Derselbe Gott?

"Mein Leserbrief richtet sich gegen den Satz: 'Schließlich glauben die Muslime genau an den gleichen Gott wie wir Christen.' Diese Aussage ist nicht richtig", behauptete Michael L., indem er mich massiv angreift, und begründete dies damit, dass es für einen Muslim unmöglich sei, sich vorzustellen, dass "Gott einen Sohn hat, der schließlich auch noch qualvoll am Kreuz verenden muss."

Wo Michael L. recht hat, hat er recht. Für einen Muslim ist das nicht vorstellbar. Aber das ist auch nicht notwendig. Es ist nämlich nicht entscheidend, was ich mir vorstellen kann, sondern wie etwas wirklich ist. Das wird hoffentlich deutlich, wenn ich an folgende Begebenheit erinnere:

"Meine Mama ist eine blöde Schnepfe!" meinte nämlich ein Kind. Komisch, dachte ich, kenne ich die Mutter doch als liebevolle, gütige Frau. Offenbar hat der Junge eine andere Mutter, als die Frau, die ich bisher für seine Mutter gehalten habe - oder etwa nicht? Dass der Junge ein anderes Bild von seiner Mutter hat, als das, das ich wahrnehme, ändert doch nichts daran, dass es sich um ein und dieselbe Frau handelt.

Im ersten Semester Philosophie lernt jeder Student, dass es zwischen dem Sein einer Sache bzw. einer Person und der unterschiedlichen Wahrnehmung zu unterscheiden gilt. Dies scheinen all diejenigen, die von unterschiedlichen Gottesbildern auf verschiedene Götter schließen, zu vergessen.

Auch innerhalb des Christentums existieren die unterschiedlichsten Vorstellungen von Gott und damit verbunden ganz eigene Gottesbilder. Dies ändert nichts daran, dass alle von ein und demselben Gott sprechen, auch wenn sie ihn unterschiedlich zu erkennen glauben. Dies gilt nicht minder, wenn bei Christen, Juden und Muslimen ein unterschiedliches Erkennen Gottes festzumachen ist. Letztlich ist es ein und derselbe Gott, an den wir glauben.

Katholiken könnten es da im übrigen sehr einfach haben. Sie bräuchten nur in ihren "Weltkatechismus der Katholischen Kirche" schauen (Ziffer 841) wo es ausdrücklich heißt. "Die Heilsabsicht umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Festhalten am Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird."

Dies ist im übrigen nichts anderes als das, was in den Konzilsdokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils steht (Lumen Gentium 16), eine Stelle, die der ständige Diakon Harry H., der immer wieder glaubt, die Kirche gegen die Umtriebe der modernistischen Theologen verteidigen zu müssen, in einem Schreiben an mich allerdings als "zweifelhafte Konzilsaussage" abgetan hat. Es wundert mich immer wieder, wie frei Menschen, die anderen regelmäßig vorwerfen, Sie würden sich nur das aus dem Glauben herauspicken, was ihnen passen würde, mit kirchlichen Lehraussagen umgehen - insbesondere mit Aussagen genau dieses Konzils, das verheirateten Männern wie Harry H. ja erst ermöglicht hat, als ständige Diakone amtlich tätig zu werden.

Jörg Sieger

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