II. Ausblick

Durch den Tod des Kardinals am 16. Februar 1803 war die Ortenau, der Rest des alten Straßburger Bistums, verwaist. In Vollziehung des Lunéviller Friedens hatte der Reichsdeputationshauptschluss zwar eine territoriale Neugliederung eingeleitet, die Neuabgrenzung der Diözesen war aber einer späteren reichsrechtlichen Regelung vorbehalten worden.

Generalvikar Francois Regis Weinborn leitete in der ersten Zeit die Amtsgeschäfte . Im Zusammenhang mit der Verhaftung des Duc d'Enghien am 15. März 1804 wurden jedoch in Ettenheim und Offenburg eine ganze Reihe weiterer französischer Emigranten, darunter auch Weinborn mit seinem Sekretär Michel und der in Offenburg weilende Abbé d'Eymar, nach Straßburg verschleppt, in die Zitadelle gebracht und einige Tage später unter militärischer Bewachung nach Paris geführt . Kaum etwas ist über das Schicksal der erst nach Monaten freigekommenen Geistlichen bekannt.

Durch diesen militärischen Eingriff war der Sprengel des Louis de Rohan endgültig verwaist und jegliche bischöfliche Verwaltung zusammengebrochen.

'In perplexa hac situatione' versuchten die Erzpriester der straßburgischen Kapitel die Verwaltung aufrechtzuerhalten. Sie wandten sich daher an den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, den im Jahre 1803 Karl Theodor von Dalberg innehatte. Dalberg war in seiner Eigenschaft als Erzbischof und deutscher Primas für die Organisation der Kirchenverwaltung in den Überresten der Straßburger Diözese zuständig. Trotz der Vereinheitlichung, die der Reichsdeputationshauptschluss mit sich gebracht hatte, erstreckten sich diese Reste auf kurbadisches, vorderösterreichisch-ortenauisches, ritterschaftliches, fürstlich-fürstenbergisches und gräflich von der leyen'sches Gebiet. Dalberg behalf sich damit, dem Mainzer Weihbischof Valentin Heimes, den Auftrag zur Regelung der straßburgischen Bistumsverwaltung zu geben .

Im Namen des 'Eminentissimus ac Celsissimus Archi-Episcopus cis-rhensno-Moguntinus Carolus L. B. de dalberg sacri Romani Imperii Archicancellarius et elector Episcopus ac Princeps Wormatiensis et Constantiensis, Princeps Aschaffenburgensis et Ratisbonensis ac comes Wezlariensis, Ecclesiae cisrhenano Argentinensis Metropolita' gab Valentin Heimes am 28. April 1804 die vorläufige Lösung des Problems bekannt .

Norbert Fahrländer, Exjesuit und Erzpriester des Landkapitels Offenburg, wurde zum Generalvikar für die Landgrafschaft Ortenau und sämtliche ritterschaftlichen Orte - also für die unter der Botmäßigkeit des Erzhauses Österreich stehenden Teile der Ortenau - ernannt. Unter dem am 31. Dezember 1737 geborenen, nun schon nahezu blinden Priester wurde dieses Gebiet praktisch in eine Selbständigkeit entlassen .

Der größte Teil des rechtsrheinischen Straßburger Bistums wurde Franz Anton Zehaczek, Definitor des Landkapitels Lahr, als kommissarischem Verwalter unterstellt. Abbé Michel, der am 15. März 1804 auch zu den Verhafteten gehört hatte , stand dem am 16. September 1754 in Mahlberg geborenen und im Straßburger Seminar ausgebildeten Zehaczek zur Seite .

Die von Heimes eingeteilten Bezirke entsprachen zunächst in etwa den badischen und vorderösterreichischen Besitzungen, doch nachdem durch den Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 die Landvogtei Ortenau in badischen Besitz übergegangen war und insbesondere nach Bildung des Rheinischen Bundes , widersprachen die mittlerweile sechs bischöflichen Jurisdiktionsbezirke dem Karlsruher Vereinheitlichungsstreben. Doch der auch aufgrund des erheblich gewachsenen Anteils der katholischen Bevölkerung erwachsene Wunsch nach einem Landesbistum scheiterte zunächst am Widerwillen der römischen Kurie,

"... dann an den Auseinandersetzungen um eine geeignete Persönlichkeit für den Bischofsstuhl und um die Fragen, in welchem Verhältnis ein zukünftiger Landesbischof zum Metropoliten stehen sollte, ob das Landesbistum im Rahmen eines Reichs- oder eines Landeskonkordats zu errichten sei, wo die Domkirche zu etablieren und wie sie zu dotieren sei usw."

Karl Theodor von Dalberg vereinigte im Jahre 1808 den rechtsrheinischen Rest der Straßburger Diözese mit dem Konstanzer Bistum, wodurch auch die Ortenau in der Folge Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg unterstellt war . Während durch diese Maßnahme das Haus Baden zumindest teilweise zufriedengestellt worden war, stieß der Anschluss des Straßburger Restbistums an die Konstanzer Diözese, nachdem die bisherigen straßburgischen Kommisariatsbezirke um ihre bis dahin weitgehende Eigenständigkeit in kirchlichen Verwaltungssachen gebracht worden waren, bei einem guten Teil der betroffenen, zum überwiegenden Teil konservativ eingestellten Geistlichen auf spürbaren Widerstand .

Am 14. Mai 1809 ernannte Wessenberg Joseph Vitus Burg zum bischöflichen Kommissar der drei diesrheinischen Kapitel des Straßburger Bistums . Burg, der im November 1808 die Dekanate Offenburg und Ottersweier visitiert hatte - Wessenberg hatte die Visitation am 30. August angekündigt - bezeichnete die Geistlichen als rückständig und streitsüchtig, was er vor allem auf die große Anzahl ehemaliger Mönche im Klerus der beiden Kapitel zurückführte . Die Exbenediktiner aus Schuttern bildeten unter Leitung des ehemaligen Priors Columban Häusler, damaligem Pfarrer in Sasbach, eine abgeschlossene Gruppe, während Erzpriester Merkel von Burg zwar für einen guten Pfarrer, allerdings für äußerst konservativ und zweifelhaft in seiner Loyalität gegenüber den Konstanzer Vorgesetzten gehalten wurde. Auch Dekan Fahrländer hielt er für einen vorzüglichen, äußerst gebildeten Pfarrer, wenn derselbe auch die Visitation dadurch zu sabotieren suchte, dass er die Fragen Burgs unzureichend beantwortete und ihn mit Hinweis auf seinen schlechten Gesundheitszustand zu begleiten weigerte .

Die ebenfalls vorwiegend mit ehemaligen Patres besetzten Pfarreien seines Kapitels hingegen machten auf Burg durch 'kirchliche Mißbräuche', den Hang der Geistlichen zur Bequemlichkeit, Habsucht, Uneinigkeit und zum Ungehorsam keinen guten Eindruck. Der Klerus im Lahrer Landkapitel erschien ihm hingegen mit mehreren 'Gemeingeistern' durchsetzt, obschon er den Kapitelsvorstand Zehaczek für einen ausgemachten

"Thoren, der, von seinem ehemaligen Erzbischöflichen Kommissariat höchst eingenommen, seinen Schmerze nicht verbergen konnte, jetzt einem thätigeren und heller denkenden Ordinariate unterworfen zu sein."

Nachdem Burg von Herten nach Kappel am Rhein übergewechselt war, übte er ab dem 27. Juli 1809 sein Amt als Statthalter Wessenbergs in der Ortenau endgültig aus, während der Widerstand der Geistlichen gegen den 'neuerungssüchtigen Eindringling' nur allmählich nachließ .

Formell blieb der 'straßburgische Bisthums-Antheil des Bisthums Konstanz', wie ihn der Konstanzer Realschematismus von 1821 offiziell bezeichnete, bis 1827 bestehen. Nachdem aber mit der 1821 erlassenen Bulle 'Provida solersque' die Diözesangrenzen von fünf Bistümern in den Territorien Württemberg, Baden (einschließlich Hohenzollern), Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel und Nassau festgelegt und zugleich die Bildung einer Oberrheinischen Kirchenprovinz mit dem Erzbistum Freiburg als kirchlichem Mittelpunkt in die Wege geleitet worden war, zeichnete sich sechs Jahre später auf dem Hintergrund erneuter diplomatischer Vermittlungen, wodurch die Materien Bischofswahl, bischöfliche Jurisdiktion, Besetzyng der Kapitel und Klerikerausbildung für den Bereich der Oberrheinischen Kirchenprovinz im römischen Sinne gefasst wurden, ein Neubeginn ab.

Am 11. April 1827 wurde durch die Bulle 'ad Dominici gregis custodiam' der Weg für die Einsetzung der Bischöfe geebnet und der vormalige Freiburger Universitätsprofessor und damaliger Münsterpfarrer Dr. Bernhard Boll zum Erzbischof von Freiburg gewählt. Am 21. Mai 1827 wurde seine Wahl bestätigt .

Im Jahre 1827 trat Dr. Bernhard Boll als erster Erzbischof von Freiburg in der Ortenau das geistliche Erbe des Louis René Edouard, Prince de Rohan-Guémené, letzter Fürstbischof des alten Bistums Straßburg, an. Nach nahezu 50 Jahren der Wirren um das Ende eines Zeitalters, um das Ende des 'Anden régime', um den Aufbruch in die neue, moderne Welt, lagen die Hoffnungen der Katholiken am Oberrhein im neuerrichteten Erzbistum Freiburg begründet.

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Letzte Änderung: 18. Mai 2003