Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Ostersonntag (1 Kor 5,6b-8)

Brüder! Ihr wisst, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit. (1 Kor 5,6b-8)

Ich glaube es gibt da noch anderen Sauerteig, der fortgeschafft werden muss - fortgeschafft, damit am Ende wirklich Ostern werden kann.

Es geht ja nicht nur um Schlechtigkeit und Bosheit, die die Menschen ablegen müssen, wie Paulus in der Lesung eben gesagt hat. Es geht nicht nur um falsches Verhalten. Es geht auch um falsche Vorstellungen, falsche Auffassungen, denn auch die gären in den Köpfen der Menschen und verhindern, dass sich Jesu Anliegen wirklich Bahn bricht.

Da gibt es Vorstellungen, die wie uralter Sauerteig das Denken der Menschen seit alters her durchsäuern. Vorstellungen von Gott etwa, gegen die der Gott der Bibel von Anfang an Sturm gelaufen ist, die Jesus von Nazareth immer wieder aus den Köpfen der Menschen auszutreiben versucht hat und die sich trotzdem bis heute wie zäher Sauerteig im Denken festgesetzt haben.

Liebe Schwestern und Brüder,

das fängt schon an mit der Antwort auf die alte Frage, wozu wir Menschen denn auf Erden seien.

Nicht wahr, das haben einige von Ihnen noch in der Schule so gelernt, im Katechismusunterricht. Wozu sind wir auf Erden? Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen!

Generationen von Katholiken mussten das auswendig aufsagen. Und sie haben sich damit eine der ältesten Vorstellungen angeeignet, die sich Menschen von Gott gemacht haben. Wir sind Diener Gottes!

Ganz früh in den ersten bekannten Mythen begegnet das schon so. Da haben sich die Menschen vorgestellt, dass die Götter im Himmel langsam alt und faul geworden seien. Und deshalb hätten sie beschlossen, Menschen zu erschaffen, um sich von ihnen mit Nahrung versorgen zu lassen. Die Menschen wären dazu da, um den Göttern Opfer darzubringen. Und von diesen Opfern würden die Götter leben.

Und wenn die Menschen richtig opferten, dann waren die Götter zufrieden und belohnten ihre Geschöpfe mit allem, was sie brauchten, mit Regen, Pflanzen, gelungenen Ernten ... Aber wehe, wenn die Menschen nicht genügend geopfert haben! Dann wurden die Götter zornig und bestraften die Menschen mit Krankheiten, Naturkatastrophen und Tod.

Bis heute begegnet dieses Denken. Wie viele Menschen zermartern sich den Kopf darüber und glauben, Gott würde sie strafen, weil sie nicht genug gebetet, nicht genug Gottesdienste besucht, nicht genügend geopfert hätten. Und dabei hat die Bibel von Anfang an und immer wieder versucht, den Menschen klar zu machen, dass es so nicht ist.

Es kann noch so dick im Katechismus stehen, es ist nichtsdestoweniger falsch!

Gott hat uns nicht zum Gottesdienst erschaffen. Lesen Sie es in der Bibel nach: Der Mensch wurde erschaffen, um den Ackerboden zu bebauen. Für den Welt- und Menschendienst wurden die Menschen ins Dasein gerufen.

Gott braucht doch keine Diener, keine Anbetung und keine Opfer. Wie heißt es im Psalm 50?

"Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist die Welt und was sie erfüllt." (Ps 50,12)

Der Gott, den die Bibel verkündet, ist anders, als es sich die Menschen früher vorstellten. Dieser Gott braucht keine Opfer und er braucht auch keine Diener.

Wann endlich werden wir begreifen, dass Gottesdienst nicht unser Dienst an Gott ist, dass es Gott ist, der uns dient, der unser Leben mehren und weit machen möchte. Gottesdienst ist Gottes Dienst an uns!

Aber die Vorstellung, dass wir ihm dienen müssten, durchdringt Menschen wie ein alter Sauerteig; ein Sauerteig, der endlich fortgeschafft werden muss!

Genauso wie die Vorstellung, dass Gott so weit entfernt wäre und wir so klein, so unwürdig seien, dass wir uns ihm nie direkt nahen könnten. Das ist auch so ein Bild von Gott, das die Menschen von alters her mit sich herumtragen.

Und deshalb haben sie schon immer nach "heiligen Männern" verlangt, Menschen, die zwischen Gott und den Menschen vermitteln sollten. Priester allein eröffneten den Zugang zu Gott - und sie lebten zu allen Zeiten ganz gut davon.

Aber es braucht keinen Mittler zwischen Gott und den Menschen. Jesus von Nazareth ist nicht müde geworden, dies immer und überall zu betonen. Jeder und jede hat ihren ganz eigenen Zugang zu Gott. Jeder und jede kann Gott direkt ansprechen, ihn Vater nennen und darauf vertrauen, dass er sie hört und erhört.

Damals hat dieser Jesus genau durch diese Botschaft die Priesterschaft gegen sich aufgebracht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies einer der wesentlichen Gründe dafür gewesen ist, ihn aus dem Weg zu räumen, ihn ans Kreuz schlagen zu lassen. Denn wenn die Menschen nicht mehr opfern, dann brechen die Einkünfte des Tempels und der Priesterschaft weg. Und damit rührte dieser Jesus mit seiner Botschaft an die Lebensgrundlage von Tempel und Priesterschaft.

Hätte er aber am Ende dann doch umsonst gepredigt? Bis heute glauben schließlich selbst gute Christen, sie bräuchten Mittler, Fürsprecher, Priester oder Heilige, weil sie sich selbst doch nicht an Gott wenden könnten. Es ist ein ganz tief in uns festsitzender Sauerteig, der das Denken von Menschen bis heute völlig durchdringt. Ein Sauerteig, der fortgeschafft werden muss.

Genauso wie jener, jener andere Sauerteig, der menschliches Denken nicht minder durchdringt; und das vielleicht sogar schon am längsten. Denn dies ist eine Vorstellung, die wir Menschen schon von jeher kennen: das Gefühl nämlich, dass Fremde eine Bedrohung seien, dass man sich von ihnen abschotten und schützen müsse. Das steckt noch seit der Urzeit drin, als es galt, die eigene Sippe gegen die Faustkeile der anderen zu verteidigen.

Damals war dies vermutlich tatsächlich überlebensnotwendig. Aber die Welt hat sich weiterentwickelt. Menschen sind zivilisiert geworden.

Es geht schon lange nicht mehr um ein Gegeneinander, es geht um ein Miteinander, weil wir Menschen die Herausforderungen dieses Lebens letztlich nur miteinander meistern können.

Und für ein wirklich zivilisiertes Miteinander hat die Bibel durch die Jahrhunderte hindurch die Regeln zu formulieren versucht. Und Jesus von Nazareth hat sich beständig darum gemüht; uns Menschen klar zu machen, dass dieses Miteinander nicht einfach der Not geschuldet ist. Er hat uns vorgelebt, dass es von Gott genau so gewollt ist, weil wir nämlich alle Kinder eines Gottes sind. Jesus hat beständig daran gearbeitet, die engen Gruppengrenzen zu sprengen, über das Volk, die eigene Konfession, ja die eigene Religion hinauszublicken, im anderen Menschen nicht die Bedrohung sondern den Bruder und die Schwester zu sehen, selbst auf die Gefahr hin, dass ich da und dort Enttäuschungen erlebe.

Solchen Enttäuschungen zum Trotz hat dieser Jesus uns ins Stammbuch geschrieben, dass wir in den Hilfesuchenden, in jedem anderen Menschen, der mir bittend gegenübersteht, ihm selbst, diesem Christus Jesus begegnen. Wie oft hat er davon gesprochen, dass wir Menschen einander Brüder und Schwestern, dass wir die eine große Familie ein und desselben Gottes sind.

Und wie weit weg von seiner Botschaft ist es, was wir in den letzten Monaten auch in unserem Land immer wieder erleben können, wie weit weg von seinem Denken ist es, wenn Menschen vorrechnen, dass ihr Anwesen an Wert verlieren würde, weil Hilfsbedürftige in ihre Nähe gezogen sind? Wie viel alter Sauerteig durchdringt noch unser Denken? Wie viel von dem, was Jesus am Kreuz doch schon längst alles überwunden hat, ist unter uns noch mächtig am Werk?

Schaffen wir ihn weg, den alten Sauerteig, damit Ostern wirklich die Oberhand gewinnt. Denn an Ostern will das Reich Gottes seinen Anfang nehmen.

Und es kann überall dort beginnen, wo Menschen nicht irgendwelche Opfer, nicht große Gottesdienste, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen, weil sie sich im Klaren darüber sind, dass sie im anderen Menschen am ehesten unmittelbar und ohne Vermittlung von irgendwelchen Fürsprechern diesem Gott begegnen, der in Jesus Christus den Tod überwunden hat. Das Reich Gottes beginnt dort, wo wir uns neu bewusst machen, dass uns in jeder und jedem, die uns gegenüberstehen, dieser Jesus Christus begegnet.

Sie können gleich damit beginnen, gleich heute, bei den Menschen, die zuhause auf Sie warten, in der Familie und im Bekanntenkreis. Sie können dort in den Gesichtern all derer, die Ihnen wichtig sind, diesem auferstandenen Jesus Christus begegnen.

Gleich bei den Ihren zuhause können Sie damit beginnen.

Aber hören Sie mir bitte bei den Fremden, die Ihnen begegnen, nicht damit auf.

Amen.

(gehalten am 16. April 2017 in den Kirchen St. Maria, Ettenheimweiler, und St. Bartholomäus, Ettenheim)

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