Krankheit und Seuche

"Ohne eine gründliche Diagnose klappt keine Therapie und ist nur Kurpfuscherei," schrieb mir der Biologe und Mediziner Dr. Bernhard J. G. und empfahl mir erst mal an die Diagnose des heutigen Islam und seiner Erscheinungsformen zu gehen. Ich solle ihm dabei aber nicht mit Inquisition, Kreuzzügen und Hexenverbrennung der Christen kommen, da dies nicht das Thema "der heute zu therapierenden Krankheit und Seuche" sei.

Diese Mail musste ich zwei Mal lesen, um wirklich glauben zu können, was Dr. G. hier schrieb. Für ihn ist der Islam offenbar ein Patient. Der Islam als ganzes ist demnach krank und muss erst einmal therapiert werden. Im weiteren Verlauf der Mail zählte Dr. G. dann eine Vielzahl von Gräueltaten gegenwärtiger Terroristen auf, illustriert durch eine Reihe von Bildern und eine Fülle von Links. Sie allesamt scheinen zu belegen, dass es sich beim Islam um alles andere als eine friedliebende Religion handele. Letztlich wird - ohne es ausdrücklich zu sagen - der Eindruck erweckt, dass der Islam ja nicht nur der Patient, sondern auch bereits die Ursache der Krankheit sei. Und jede Krankheit bekämpft man immer noch am Besten, indem man ihre Ursachen beseitigt.

Was die aufgezählten Gräueltaten angeht, braucht man mich weiß Gott nicht zu bekehren. All das, wovon Dr. G. da schreibt, das sind Verbrechen und diejenigen, die so etwas tun, das sind Verbrecher. Und eine große Zahl von Verbrechern stammt heute aus dem Kreis der Menschen, die man nur als verblendete Islamisten bezeichnen kann. Vor denen gilt es zu warnen, vor ihnen muss man sich schützen und ihnen darf man das Feld nicht überlassen.

Diese Menschen aber und den übrigen - nein nicht den übrigen Teil, sondern die große Masse der Muslime auf dieser Welt, in einen Topf zu werfen, das ist bestenfalls törricht und entsetzt mich bei einem Akademiker um so mehr. Wie kann man etwas - und zumal Menschen - so undifferenziert betrachten. Wo mir dies als Christ widerfährt, wehre ich mich dagegen. Und ich tue das zu Recht! Von den engen Anschauungen Amerikanischer Kreationisten etwa auf die Wissenschaftsfeindlichkeit aller Christen zu schließen und zu behaupten, das Christentum als Ganzes bräuchte hier eine entsprechende "Therapie", verbietet sich schließlich. Genauso wie es letztlich nicht nachvollziehbar ist, aus der evangelischen Kirche auszutreten, wenn der Papst etwas verlautbaren lässt, was man selbst nicht unterschreiben kann.

Werner K. hat mir über seine wohl negativen Erfahrungen geschrieben, die er gemacht hat, als er mit "Ahmadiyya-Moslem über den Kreuzestod von Jesus reden" wollte. Mit anderen Muslimen habe er es noch nicht versucht. Hätte er tun sollen! Er hätte feststellen können, dass die Bandbreite zwischen den einzelnen muslimischen Glaubensgemeinschaften, zwischen Sunniten, Schiiten, türkischen Muslimen, arabischen oder in Europa aufgewachsenen Muslimen bis hin zu den Ahmadiyya mindestens so groß ist, wie das Spektrum von Katholiken, Methodisten, Protestanten und Zeugen Jehova. Und genau weil das so ist, deshalb konnte ich mit Muslimen schon Gespräche führen, die andere von vorneherein für unmöglich halten würden; Gespräche, bei denen mir beispielsweise dargelegt wurde, dass der Koran selbst Jesus als Gesalbten, als Messias, verkünde, der allein - und nicht etwa Mohammed - wiederkehren und das Endgericht ankündigen wird.

So könne man nur mit wenigen Muslimen sprechen und das würden auch nicht alle unterschreiben, wird mir da meist entgegengehalten. Aber das ist bei Christen nicht anders. Russisch-orthodoxe Christen wird man auch schwerlich, zu einem positiven Bekenntnis zur Unfehlbarkeit des römischen Papstes bewegen können. Es gibt eben nicht die Christen. Ich muss im Dialog mit christlichen Kirchen und Gruppen immer im Blick haben, dass ich mich je neu auf die jeweiligen Gesprächspartner einzulassen habe. Und das gilt für muslimische Gemeinschaften nicht minder. Das macht ja gerade die Schwierigkeiten des Dialoges aus, dass man zunächst einmal den Gesprächspartner zu Wort kommen lassen muss, ihn zu verstehen versuchen und ihm Gelegenheit geben muss, seine Position selbst darzulegen. Dialog hat keine Chance, wenn ich dem anderen von vorneherein erkläre, dass ich bereits besser als er selbst weiß, was er denn letztlich glaubt. Und das gehört eben zu einer wirklichen "Diagnose" "mit offenen Augen", um das Bild von Dr. G. aufzugreifen, auch dazu, dass man genau hinschaut, sein Gegenüber differenziert betrachtet, nicht mit Vorurteilen alles platt walzt und am Ende die ganze Familie in Gips legt, weil sich ein Mitglied das Bein gebrochen hat.

Dialogbereitschaft bedeutet alles andere als die Augen vor den Realtitäten zu verschließen. Verbrechen sind zu verurteilen, vor Gewalt muss man sich schützen und Terror ist zu bekämpfen. Aber Verallgemeinerungen sind törricht, pauschalisierende Vorverurteilungen sind dumm und Diffamierungen einer Weltreligion als krank - am Ende gar selbst as Krankheit und Seuche - sind sündhaft; und das im wahrsten Sinne des Wortes: Sie sondern einen ab von der Nachfolge des Jesus von Nazareth, der immer differenziert sein gegenüber in den Blick genommen und den Dialog gesucht hat.

Dr. G bezeichnet sich in seiner Mail selbst näher als "Arzt f. Allgemeinmedizin, Katholik, noch nicht im Rahmen des Dialogs geköpft ... noch nicht!" - In diesem Punkt glaube ich ihn auch wirklich beruhigen zu können. Wer sich so rundweg als Dialogverweigerer gebärdet, dem wird zumindest im Dialog wohl auch nichts Widriges widerfahren können.

Jörg Sieger

Kreationismus (von lat. creatio "Schöpfung") ist die Auffassung, dass das Universum, das Leben und der Mensch durch einen unmittelbaren Eingriff eines Schöpfergottes in natürliche Vorgänge entstanden sind. Häufig verbunden mit der Vorstellung, dass diese Schöpfung exakt wie in der Bibel beschrieben in sechs Tagen vor sich gegangen ist.

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