Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Ostermontag oder 3. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr (A und) B (Lk 24,13-35)

Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern Jesu auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist zu so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe am Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach. (Lk 24,13-35)

So kennen wir die Geschichte. Und wir kennen sie so gut, dass vermutliche jeder und jede von Ihnen schon beim ersten Satz weiß, wie sie enden wird. Sie nimmt ein "Happy End" diese Erzählung von den Emmaus-Jüngern. Sie alle wissen das.

Aber es hätte auch ganz anders kommen können.

Liebe Schwestern und Brüder,

nein, ich glaube nicht, dass Jesus die beiden womöglich im Stich gelassen hätte. Das ist nicht der Punkt. Ich bin mir sicher: Jesus wäre so oder so bei ihnen gewesen

Aber dass ihn die Jünger am Ende auch wirklich erkannt haben, das ist ja keine Selbstverständlichkeit. Dazu war notwendig, dass sie auch wirklich bis nach Emmaus gegangen sind.

Hätte ja auch ganz anders kommen können. Was wäre denn passiert, wenn die zwischendurch sich einfach gesagt hätten: 'Eh, der nervt, der blöde Schwätzer, es ist doch sowieso alles sinnlos, wir kehren um.'? Dass die tatsächlich den ganzen Weg gegangen sind, das ist alles andere als selbstverständlich.

Dort aber, erst dort fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, erst dort, am Ende des Weges, erkannten sie ihn und begriffen wirklich, was Sache war.

Es hätte auch ganz anders kommen können. Und das nehme ich vom heutigen Ostermontag für mich mit: Wenn die Jünger halbe Sachen gemacht hätten, wäre die Emmaus-Geschichte nie gut ausgegangen. Einen Weg muss man ganz zurücklegen. Es reicht schließlich nicht aus, Dinge halbherzig anzugehen und dann halbfertig liegen zu lassen.

Keine halben Sachen! Das führt zu nichts. Das nehme ich heute mit, denn das gilt im Grunde für alle Dinge im Leben.

Das gilt für jeden und jede ganz persönlich, fängt in der Schule an und hört in der Ausbildung und bei der Partnerschaft längst nicht auf. Wer Dinge halbherzig tut, wer halbe Sachen macht, wird selten erfolgreich sein.

Das gilt aber nicht nur für uns als Individuen, das gilt für uns als Gesellschaft nicht minder. Und bei den ganz großen Themen wird das besonders deutlich.

Wenn uns zum Beispiel Jugendliche im Augenblick vor Augen halten müssen, dass halbherzig an den Klimaschutz zu gehen letztlich überhaupt nichts bringt, dann ist das ein sehr gutes Beispiel dafür.

Wir alle wissen, dass es den ganzen Einsatz brauchen wird, um die größte Katastrophe noch einmal abzuwenden, das stellt kaum jemand in Abrede.

Wir sagen da mit großer Mehrheit "Ja" dazu. Aber da müssen doch auch alle anderen mitmachen, es bringt ja überhaupt nichts, wenn wir alleine etwas tun! Aber wir wollen doch keinesfalls dabei unseren Wohlstand riskieren oder gar Arbeitsplätze verlieren. Wir wollen schon, aber es darf unter keinen Umständen wehtun.

So als würden wir mit dem Zug voll gegen die Wand fahren, aber wir zögern, wirklich in die Bremsen zu treten, weil: Die Bremsen könnten ja Schaden nehmen, wenn wir sie jetzt so richtig voll strapazieren würden.

Das kommt mir immer mehr so vor, als würden wir vor dem Abgrund stehen und müssten wenigstens zwei Meter weit springen, um auf der rettenden Seite wirklich anzukommen, aber wir diskutieren erst einmal darüber, ob zwei Meter nicht doch zu anstrengend sind, und ob es fünfzig Zentimeter nicht auch tun würden. Dabei wissen wir doch alle: Wenn morgen Abgabetermin ist, dann reicht es nicht aus, die Unterlagen nächste Woche zu liefern.

Kein halben Sachen! Das nehme ich aus dem heutigen Evangelium mit.

Und das nehme ich auch mit für unsere Kirche und die neuerlichen Diskussionen darüber, wie man Kirche für die Zukunft fit machen könne. Ja, man wird wohl Abschied nehmen müssen, von Vielem, was man in der Vergangenheit liebgewonnen hat.

Es braucht eine Neustrukturierung in allen Bereichen: bei den Pfarreien, bei den Finanzen, beim Einsatz der Ehrenamtlichen, bei der Arbeit der Hauptamtlichen, und da sind die Gemeinden und die Kirchenleitungen voll dabei. Aber beim Priester und an seinem Amt darf nichts verändert werden. Wir starten auf dem Weg einer großangelegten Reform, aber wenn es an den Priester geht, dann brechen wir selbst die Diskussionen darüber ganz schnell wieder ab.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man am Ende bereit ist alles zu opfern, alles zu ändern, nur am Priesteramt, an den Zugangswegen zum Amt, an der Frage, wen wir mit der Sendung für die Menschen betrauen und wen nicht, wem wir das Rüstzeug dafür, die Weihe, spenden und wem nicht, daran darf nicht gerüttelt werden.

Vielleicht sollten wir uns ja mal fragen, ob es nicht sogar ein Zeichen ist, dass Gott in der gegenwärtigen Situation gerade die Sorte von Männern, die Kirche gerne haben wollte, immer weniger beruft. Vielleicht sollten wir uns ja mal fragen, ob er uns damit nicht gerade etwas sagen möchte, anstelle dass wir einfach weiter an den Symptomen herumdoktern und auf halbem Wege einfach wieder umkehren.
Wir müssen endlich an den richtigen Stellschrauben drehen, um mit dieser Kirche in eine neue Zukunft zu gehen. Es bringt nichts, sich halbherzig an die Erneuerung zu machen, es bringt nichts, nur halbe Sachen zu machen.

Die Jünger von Emmaus machen mir das deutlich. Wären sie zu kurz gegangen, das Happy End wäre ausgeblieben. Die Jünger damals haben aber keine halben Sachen gemacht.

Und sehr viele Menschen auf dieser Erde haben es ihnen in ihrem Leben gleichgetan. Sie haben ihr Leben gemeistert, weil sie ihren Weg ganz und mit ganzem Einsatz gegangen sind. Und viele werden es ihnen heute nicht minder gleichtun.

Ob wir das als Gesellschaft noch schaffen, ob wir im Blick auf unser Klima rechtzeitig anfangen, keine halben Sachen mehr zu machen, ob wir als Kirche noch die Kurve kriegen und nicht vor lauter Angst, am klassischen Priesterberuf doch noch etwas ändern zu müssen, am Ende genau das Falsche tun, ob wir als Gesellschaft und Kirche wirklich weit genug springen, um den Abgrund zu überwinden - möge Gott es geben...

Amen.

(gehalten am 22. April 2019 in der Kirche St. Bartholomäus, Ettenheim)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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