welt… Dort sah es im August aus wie im November, die Vergänglichkeit war mit den Händen zu greifen, die Stimmung war automatisch melancholisch.

Es macht vieles deutlich, was uns im Psalm beschrieben wird. Wir sind wie das Gras, das am Morgen wächst, das aber auch wieder verblüht. Wir sagen bei der Beerdigung am Grab: Staub bist Du und zu Staub kehrst Du zurück, so wie wir im 1. Buch Mose, im Buch Genesis lesen. Auch im Psalm 90 sagt der Beter 3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück. Wir sind vergänglich wie die Natur. Nirgendwo wird das für mich deutlicher, als auf einem englischen Kirchhof, auf dieser Rasenfläche mit Bäumen und Blumen, wo man sich eins mit der Natur fühlt. Der letzte Satz des Psalms lautet: Güte und Schönheit des Herrn unseres Gottes sei über uns.
Ja, an diesen Orten ist für mich die Schönheit der Schöpfung auch spürbar, erfahrbar. Ich fühle mich eins mit Schöpfung und Schöpfer. Ich weiß um meine Endlichkeit. Auch die macht uns der Psalm deutlich: Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis, schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.
Wenn ich diesen Satz bei Trauerfeiern zitiere, schmunzeln einige. Heute ist die Lebenszeit länger, da sind 70 Jahre kein Alter, auch 80 nicht mehr. Viele Menschen können im Rückblick vielleicht sagen, das Beste war nicht nur Mühsal und Verhängnis, aber wenn ich momentan Trauerfeiern von über 80 jährigen habe, dann ist viel von Mühsal die Rede, dann sind das Menschen, die den Krieg noch erlebt haben, die im 2. Weltkrieg geboren wurden, deren Familiengeschichte von Bomben, Zerstörung, Trauer um zu früh verstorbene Angehörige, Flucht und Vertreibung geprägt wurde. Viele Schicksalsschläge, viele schwierige Situationen, leidvolle Erfahrungen, haben diese Generation geprägt.
Da ist der Satz 15 Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Unheil sahn für viele sicher ein berechtigter Wunsch. Und das können wir uns und allen auch nur wünschen, ein gutes, langes Leben. Aber immer mit der Erkenntnis, es währt nicht ewig: 12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz. Das bedeutet, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte, zu leben mit der Erinnerung an den Tod, ihn nicht auszuklammern. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass niemand verloren ist, wenn es im Psalm zu Beginn heißt: 2 Ehe geboren wurden die Berge, / ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, dann hoffen wir, dass wir auch Teil dieser Ewigkeit sein dürfen.Wir sind heute hier, um an die Menschen zu denken, die uns etwas bedeutet haben, von denen wir aber Abschied nehmen mussten. Nehmen wir sie mit hinein in unsere Erinnerung, lassen wir vor unserem Auge ihre Grabsteine und Gräber im Sonnenlicht – oder auch nebelverhangen - auferstehen und streifen wir an ihnen vorbei durch das Gras, um ihrer zu gedenken. Morgen werden wir die Namen derjenigen verlesen, die im vergangenen Jahr von uns gegangen sind. Aber jede und jeder von uns trägt heute hier Namen im Herzen, Namen und Erinnerungen von Bekannten, Freunden, Angehörigen, Vorbildern, Menschen, deren Leben schon zu Ende ist und um die wir trauern. Dazu möchte ich mit einem Text von Maria Sassin enden:
Gedenken Namen nennen oft unter Tränen, in Dankbarkeit erinnern, Gesichter vor sich sehen, Geschichten wieder hören, in Unvergessenheit Leben bewahren, wo der Tod Fäden zerschnitt. Den Gestorbenen einen Herzensort geben, wie sie in Gottes Herzen ihren lebendigen Platz haben, unverloren, beim Namen gerufen, grenzenlos geborgen. Beständiger Wegweiser für uns, das Leben wertzuschätzen.
Amen.
(Marieluise Gallinat-Schneider)