Ethnomasochisten

"... ich bin neulich mehr oder minder zufällig über ihre Webseite gestolpert, und habe mich ein wenig darin oder darauf umgesehen. Wie nicht anders zu erwarten, gab es dabei mehr oder weniger interessante Dinge, wie ihren Beitrag zur Kritik an Hofstedes Pionierarbeit. Was mir allerdings übel aufstieß, war die Rubrik "kein Platz für Rassismus".
Warum? Sehr einfach: Weil Sie, wie so viele andere in diesem Land, offenbar selbst voller Haß stecken und vollkommen blind sind: Haß auf sich selbst und die eigene Kultur, blind gegenüber den wahren Rassisten, die - durch Indoktrination von Kindesbeinen an - Toleranz für Schwäche halten, und der aufgeklärten westlichen Kultur deshalb mit Verachtung gegenüberstehen: unwillig und vor allem unfähig allein schon zu dem Versuch, das eigene megalomanische Selbstverständnis zu hinterfragen."

So beginnt eine lange Mail, die mir dieser Tage jemand, der sich Kerstin K. nennt, hat zukommen lassen [Nachname hier abgekürzt]. Es ist auch eine funktionierende Mailadresse angegeben. Ansonsten weiß ich aber nichts von dieser Person, die mich wiederum sehr gut zu kennen vorgibt. Zumindest meint sie ja, beurteilen zu können, dass ich voller Hass auf mich selbst stecken würde. Das aber entnimmt sie wohl einzig dem Umstand, dass ich für eine offene und vielfältige Gesellschaft einstehe und dieses Deutschland, wie ich es seit nunmehr fast sechzig Jahren kenne, genauso wie es ist, mit all den Freiheiten und in seiner ganzen Diversität, schätzen gelernt habe.

"Sie reden von "Unsinn" und beklagen "Beratungsresistenz" auch im Angesicht von Fakten. Genau das ist jedoch, was ich ein ums andere Mal in Diskussionen mit selbstgerechten politkorrekten Zeitgenossen beobachte.
Ich erinnere mich z.B. noch gut an Zeiten, als es noch keine "polizeibekannten Intensivtäter", keine "Clan-Kriminalität" und keine "Familienfehden" gab, man für einen "falschen" Blick oder ein "falsches" Wort noch nicht abgestochen wurde, eine junge Frau nach einer Trennung (oder ein Fahrkartenkontrolleur bei der Arbeit) noch nicht in Lebensgefahr schwebten, und sich keine LKWs oder Maschinengewehre auf Weihnachtsmärkte verirrten. Von rechtsfreien No-Go-Areas in unseren Innenstädten ganz zu schweigen.
Das alles sind Fakten. Sie sind tagtäglich erfahr- und erlebbar, und sie stehen im krassem Widerspruch zu den politkorrekt verordneten Geglaubtheiten. An solchen Widersprüchen, Herr sieger, erkennt man Diktaturen!"

Ich weiß nicht, wo Frau K. aufgewachsen ist und ich weiß auch nicht, wie alt sie ist. Ich jedenfalls habe in den letzten sechs Jahrzehnten diese Zeiten, von der sie spricht nicht kennengelernt. Man benannte diese Dinge zwar nicht mit all diesen Anglizismen, aber die damit bezeichneten Phänomene gab es nicht minder. Ich kenne aus meiner Kindheit noch all die Plakate, mittels derer man Terroristen suchte, weiß von den einschlägigen Meldungen in der Tagesschau und habe während meiner Arbeit in Sachen Digitalisierung mehrerer Zeitungsjahrzehnte kaum eine Ausgabe eines Nachrichtenblattes gesehen, in der nicht von Gewalttaten und abscheulichen Verbrechen in der näheren oder weiteren Umgebung berichtet wurde. Und ich höre noch die Worte meiner Großmutter, dass man ja nicht mehr alleine aus dem Hause gehen könne.

Ich weiß aber auch aus Erzählungen, dass die Zeiten davor kaum viel erstrebenswerter gewesen sein müssen. Vor allem für Ehefrauen, die noch bis in die Tage meiner Kindheit hinein, die Genehmigung ihres Mannes brauchten, um arbeiten gehen, ein eigenes Bankkonto eröffnen (erst 1962) oder einen Pass beantragen zu können. Und ich bin froh, dass wir dies alles hinter uns gelassen haben. Solche Zeiten will ich nicht zurück.

Natürlich hat Frau K. recht, dass es all diese Verbrechen gibt. Und jedes von ihnen ist abscheulich und durch nichts zu rechtfertigen - heute nicht, früher nicht, zu keiner Zeit. Und ich kenne niemanden, den ich ernst nehmen könnte, der dies in Abrede stellt. Es gibt kriminelle Banden, es gibt Terroristen, ideologisch verblendete Menschen, Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen und all das, was ich in seiner Gesamtheit wohl nicht einmal auszudenken in der Lage bin. Aber es gibt niemand, der mir verordnet, politsch korrekt anderes zu glauben.

"Wie, so fragt man sich, konnte dieses Land soweit herunterkommen? Die Antwort hat einen Namen: Ethnomasochismus. Also das Lustgefühl an der Demütigung - in diesem Fall jedoch nicht der eigenen Person, sondern der eigenen Kultur. Es stammt aus einem pathologisch übersteigerten Schuldkomplex. Und es resultiert in Rassismus. Rassismus in seiner perversesten Form. Rassismus gegen die eigene Identität. Rassismus gegen sich selbst."

Damit hat Frau K. allerdings nicht recht. Diesen Absatz gründet sie auf ein Gedankenfundament, das wie aus einer Reihe von Säulen besteht und in sich zusammenfällt, wenn auch nur eine davon in Schieflage gerät. Und es hält keine einzige einer näheren Betrachtung stand.

Der Text, den mir Frau K. geschickt hat, ist noch lange nicht zu Ende. Da er sich in der Folge jedoch über weite Strecken wie aus Publikationen von Martin Sellner abgeschrieben liest - dem Kopf der österreichischen Identitären Bewegung -, unterlasse ich es an dieser Stelle, diese kruden Gedanken, allein indem ich sie zitiere, auch noch weiter zu verbreiten. Auch wenn Menschen, die so denken, sich gegenwärtig sehr laut äußern, danke ich Gott dafür, dass diejenigen, die differenziert auf die Dinge schauen, Probleme, die bestehen, klar benennen, aber trotzdem nicht einfach Sündenböcke herbeizerren, die absolute Mehrheit bilden. Es wird so gerne das Wort vom "christlichen Abendland" bemüht. Ein solches Abendland verdient diese Bezeichnung aber nur dann, wenn es sich auch wirklich an Jesus von Nazareth orientiert. Bei ihm aber gibt es keinen Platz für Rassismus.

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