Überlebenschance

"Glauben Sie, dass mit der extremen Verbreitung des Islam in ganz Europa die christliche Kirche eine Überlebenschance haben wird?" fragt mich Andreas H. besorgt und seine Sorge hat einen ganz eigenen Charakter. Andreas H. ist Jude und ich verstehe die Angst vieler Juden vor islamistischem Terror - in Israel genauso wie bei uns.

Dabei bin ich froh, dass die allermeisten Juden die Christen nicht in dieser Weise mit Antisemiten identifizieren, wie man das mit dem Islam tut. Man spricht bei uns von der rechten Szene und von Neonazis und von ungebrochenen antisemitischen Strömungen. Zum Glück differenziert man hier aber und wirft das Christentum damit nicht einfach in einen Topf. Zum Glück geht es uns nicht so, wie der überwältigenden Zahl der absolut friedlichen Muslime, die unterschiedslos mit Islamisten in einem Atemzug genannt werden.

Dabei hätte das Judentum allen Grund dazu, das Christentum als Bedrohung zu empfinden. Im Neuen Testament gibt es genügend Stellen, die nicht nur von latentem, sondern recht offenem Antisemitismus geprägt sind. Und das meiste Leid in der Geschichte erfuhren Juden durch Menschen, die im christlichen Kulturkreis aufgewachsen sind, christlich getauft waren und das Sprechen von den Juden als "Gottesmördern" als willkommene Begründung für ihren Hass gebrauchten.

Aber ich habe keine Angst - zumindest nicht um die Zukunft des Christentums oder irgendeiner anderen Religion - wor allem nicht nicht, wenn ich mir anschaue, was Gott wohl im Letzten vor hat.

Ja, wenn wir es so betrachten, wie Menschen das zu tun pflegen und wie das auch durch all die Jahrhunderte hindurch getan wurde, dann mag man sich allen Ernstes die Frage stellen, wie der Konkurrenzkampf unter den Religionen wohl ausgehen mag. Denn nichts anderes ist es ja! Sie stehen in unerbitterlicher Konkurrenz: das auserwählte Volk, das alleinseligmachende Christentum und der alleingültige Islam.

Wo Religionen und Religionen und religiöse Überzeugungen aufeinanderprallen, gibt es bekanntlich kaum Kompromisse. Entweder hat die eine recht oder die andere. Beides geht ja wohl schlecht - es kann doch nur eine geben, nur eine wahre Religion- Und weil das eben so ist, deshalb kann es auch kaum Frieden geben, weder in Palästina noch sonst irgendwo, wo Alleingültigkeitsphantasien aufeinanderprallen. Unendlich viel Leid hat dieser Kampf zwischen den Religionen schon über die Menschheit gebracht. Und geschichtlich betrachtet kommt das Christentum da nicht besser weg als der Islam.

Dabei gibt es in der Bibel einen Text, der uns zeigen müsste, dass Gott ganz anders denkt, dass Gott auch hier weit größer ist, als unser Herz und unser Verstand und dass dieser Konkurrenzkampf und das Denken in Rechthabereien und Alleingültigkeitsphantasien letztlich nichts anderes als widergöttlich ist. Er findet sich im 19. Kapitel des Jesajabuches (Jes 19,17-25).

In diesem Text geht es um Israel und Ägypten - den alten Todfeind, das Land der Bedrückung. Und es geht um Assur - den schrecklichen Aggressor, der im 8. Jahrhundert vor Christus ganz Palästina verwüstet hatte. Und es geht um eine Vision, um das, was Gott offenbar mit diesen drei Nationen vor hat - Nationen, die für viel mehr stehen als für Israel, Ägypten und Assur: Eigentlich sind es Symbole - Symbole für die miteinander verfeindeten Völker und Religionen schlechthin.

Israel stellte sich die Zukunft ja bekanntlich so vor: Am Ende der Tage werden alle zum Zion kommen, sich alle zu Israel bekehren und mit Israel zusammen Gott auf dem Zion anbeten. So wie es ganz ähnlich - nur unter anderen Vorzeichen natürlich - die Christen erhofften und erhoffen: dass sich am Ende nämlich alle zum Christentum bekehren, und - am Besten den Papst an der Spitze - Gott entgegenmarschieren würden; dann wäre ja alles in Ordnung. So stellen es sich, auch heute noch - gerade bei uns - sehr viele vor.

Stellt es sich Gott aber auch so vor? In Jesaja 19 heißt es:

"An jenem Tag werden fünf Städte in Ägypten die Sprache Kanaans sprechen und beim Herrn der Heere schwören. (...) An jenem Tag wird es für den Herrn mitten in Ägypten einen Altar geben, und an Ägyptens Grenze wird ein Steinmal für den Herrn aufgestellt."

Mitten in Ägypten - nicht auf dem Zion - ohne Vermittlung Israels! In Ägypten selbst beginnt man auf seine ganz eigene Weise, Gott zu erkennen und ihn zu verehren. Israel würde da sagen: Das ist ganz unmöglich, die müssen zuerst zu uns kommen. Nur auf dem Zion kann man Gott wirklich die rechten Opfer darbringen. Und die Christen würden sagen: geht doch gar nicht, die müssen doch zuerst getauft werden. Und dann muss das Ganze ja auch noch kirchenrechtlich abgesichert sein ...

Aber die biblische Vision kümmert sich wenig um solche Einwände. Der biblische Bericht fährt sogar fort:

"Wenn sie" - die Ägypter - "beim Herrn gegen ihre Unterdrücker Klage erheben, wird er ihnen einen Retter schicken, der für sie kämpft und sie befreit."

Da wird Ägypten - nicht Israel - ein Retter, letztlich bedeutet das ein Messias, verheißen. Das ist eine messianische Verheißung für Ägypten! Und als ob das alles noch nicht reichen würde, fährt der Text fort:

"An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach" - nein nicht nach Israel -, "nach Assur führen, so dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können."

Die Todfeinde versöhnen sich und das ganz ohne Vermittlung des auserwählten Volkes.

Und dann kommt das für Viele letztlich unvorstellbare:

"Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen."

Unabhängig vom Judentum! Unabhängig vom Christentum! Die anderen Völker, die ehemaligen Feinde, erkennen den Herrn und verehren ihn auf ihre Weise. Das muss man hören auf dem Hintergrund all der Vorstellungen, die sich Menschen normalerweise von Gott und von den Religionen machen. Da kommen die beiden Feindvölker über alle Grenzen von Nation und Religion zum Glauben an den einen Gott und verehren ihn ganz einfach auf ihre Weise - und Gott ist das recht!

Und dann setzt der Prophet sogar noch einmal eins drauf:

"An jenem Tag wird Israel" - nicht als erstes - "als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde."

Das auserwählte Volk stößt als letztes dazu! Und wenn wir das Ganze in die heutige Zeit übertragen, steht plötzlich die Frage im Raum, wann denn die alleinseligmachende Kirche begreifen würde, was der Herr da unter den Völkern wirkt, wann wir uns aufraffen würden, solch einem weltumspannenden Friedensbund die Hand zu reichen.

Und beim abschließenden Satz, habe ich mich, schon seit ich die Stelle kenne, gefragt, warum nicht bereits die Theologen Alt-Israels diesen Teil aus der Bibel gestrichen haben. Eigentlich unvorstellbar, was Gott hier, durch den Propheten den Menschen sagen lässt:

"Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk," - nicht mein Volk Israel: mein Volk Ägypten! - "und Assur", "gesegnet ist Assur, das Werk meiner Hände", "und Israel," - ganz am Ende - "Israel mein Erbbesitz."

Das ist Friedensbotschaft - eine universale Heilsbotschaft, wie ich sie nirgendwo sonst bisher gefunden habe. Das ist die Vorstellung, eines weltumspannenden Friedens, wie Gott sie hat. Jeder findet auf seine Weise zu ihm und alle sind ihm am Ende genau auf diese Weise lieb und teuer: sein Volk, Werk seiner Hände und sein Erbbesitz. Alle Rechthaberei, alle Streitigkeiten, wer denn jetzt Gott richtig erkannt und recht verehrt habe, scheinen hier, in den Augen Gottes, nichtig und klein.

Das ist eine Vision von Frieden - einem Frieden, wie er allein auf diesem Weg, im Nahen Osten zu erlangen sein dürfte - wie er allein auf diesem Weg zwischen den Religionen möglich sein dürfte. Und eine Vision, die Grundlage für jeden Dialog zwischen den Religionen sein muss.

Wenn wir in den Dialog mit Menschen anderen Glaubens treten, dann müssen wir uns immer vor Augen halten, dass wir mit Menschen reden, die Gott als Werk seiner Hände betrachtet. Wenn wir mit anderen Nationen und anderen Völkern verkehren, dann müssen wir uns bewusst machen, dass es sich auch hier um Völker handelt, zu denen Gott "mein Volk" sagt.

Ich kann die Sorge verstehen, die hinter der Frage steht, ob die christliche Kirche bei der enormen Verbreitung des Islam eine Überlebenschance habe. Aber diese Sorge greift viel zu kurz. Ich frage mich vielmehr, ob wir begreifen werden, was Gottes eigentliches Anliegen ist. Ob wir seine Vorstellung von diesem endzeitlichen, vorbehaltlosen und partnerschaftlichen Bund des Friedens wirklich begreifen werden. Wenn ich den Propheten nicht völlig falsch verstehe, dann geht es Gott nicht darum, dass eine einzelne Religion die Oberherrschaft erlangt. Einzig wichtig ist ihm, dass wir durch sie zu ihm gelangen. Oh, wenn wir nur begreifen würden, dass es um das Miteinander geht und nicht darum, wer recht hat ...

... und Frieden auf Erden.

 

Jörg Sieger

"Das Land Juda wird für Ägypten zum Schrecken werden. Sooft man Judas Namen erwähnt, erschrickt Ägypten vor dem Plan, den der Herr der Heere gegen Ägypten gefasst hat. An jenem Tag werden fünf Städte in Ägypten die Sprache Kanaans sprechen und beim Herrn der Heere schwören. (...) An jenem Tag wird es für den Herrn mitten in Ägypten einen Altar geben, und an Ägyptens Grenze wird ein Steinmal für den Herrn aufgestellt. Das wird ein Zeichen und Zeugnis für den Herrn der Heere in Ägypten sein: Wenn sie beim Herrn gegen ihre Unterdrücker Klage erheben, wird er ihnen einen Retter schicken, der für sie kämpft und sie befreit. Der Herr wird sich den Ägyptern offenbaren, und die Ägypter werden an jenem Tag den Herrn erkennen; sie werden ihm Schlachtopfer und Speiseopfer darbringen, sie werden dem Herrn Gelübde ablegen und sie auch erfüllen. Der Herr wird die Ägypter zwar schlagen, er wird sie aber auch heilen: Wenn sie zum Herrn umkehren, lässt er sich durch ihre Bitte erweichen und heilt sie. An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, so dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen. An jenem Tag wird Israel als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz." (Jes 19,17-18a. 19-25)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
Diese Seite ist Teil der Textsammlung unter dem Titel "Jetzt reichts! Kein Platz für Rassismus ..."