Einen Gefallen tun

"... tun Sie Ihrem Land den Gefallen und informieren Sie sich über die Islamisierung Europas", schrieb mir Victor E. und ich gebe zu, ich weiß bis heute nicht, wie der Gefallen genau aussehen soll, den ich dem Land erweisen möge.

Die Information, dass die Menschen, die hier zuziehen, zu einem guten Teil Muslime sind, dass sie statistisch gesehen mehr Kinder haben, als die angestammte Bevölkerung, und dass diese Menschen in ganz ähnlichem Umfang, wie das bei uns der Fall ist, das Bedürfnis haben, ihre Traditionen, ihr Brauchtum und ihre Religion zu pflegen, wird es ja allein wohl nicht sein, die Victor E. hier meint. Denn diese Informationen - so man sie mit echten Zahlen belegt - machen ganz schnell deutlich, dass von einer Islamisierung absolut nicht die Rede sein kann.

Die Zahl der Muslime in Deutschland bewegt sich im unteren einstelligen Prozentbereich und die Religiosität ist in der Regel auch nicht sehr viel ausgeprägter als bei evangelischen oder katholischen Christen. Natürlich werden Traditionen und Brauchtum hochgehalten, dieses Brauchtum aber beührt, bei genauerer Betrachtung das theologische Zentrum von Religion auch nicht stärker, als das christlche Brauchtumspflege tut; will sagen: es hat mit dem Kern von Religion auch nicht mehr zu tun, als der Schnee an Weihnachten und die Eier an Ostern. Muslime in Deutschland wollen in aller Regel auch nichts anderes als Christen und Atheisten: in Ruhe und Sicherheit und natürlich auch mit dem nötigen Auskommen leben.

Das aber hat Victor E. sicher nicht gemeint. Er vermutet nämlich einen Plan, eine gesteuerte Unterwanderung unserer Gesellschaft mit dem Ziel, die Herrschaft zu übernehmen. Solche Verschwörungstheorien haben immer hohe Konjunktur. Und ich warte auf den Tag, an dem Dan Brown in einem Bestseller nachweisen wird, dass es alte Nazi-Kreise sind, die mit Hilfe des Vatikans ein Terrornetzwerk aufbauen, um das Weltjudentum zu vernichten.

Aber die Angelegenheit ist viel zu ernst, um sie ins Lächerliche zu ziehen. Ganz ehrlich: Was wollen Menschen, wie Victor E. eigentlich? Sollen wir dafür sorgen, dass keine weiteren Muslime mehr nach Deutschland kommen? Und wie sollen wir das tun? Heißt es, dass wir, um den Zuzug von Menschen muslimischen Glaubens zu verhindern, die Grenzen einfach noch dichter machen sollen, die Mauern um die Festung Europa erhöhen und die Flüchtlingsboote im Mittelmeer einfach noch früher abfangen? Ist es das, was Menschen wie er in letzter Konsequenz meinen?

Und was ist dann mit den Muslimen, die bereits unter uns leben? Soll man ihnen die Ausübung der Religion verbieten? Oder es wenigstens so einrichten, dass niemand etwas davon mitbekommt, wenn sie beten?

Wir hatten - so weiß ich aus Erzählungen meiner Großmutter - schon einmal eine solch aufgeregte Diskussion in unseren Breiten. Damals, als nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich die gewaltigen Flüchtlingsströme aus dem Osten unsere katholischen Ortschaften überschwemmten und damit für eine Protestantisierung des Ortes sorgten. Die katholische Strategie, die unter dem Schlagwort "Zeugt sie nieder!" sprichwörtlich geworden ist, hat damals schon keine überzeugenden Erfolge gezeitigt. Wie aber stellen sich all die Kritiker, die so vehement vor einer Islamisierung des Abendlandes warnen, die "Gegenmaßnahmen" dann genau vor? Was wollen sie eigentlich?

Ich glaube nicht, dass wir in einer globalisierten Welt, deren Annehmlichkeiten wir alle genießen und deren Schattenseiten wir zu einem guten Teil verursacht haben, darum herum kommen, sehr viel stärker als das in vergangenen Jahrhunderten der Fall gewesen ist, mit anderen Kulturen dicht an dicht zu leben, mit ihnen auszukommen, sie kennen und schätzen zu lernen und uns gegenseitig voneinander anregen zu lassen. Und ich glaube, dass das im Letzen nur bereichernd sein kann. Das bedeutet aber, dass ich auf andere zugehe, Fremde kennenlerne und die Menschen hinter ihnen entdecke. Es ist schließlich bezeichnend, dass die Angst vor anderen dort am größten ist, wo es am wenigsten Fremde gibt. Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass gedeihen am ehesten in der Distanz.

Ich fürchte aber, dass manche das nicht wollen. Dass sie sich weigern die Grenzen ihrer Vorurteile zu überschreiten. Und manche schon regelrecht hasserfüllte Mail, die mich erreicht, verstärkt diese Befürchtung nur noch. Ich hoffe nicht - und jetzt werde ich wirklich sarkastisch; und man möge mir das verzeihen, denn es ist nur auf diese Weise zu ertragen -, ich hoffe nicht, dass man letztlich daran denkt, das Problem einfach wieder einer endgültigen Lösung zuzuführen. Arabisch, die Sprache, in der der Koran verfasst ist, gehört zu den semitischen Sprachen und mit Antisemitismus hat man in unseren Breiten Erfahrung. Das Ergebnis waren schon einmal Millionen von Toten. Vor solchen Tätern habe ich wirklich Angst. Und das waren keine Muslime. Die Täter von damals waren in aller Regel christlich getauft.

Jörg Sieger

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