III. Die Revolutionäre vom Renchtal

Die Gebiete rechts des Rheins blieben angesichts der elsässischen Unruhen trotz zahlreicher Beziehungen zum Elsass erstaunlich ruhig, was sicher mit ein Verdienst der Karlsruher Regierung war. Aufruhr gab es im Rechtsrheinischen lediglich in der vorderösterreichischen Ortenau und dem bischöflich-straßburgischen Oberamt Oberkirch.

1. Es gärt überall

Die ersten Unruhen auf rechtsrheinischem Territorium begegnen in Önsbach im Oberamt Ortenau. Die Sturmglocken wurden geläutet und Vorgesetzte beleidigt. Der Haufen der Aufständischen, der vor allem aus Bauern bestand, vergrößerte sich rasch und beschloss nach Appenweier zu marschieren. Das dort liegende kaiserliche Kommando stellte sich auf die Seite der Bauern und zog freiwillig nach Offenburg, während jene von den in Appenweier anwesenden Oberamtsräten die Akten über einige Waldungen verlangten. Unter der Erklärung, wiederzukommen, wenn es nicht die Rechten seien, nahmen sie die Schriftstücke mit sich. Im Anschluss an diesen Vorfall wurden in Ortenberg einsitzende Häftlinge befreit .

In Renchen verbrannten Aufständische auf einem Waldplatz, der der Gemeinde bei einem Prozess mit dem Kloster Allerheiligen verlorengegangen war, das auf Befehl des Oberamtes gemähte Heu .

Auch das Kloster Ettenheimmünster befürchtete Übergriffe von Seiten der Bevölkerung . Der Konvent bat vorsorglich die badischen Nachbarn um Schutztruppen. Bevor es jedoch zum Einmarsch von Soldaten kam, konnte Oberamtsverweser Stuber erfolgreich zwischen Kloster und Bürgerschaft vermitteln. Die Kontrahenten einigten sich, obwohl die Zugeständnisse des Konvents minimal waren .

In Oberkirch gelang es dem dortigen Stabhalter, einen Auflauf aufzulösen, bevor derselbe größeren Schaden anrichten konnte, indem er der Bevölkerung zu ihrem Recht zu verhelfen versprach .

Am 22. August 1789 forderte der Straßburger Weihbischof Jacob Lanz die Bevölkerung auf, alle Unruhen zu meiden, der Obrigkeit treu zu bleiben und vor allem für Ruhe und Frieden zu beten . Doch während der Aufruhr in der Ortenau rasch beschwichtigt werden konnte, besserten sich die Verhältnisse im Oberamt Oberkirch kaum . Dies hängt vor allem mit der Person des Landvogts von Bruder(n) zusammen .

Der Landvogt, der sich als Geheimrat und Oberamtmann von Oberkirch und Ettenheim in Renchen niedergelassen hatte , genoss das volle Vertrauen des Landesherren, zeichnete sich allerdings wie die Quellen übereinstimmend berichten - durch ein Höchstmaß an Ungeschicklichkeit aus und vermochte der Unruhen nicht Herr zu werden . Ende August 1789 fuhr er mit einer Deputation nach Zabern, ohne allerdings den Kardinal dort anzutreffen .

Die Lage in Oberkirch blieb kritisch. Diebereien, Raufereien und das Einschlagen von Fenstern scheinen an der Tagesordnung gewesen zu sein. Immer noch drohten die Oberkircher, nach Allerheiligen zu marschieren, um ihren Wald zurückzufordern . Die Zwischenfälle in der Unteren Herrschaft waren vor allem durch die Tatsache, dass die Verwaltung des Oberamtes Ortenau ihre Untertanen nicht restlos im Griff hatte , eine beständige Bedrohung. Ein übergreifen der Unruhen vom Acher- und Renchtal auf die gesamte vorderösterreichische Ortenau war zum damaligen Zeitpunkt mehr als wahrscheinlich.

Bereits am 7. Dezember trafen bei von Bruder drei Expressen des Oberrheinischen Kreises ein. Man war dort entschlossen, den Unruhen nicht länger untätig zuzusehen .

Von Bruder war davon überzeugt, dass lediglich militärisches Eingreifen die Ruhe wiederherzustellen vermochte. Noch im Dezember 1789 befand er sich in Mannheim und Mainz, um die Reichsexekution zu erwirken .

In der Nachbarschaft des Hochstiftes erachtete man dieses Vorhaben als übertrieben. Auch machte die Finanzlage Straßburgs das Einrücken fremder Truppen unwahrscheinlich .

Selbst Oppenau bemühte sich darum, dem Reichskammergericht klar zu machen, dass es keiner militärischen Exekution bedürfe. Von Rebellion könne keine Rede sein; schließlich verlange man nur, was Recht sei, und wenn die Regierung in Zabern der Meinung wäre, dass die Oppenauer zu weit gegangen seien, so solle sie eine Untersuchungskommission einsetzen. Einem gerechten Urteil des Landesherren werde man sich auf jeden Fall beugen .

Als in Wetzlar bekannt wurde, dass Bruder die Angelegenheit völlig überzogen dargestellt hatte, musste die bereits zugestandene Exekution wieder zurückgenommen werden . Am 21. Dezember brachte der aus Mannheim zurückkehrende Schultheiß Burger von Sasbach die Versicherung, dass augenblicklich keine Exekutionstruppen zu befürchten seien . Von Bruder hingegen versuchte, als sich die Lage im benachbarten Oberamt Ortenau im Dezember erneut zuspitzte , die Exekution bei Kur-Mainz und Kurpfalz zu erwirken. Allenthalben hörte man daraufhin, dass 1600 Mann zur Dämpfung der Unruhen ins Oberkirchische entsandt würden . Gleichsam im letzten Augenblick versuchten die Gerichte der Unteren Herrschaft die drohende Exekution auf dem Gerichtsweg abzuwenden. Sasbach, Renchen, Oberkirch und Oppenau erklärten, dass es für eine solche Maßnahme keinerlei Grund gebe . Doch auch eine eigens verfasste Schrift , auch die Absicht der Gericht Kappelrodeck und Waldulm, beim Einmarsch von Truppen ernsthaftesten Widerstand zu leisten und fortan auch dem Fürstbischof keine Gelder mehr abzuführen , konnten nicht hindern, dass am 15. Februar 1790 - während die Ortenau von Truppen völlig befreit war - im Oberamt Oberkirch Exekutionstruppen einmarschierten.

2. Exekutionstruppen

1032 Mann - je zur Hälfte mainzische und pfälzische Soldaten - rückten mit vier Kanonen, zwei Haubizen, blanken Säbeln, gespannten Hähnen und brennenden Lunten in Renchen ein . Die Organisation des Unternehmens, die in den Händen des Landvogts lag, war äußerst mangelhaft ‚ nicht einmal für die Bezahlung der Soldaten und die nötigen Lebensmittel war gesorgt worden . Die Truppen marschierten bereits, als Landvogt von Bruder ausschrieb, dass Renchen

"... 200 Frt: Korn, 100 Firt:
Waitzen, 100 Frt: Habern, 200. Centner Heu, 2000 Bund
Stroh, 2. Centner Lichter, 50 Claft: Holtz, 12 000 fi Geld,
sodann Fleisch, Butter, Eyer, Schmaltz, Gemüß: pp: nach
Nothdurfft beischafen solle. "

Die Bevölkerung hatte nicht nur die Schmach der Strafe selbst, sondern auch die finanzielle Belastung zu tragen . Jeder Soldat forderte 48 xr pro Tag und die Besoldung der Offiziere lag entsprechend darüber.

Am 1. März begann eine Untersuchungskommission, die Schuldigen am Aufruhr ausfindig zu machen . Bis zum 22. März hatte man in Renchen die halbe Gemeinde vernommen. Von Blittersdorf war der Ansicht, dass das Verhör, das man schließlich in Wagshurst fortsetzte, an mangelnder Personal- und Sachkenntnis der Kommission litt, die sich seiner Meinung nach weniger mit den Ursachen und Urhebern befasste, als mit Ermittlungen im Interesse Bruders darüber aufhielt, wer sich durch Schimpfreden oder Drohworte gegen den Landvogt hervorgetan hätte .

An Kosten hatte das Gericht Renchen zu diesem Zeitpunkt bereits 17 000 fI, Oppenau 2000 fl und die übrigen Gerichte je 4000 fl vorgeschossen; am 22. März erhielt Bruder ein Darlehen von 2000 fl vom Kloster Ettenheimmünster .

Die ständig steigenden Belastungen trieben die Untertanen der Herrschaft Oberkirch an den fand der Verzweiflung. Am 4. April wurden neue Aufstandsgerüchte laut. In Oberkirch sprach man davon, dass man mit den Ortenauern gemeinsam die Soldaten vertreiben solle . In dieser immer bedrohlicher werdenden Situation nahm sich der badische Minister von Edelsheim der Sache an. Unterstützt von seinem Freund Johannes Müller, Ratgeber beim Kurfürsten, intervenierte er direkt in Mainz, dessen Kommissar ganz unter dem Einfluss des Landvogts von Bruder stand .

Edelsheim bemühte sich um den Abzug der Exekutionstruppen. Seiner Überzeugung nach würde dies den Sturz des Landvogts von Bruder - seine Abneigung gegen denselben schien nahezu unüberwindlich - nach sich ziehen.

"Man muß Bruder bremsen, die Untertanen anhören, anstatt den Empfehlungen dieses teuflischen Bruders zu folgen, die Abgaben verringern, daß die Einwohner des Landes sie tragen können; nicht dulden, daß die Kommissäre es mit Bruder halten, und sich eines Mittels versichern, um sich Respekt zu verschaffen, dann wird alles gut gehen, und die Kommissäre behielten ihre Würde, ihr hohes Ansehen in puncto Gerechtigkeit und Rechtlichkeit, die sich einer von beiden mit vollem Recht erworben hat."

Als Mitte April 1790 bekannt wurde, dass in Renchen der Befehl zum Abmarsch der Truppen von beiden Subdelegationshöfen eingetroffen sei, führ Bruder sofort dorthin, um den Vollzug dieser Anordnung zu verhindern. Durch bewusste Fehlinformation versuchte er sogar eine Verstärkung der Truppen zu erreichen .

Während sich die Zustände in der Unteren Herrschaft weiter verschlimmerten, hatte der bischöfliche Landesherr keinerlei Vorstellung von den Vorgängen. Bruder verstand es, sich in der Gunst des Fürsten zu erhalten. Als Hofrat Ebling Anfang Mai den Kardinal aufsuchte, wurde er nicht vorgelassen.

"Man hat ihm zu erkennen gegeben, das Zutrauen des Hr. Kardinals gegen den Bruder daure fort; der Hr. Kardinal glaube, die Exekution sei eine Wohltat für das Land; den Bauern könne man jetzt den Ernst zeigen, Polizeieinrichtungen und andere Anordnungen treffen, die man bis nun habe unterlassen müssen. Wäre die Not so groß, als man sie vorspiegle, so würden die Gerichter selbst die Gnade des Herrn anflehen.           Unglücklicher Fürst und noch unglücklicheres Land!"

Edelsheim wandte sich erneut an Johannes Müller und schilderte ihm die Lage . Nicht zuletzt seinem Einsatz war es zu verdanken, dass die Exekutionstruppen im Sommer abgezogen werden konnten. Die 'Rädelsführer' wurden verhaftet und in Gewahrsam genommen .

3. Von Urteilen und Finanzen

Als am 19. September vom Reichskammergericht in Wetzlar die Streitigkeiten des Kardinals mit seinen Domkapitularen geschlichtet wurden, empfahl man dem Fürstbischof, den Landvogt von Bruder aus seinem Amt zu entlassen. Auch sollten die Gefangenen in Mainz, Mannheim und Renchen freigelassen werden . Daraufhin reiste Amtmann Stuber Mitte Oktober nach Wetzlar, um den weiteren Verbleib der Gefangenen in den Zuchthäusern von Mainz und Mannheim zu erreichen . Stuber blieb dort bis in den November hinein und erwirkte am 9. November ein Urteil, das einige Änderungen bezüglich der Gefangenenentlassung anordnete. Dem Kardinal wurde dabei erneut nahegelegt, den Vergleich, den man ihm im Urteil vom 19. September vorgeschlagen hatte, doch noch in Vollzug zu setzen . Als Stuber Ende November in Ettenheim eintraf , war klar geworden, dass die Entlassung der Häftlinge in Bälde bevorstand. Am 17. Dezember wusste man bereits in Mahlberg von der Freilassung der Oberkircher Gefangenen aus dem Mainzer Zuchthaus. Die Mannheimer hielten die bei ihnen einsitzenden Häftlinge jedoch noch zurück. Sie warteten bis zur völligen Bezahlung der angefallenen Kosten . Wiederum musste Geld aufgenommen werden .

Das nächste Urteil des Reichskammergerichtes erging am 23. Dezember 1791 ‚ und im Februar 1792 traf der Kurkölnische Hofrat Blum in Ettenheim ein, der als neuer Administrator für das Oberamt Oberkirch vorgesehen war . Der 'ganz unfähige' Landvogt von Bruder, der sein Amt mit 30 000 Gulden eingekauft hatte, und von dem man behauptete, dass er

"... keine drei Tage in seinem Leben gearbeitet und keine drei soIiden Bogen je geschrieben habe...",

musste sein Amt niederlegen .

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 19. April 2003