II. Eine Provinzstadt wird attraktiv

Nie hatte Louis de Rohan, der bischöfliche Landesherr, Straßburg als seinen eigentlichen Wirkungsort angesehen. Die große Welt war das Betätigungsfeld der Rohans. War der Koadjutor und nachmalige Kardinal kaum einmal in seinem Bistum anzutreffen gewesen, so spielte die Stadt Ettenheim erst recht nahezu gar keine Rolle in seinem Leben. Als Kardinal Louis Constantin im Jahre 1758, zwei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Straßburg, sich in die Obere Herrschaft des Hochstiftes begab, um die Huldigung seiner Untertanen entgegenzunehmen, hatte der 'prinz lui von Rohan der nach ßeinem dodt fürst werden ßolle' seinen Onkel nach Ettenheim begleitet und damit zum erstenmal seine spätere Residenz betreten .

1. Der 'Prinz Louis' und Ettenheim

In der Folge dieses großangelegten Besuches aus dem Jahre 1758 hört man im Rechtsrheinischen kaum etwas vom 'Prinz Louis'. Joann Conrad Machleid, der durch die Ausführlichkeit seiner Aufzeichnungen besticht, weiß bis zum Tod Kardinal Louis Constantins nichts mehr von ihm zu berichten .

Auch nach dem Wechsel des Landesherren änderte sich daran wenig. Erst am 10. Februar 1784 trägt Machleid erneut etwas Denkwürdiges vom 'lantsfürsten' in sein 'Diarium' ein. Der Kardinal hatte den Armen der Stadt je zwei Pfund Brot zukommen lassen .

2. Die Zeichen der Zeit

Am 15. Mai 1787 interessiert sich der achtzehnjährige 'prinz von Roschwo' auffallend für das Oberamt Ettenheim und das Kloster Ettenheimmünster . Bereits am 10. September 1788 wiederholte sich dieser Vorgang . Vier Tage später, am 14. September 1788, ...

"... hat mann
ein gebett angefangen, vor unßeren
lantsfürsten, am ßontag im hochambt..."

Lauretanische Litanei, fünf Vater Unser, fünf Ave Maria, Credo und die lateinischen Orationen waren gemeinsam mit den übrigen Ereignissen Hinweise auf ungewöhnliche Entwicklungen, die Joann Conrad Machleid und die rechtsrheinische Bevölkerung lange nicht zur Gänze durchschaut haben.

Als Rohan am 20. Januar 1789 nach einem erneuten längeren Aufenthalt in Paris wiederum in Zabern einzog, ...

"... da schien ein letztes Mal der Geist der alten Treue und Anhänglichkeit unter der Bürgerschaft aufzuleuchten. Vor dem Schlosse hatten die Einwohner der Stadt einen prachtvollen Triumphbogen errichtet, mit der Inschrift: Principi Reddito Votis. Doch diese Freudensbezeugungen waren trügerisch; es war die trügerische Ruhe der Natur vor dem Sturm."

Nachdem der Kardinal nun wiederum in seiner Diözese weilte, wurden die rechtsrheinischen Untertanen darüber unterrichtet, dass der Landesherr ihnen einen Besuch abzustatten gedenke. Mit einem großen 'Jubelfest' wurde im Februar 1789 in Ettenheim diese Nachricht aufgenommen .

Am 11. Juli begann der Kardinal die Visitation seiner rechtsrheinischen Besitzungen in der 'Unteren Herrschaft', in Renchen, mit einem nicht unbeträchtlichen Gefolge von insgesamt 60 Personen . Im Oberamt Oberkirch verbrachte er drei Tage, bevor er am 15. Juli nach Ettenheim abreiste .

Erzpriester Anton Sartori vom Lahrer Landkapitel hatte bereits einige Tage zuvor den Camerarius des Kapitels, die Definitores und die Ettenheim benachbarten Pfarrer eingeladen, sich am 15. Juli mit Talaren und Chorhemden im Ettenheimer Pfarrhaus einzufinden, um dem Kardinal gemeinsam mit dem Erzpriester die Aufwartung zu machen. Zweiundzwanzig Geistliche des Kapitels versammelten sich daraufhin in Ettenheim; darüber hinaus waren sechs Patres des Kapuzinerkonvents in Mahlberg und zwei Franziskaner aus Kenzingen anwesend .

Gegen vier Uhr zog man von der Kirche mit Kreuz und Fahnen - die Ratsherren trugen den Himmel - dem Landesherren bis zum äußersten Tor der Stadt an der Dirnlebrücke entgegen . Von Kenzingen hatte man österreichische Soldaten - 36 Reiter und 40 Mann zu Fuß - ausgeliehen, die vor den zwischen fünf und sechs Uhr ankommenden Kutschen Spalier zu stehen hatten . Pfarrer Mast aus Ettenheim hielt, als der Fürst, der Talar, Chorhemd und Rocheta trug, den Reisewagen verließ, eine lateinische Ansprache. Erzpriester Sartori begrüßte den Bischof auf Französisch, bevor Amtmann Reich das deutsche Grußwort an den Landesherren richtete und die Stadtschlüssel überreichte. Im Anschluss daran überbrachte Pater Anselm Sartori, Prior von Ettenheimmünster, die Einladung des Klosters, bevor man in Prozession zur Kirche ging . Alle Ettenheimer Bürger, die im Besitz eines Gewehres waren, hatten Spalier zu stehen und die Menge der Schaulustigen zurückzuhalten, die sich bereits lange bevor der Kardinal dem Wagen entstiegen war, auf der Straße so drängte,

"... daß mann nit hat könen auff der gaßen lauffen."

Die Kleriker intonierten im fünften Ton das 'Benedictus' während man durch die geschmückten Straßen der Stadt zog. Unter vollem Geläut der Glocken und den 'Vivat-Rufen' der Bevölkerung begab man sich den Kirchberg hinauf. Rohan betrat die Kirche, die knappe sieben Jahre zuvor konsekriert worden war, und Erzpriester Sartori reichte ihm das Weihwasser . Im Chor war ein neuer Baldachin errichtet worden,

"... der bett stuehl, und knie banckh, waren alles
mit Rothem scharlatin gedeckt xxxx und daß
kniekißig, und zue den armen von Rothem ßamt,
er hate ein Roth Keple auff ein langen thalar,
und Rotten mantel an, wie ein prelat hat."

Rohan bestieg den Thron und unter den Klängen des 'Te Deum' wurde das Allerheiligste ausgesetzt. Erzpriester Sartori erteilte nach dem 'Tantum ergo' den sakramentalen Segen, woraufhin man den die Bevölkerung segnenden Kardinal zum Amtshaus geleitete . Unterdessen wurde mit den 'Katzenköpfen' und den kleinen messingenen Kanonen der Stadt Salut geschossen .

Eine Stunde lang hielt sich der Kardinal im Ettenheimer Amtshaus bei einem Abendessen auf, bevor er mit seiner Begleitung in Richtung Ettenheimmünster fuhr. Dort aß man ein zweites Mal zu Nacht. Das vorbereitete Feuerwerk entfaltete aufgrund des Regenwetters allerdings nicht die gewünschte Pracht .

Am 16., nachdem der Kardinal dem Hochamt in der Klosterkirche beigewohnt hatte, kamen die Vertreter des Lahrer Ruralkapitels der Einladung des Bischofs zum gemeinsamen Mittagessen im Kloster nach . Im weiteren Verlauf des Tages besuchte der Kardinal die Klosterbibliothek und die übrigen Klostergebäude, bevor die Festlichkeiten am Abend - bis 23 Uhr gab man 'türkische Musik' - erneut mit Feuerwerk und Illumination ausklangen . Am 17. Juli brach der Landesherr nach Kappel auf, wo Pfarrer Ignaz Pauly einige Grußworte an den Fürsten und Bischof richtete. Im Anschluss daran setzten die sechs Kutschen über den Rhein über und kehrten über Benfeld nach Zabern ins fürstliche Schloss zurück .

Einer der glanzvollen Auftritte, die der Kardinal so liebte, war vorüber. Am 11. Juli 1789 hatte er in Renchen begonnen, am 15. Juli in Ettenheim einen Höhepunkt gefunden. Einen Tag vor dieser prächtigen Selbstdarstellung des 'Ancien régime' hatte das aufgebrachte Pariser Volk die Mauern der Bastille gestürmt.

3. Revolution

Feierlichkeiten wie die in den rechtsrheinischen Oberämtern waren die Ausnahme geworden. Die Spannungen zwischen der Zaberner Bürgerschaft und der bischöflichen Regierung hatten sich in der ersten Hälfte des Jahres 1789 zugespitzt . Aufgebrachte Bürger drangen in den bischöflichen Palast ein und Rohan glaubte für sein Leben fürchten zu müssen. In einer Erklärung wurde dem Kardinal unterbreitet, dass man nicht mehr bereit sei, die Wachen vor dem bischöflichen Schloss - wie bislang üblich - zu stellen. Die bischöfliche Regierung beschloss, für den Wachdienst Invaliden anzuwerben, was den Unmut der Bevölkerung steigerte und zu neuen Unruhen Anlass gab. Rohan wandte sich daraufhin an Marechal de Stainville, Oberkommandierender im Elsass, der im Mai 1789 zweihundert Mann von dem in Pfalzburg stationierten Regiment 'La Fère' nach Zabern sandte, um Ruhe und Ordnung dort wiederherstellen zu lassen. Die Bürgerschaft musste den Wachdienst sowohl an den Stadttoren als auch am Eingang des bischöflichen Schlosses wieder aufnehmen; die Soldaten wurden abgezogen. Stainvilles Nachfolger' ‚ Marechal de Rochambeau, beorderte hingegen erneut zwei Grenadier-Kompanien des Regiments 'La Fère' nach Zabern, um Ausschreitungen im Keim ersticken zu können.

Am 31. Juli 1789 - kaum hatten die Soldaten Quartier bezogen - erschienen etwa fünfzig Weitersweiler Bauern vor der Amtswohnung des Rohan'schen Schaffners Andreas Pettmesser, um alte Urkunden über die Waid- und Holzrechte zu fordern . Als sich daraufhin das Gerücht eines Aufruhrs in der Stadt verbreitete, ließ der Fürstbischof nach Beratung mit dem Prince de Rohan-Rochefort und seinem Hofmeister, dem Marquis de Montigny, die Stadttore schließen und Alarm schlagen. Die Soldaten des Regiments 'La Fère', unterstützt vom mit Knüppeln bewaffneten Hofgesinde, schlugen den Aufstand der Weitersweiler Bauern blutig nieder .

Auch Straßburg war in diesen Monaten Schauplatz verschiedener Unruhen. Als die Straßburger am 15. Juli, begeistert über die Vorfälle in Paris, Freudenfeuer anzündeten und die Stadt illuminierten, kam es dazu, dass Fenster eingeworfen, Verwaltungsbeamte lächerlich gemacht und mit dem Tod bedroht wurden. Die Kutschen der Ratsherren bewarf man mit Kot und das Rathaus musste von Soldaten abgeschirmt werden, was nicht hinderte, dass dasselbe am 21. Juli dennoch gestürmt wurde . Um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, ließ der Straßburger Magistrat am 24. 600 Personen festnehmen und einen Tag darauf einen auswärtigen Zimmermannsgesellen, der beim Diebstahl von 50 Louisd'or ertappt worden war, hängen.

Doch die Bürgerschaft war nicht mehr in den Griff zu bekommen. Im August wurden die Gefängnisse aufgebrochen, und die Generalität ergriff die Flucht. Die Offiziere, die in Straßburg blieben, befanden sich in Lebensgefahr .

Die Unruhen durchzogen das ganze Elsass. Die Juden aus dem Sundgau wurden ausgeplündert und befürchteten die Ausweisung; viele zogen die Flucht vor. In Gebweiler wurde das dortige Domkapitel vertrieben und die adligen Frauen des Stiftes zu Ottmarsheim benötigten militärischen Schutz .

Als in diesem Durcheinander der aufrührischen Kräfte das Gerücht laut wurde, dass alle Klöster aufgehoben werden sollten, nur noch Bischöfe und Pfarrer, samt Diakonen gegen Gehalt geduldet würden, alles andere jedoch verkauft werden solle , begaben sich Weihbischof Johann Jacob Lan(t)z und der protestantische Dr. theol. Müller zu General Rochambeau, wo Katholiken und Protestanten beschlossen, in dieser Zeit keinerlei Streitigkeiten miteinander anzufangen, um gemeinsam zu retten, was zu retten wäre. Das neuerliche 'gute Vernehmen' zwischen den Konfessionen wurde den Bürgern von den Kanzeln herab verkündet, die Kontroverspredigten in der Kathedralkirche zu Straßburg bis auf weiteres abgeschafft .

Vier Wochen später, am 12. September 1789, fuhr Kardinal Louis de Rohan als Deputierter der Nationalversammlung nach Versailles und Paris .

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Letzte Änderung: 29. Mai 2004