Warum jetzt?

Einer der Opferanwälte des NSU-Prozesses sagte auf einer Tagung in Köln, dass ihn von den 350.000 Seiten Aktenmaterial zwei bis drei Fotos besonders erschüttert haben. Es waren Bilder, die die Täter mit 12 bis 13 Jahren zeigen. "Da blicke ich in offene Kindergesichter. Das sind liebe Kinder", sagte er. Weiter unterstrich er, dass er unendliches Mitleid mit den Opfern und den Opferangehörigen habe. Er habe aber auch großes Mitleid mit den Kindern, aus denen diese Täter wurden. "Das sind keine Monster. Sie haben monströse Taten vollbracht, aber sie sind Kinder unserer Gesellschaft".

Es hat mich zutiefst betroffen gemacht, als plötzlich die Frage im Raum stand, was in diesen wenigen Jahren seit sie Kinder waren, mit diesen Menschen passiert sei. Was ist passiert, dass aus diesen Kindern Täter wurden? Und die Antwort von Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler, Opferanwalt im NSU-Prozess, lautete banal wie niederschmetternd: "Wir sind passiert! Wir haben diese Kinder geformt." Er erinnerte an die endlosen Diskussionen über die Flüchtlinge in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts, an Parolen wie "das Boot ist voll" und den Ausdruck "Asylschmarotzer". All dies hat Kinder geprägt.

Deshalb ist es notwendig, dagegen zu reden: Gegen billige Parolen an den Stammtischen, gegen scheinbar einfache Wahrheiten, die in allzuvielen Elternhäusern verbreitet werden, gegen offensichtliche Unwahrheiten, die wider besseres Wissen von bestimmten Kreisen wohlkalkuliert gestreut, und gegen allzu vereinfachende Halbwahrheiten, die immer wieder nur allzugerne geglaubt werden.

Das ist ein Unterfangen, das nicht wohl gelitten ist. Aber es ist um so notwendiger, denn jedes noch so kleine Wort entfaltet am Ende eine Wirkung - so oder so.

Jörg Sieger

NSU: Abkürzung für "Nationalsozialistischer Untergrund"

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Diese Seite ist Teil der Textsammlung unter dem Titel "Jetzt reichts! Kein Platz für Rassismus ..."