Und er "hat" keinen!

"Frage einen Muslim, ob sein Gott einen Sohn hat, und wenn er nein sagt, dann glauben wir auch nicht an den selben Gott." So schrieb es ein Kollege aus den Freikirchen und er meinte damit das Thema mit dem Gott der Muslime endgültig erledigt zu haben.

Ich möchte es ihm nicht unterstellen. Mein Kollege war sich dieser Tragweite sicher nicht bewusst. Aber wenn man so argumentieren könnte, dann hätte man auch den Gott der Juden gleich "mit erledigt", denn ein Jude würde auch nie dem Satz zustimmen, dass sein Gott einen Sohn hat. Damit hätte man aber dann auch gleich geklärt, dass Juden nicht an denselben Gott glauben, wie Christen.

Wenn man dann aber daran festhält, dass es tatsächlich nur den einen Gott gibt, gleichzeitig aber "nachgewiesen" hat, dass Juden und Muslime an diesen Gott nicht glauben, dann hat man beide damit gleich - mir nichts dir nichts - zu Götzenanbetern degradiert. Der wahre Gott ist nämlich der unsere und einen anderen gibt es ja nicht.

Und was ist nun falsch an diesem Gedankengang? Nun, wenn unser Gott einen Sohn hat, was ist denn dann dieser Sohn? Ein anderer Gott? Haben wir dann zwei? Oder ist Jesus Christus nicht Gott? Hier müsste eigentlich wirklich deutlich werden, wie schnell man seinen eigenen Glauben ad absurdum führt, wenn man theologisch nicht wirklich sauber argumentiert. Jeder Theologiestudent, der erklären würde, dass wir an einen Gott glauben und dass der einen Sohn hat und dass der auch Gott ist, würde mit Fug und Recht durch jede Prüfung fallen. Christen, die so sprechen, haben den Monotheismus, den Glauben an den einzigen Gott, schon längst verlassen. Und nicht umsonst werfen viele jüdische und muslimische Theologen dies den Christen vor.

Der Gott der Christen aber hat keinen Sohn. Er ist der einzige Gott, wie der der Juden und der Muslime auch. Es ist nämlich ein und derselbe. Christen glauben aber, diesen Gott durch die Botschaft Jesu von Nazareth tiefer erkannt zu haben, erkannt zu haben dass dieser eine Gott in sich Vater, Sohn und Geist ist. Das heißt aber: der dreieinige Gott hat keinen Sohn, er ist Vater, Sohn und Geist. Auf den kleinen Unterschied zwischen "haben" und "sein" kommt es hier wirklich an.

Wenn wir häufig unbefangen einfach von Gott und seinem Sohn sprechen, wie dies ja auch die Schrift tut, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass dann mit Gott immer Gott-Vater gemeint ist. Vater, Sohn und Geist sind aber der eine Gott - der selbe, den auch Muslime und Juden anbeten - der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Noch einmal: Muslimen - und damit letztlich auch Juden - abzusprechen, an den selben Gott wie wir zu glauben, hieße letztlich zu behaupten dass sie gar nicht an Gott glauben - denn es gibt nur den einen. Wer dies dennoch allen Ernstes tut, hat aus 2000 Jahren Antisemitismus immer noch nichts gelernt.

Jörg Sieger

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