Selbstbezichtigung

Der Koran fordere zu Gewalt auf, die Bibel berichte höchstens von ihr, das sei ein großer Unterschied, meint Berthold D. und glaubt damit einmal mehr bewiesen zu haben, dass der Islam eben von vorneherein gewalttätig, das Christentum aber eine Religion des Friedens sei.

Weder das eine noch das andere ist richtig, auch wenn es in jüngster Zeit schon beinahe gebetsmühlenartig wiederholt wird. In einem anderen Zusammenhang habe ich nur ein paar wenige Zitate aus der Bibel zusammengestellt, die bereits eindeutig belegen, dass man auch in der Bibel entsprechende Stellen findet - und nicht zu wenige. Auch wenn Werner K. dies als "Selbstbezichtigung", als "würdelos" und modisches "Anbiedern an den Islam" abqualifizieren möchte, so giebetet nichts anderes Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Auch die Bibel bringt einen heutzutage da und dort zum Kopfschütteln, lässt manchen voller Unverständnis und mit Ablehung reagieren. Es gibt nicht nur Kapitel 22 der Genesis (1. Mose), in dem Gott das Opfer des Isaak verhindert, es gibt nicht minder - die zugegebenermaßen ältere Stelle - Richter 11 mit Jiphtachs als Gott offenbar wohlgefällig geschilderten Opfer seiner eigenen Tochter.

Und sage man jetzt nicht, das sei ja Altes Testament, für Christen gelte doch das Neue! Dass für alle chrstlichen Großkirchen die Bücher des Ersten wie des Neuen Bundes untrennbar in ihrer Gesamtheit die christliche Heilige Schrift darstellen, ist ein Faktum, das vielfach ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen wird oder nicht zur Kenntnis genommen werden will. Hinzu kommt, dass auch das Neue Testament nicht frei von Aussagen ist, die man nicht unkommentiert stehen lassen kann.

Einen Text zu interpretieren ist eine Kunst, die gelernt sein will. Und allzuoft sind Texte in der Geschichte schon vergewaltigt worden. Das hat die Bibel erlebt und erlebt sie bis heute und das erlebt der Koran. Selbst wenn man behauptet, dass man einen Text wörtlich zu befolgen hat, ist das eine Intrepretation, denn das Verständnis von Worten und Sätzen ist immer - selbst beim vermeintlich wortwörtlichen Verstehen - an das Vorverständnis des Hörers und Interpreten gebunden.

Und was heißt das jetzt? Die Bibel ist in der Geschichte des Christentums schon mehr als einmal missverstanden worden und sie wird es noch heute. Glaubt man daran, dass sie Offenbarungsquelle unseres Glaubens ist und sie von Gott kündet, lohnt es sich dennoch, dieses viel geschundene Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und durch es hindurch danach zu fragen, was wir von diesem Gott durch es erfahren können.

Für Muslime ist der Koran Offenbarungsquelle. Und er kündet von ein und demselben Gott wie die Bibel. Für den Glaubenden können die Unterschiede im Endergebnis so groß demnach gar nicht sein. Das wäre nur dann der Fall, wenn der Koran gar nicht auf diesen Gott, an den wir glauben, zurückgehen würde, wenn er in sich falsch wäre und demnach auch keine wirkliche Offenbarung beinhaltet. Zu sagen, dass der Islam von vorneherein eine gewalttätige Religion sei, dass also dort, wo Gewalt herrsche, der Islam nicht falsch verstanden würde, sondern dass dies gar sein wahres Gesicht wäre, führt folgerichtig zur Annahme, dass der Koran von seiner Anlage her falsch sei und demnach auch keine Botschaft von Gott beinhaltet. Der Islam wäre also nichts anderes als ein Irrglaube.

Wer so denkt oder dies vertritt macht genau das, was Muslimen immer vorgeworfen wird: Er bezeichnet die anderen als Ungläubige, als Menschen, die einfach irren und bestenfalls bekehrt werden können.

So aber denken Christen nicht. Zumindest stimmen die großen christlichen Konfessionen darin überein, dass Muslime keinen Götzen, sondern den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den uns nicht minder die Bibel überliefert, verehren und anbeten. Und die römisch katholische Kirche hat auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der dogmatischen Konstitution "Über die Kirche in der Welt von heute" (Lumen Gentium, 16) sogar ausdrücklich festgehalten, dass auch die Muslime von Gottes Heilswillen umfasst werden.

Als römisch-katholischer Christ kann ich nur schwerlich Muslimen absprechen, gottgläubige Menschen zu sein. Und ihre Heilige Schrift, der Koran, kündet von diesem Gott. In der Nachfolge des Jesus von Nazareth werde ich solchen Menschen immer mit Hochachtung und ihrer Religion gegenüber voller Respekt begegnen. Auch nur anzukündigen, den Koran verbrennen zu wollen, wie vor einiger Zeit jener unselige Pastor aus den USA, beleidigt nicht nur Muslime; es beleidigt den Gekreuzigten.

Jörg Sieger

Konzilskonstitution "Lumen Gention", NR. 16: "Der Heilswille umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird."

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