Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Joh 15,9-17)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander! (Joh 15,9-17)

Wenn jemand einen Täter sucht, dann jagt er heutzutage in aller Regel einen Verbrecher. Täter, das ist ein Wort, das bei uns mittlerweile ausgesprochen negativ besetzt ist.

Aber warum denn eigentlich? Vom Wort her besagt es ja letztlich nur, dass jemand etwas tut.

"Das ist ein Mann der Tat", hat man früher gesagt. Ein Satz, den heute kaum noch jemand verwendet. Und den Ausdruck "Frau der Tat" habe ich noch nie gehört.

Tatkräftig, das sagt man noch. Und dieser Begriff klingt ja auch noch positiv. Hier schwingt noch mit, dass es vielfach auf Taten ankommt.
Es braucht Täterinnen und Täter, damit sich etwas tut, damit tatsächlich auch etwas getan wird.

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus sucht letztlich genau solche Täterinnen und Täter. Es geht ihm um diejenigen, die den Willen seines Vaters tun. Denn seine Aufforderung: "Liebt einander!" hat wenig mit Gefühlen zu tun und schon gar nichts mit Gefühlsduselei. Es geht um keine wohlgesetzten Worte und keine großartigen Passagen aus irgendwelchen Leitbildern. Es geht um ganz konkretes Tun.

Christen erkennt man daran, dass sie Gottes Willen in die Tat umsetzen. Und das nicht nur im engeren Kreis unserer Gemeinden und kirchlichen Gruppen. Jesus hat nicht davon gesprochen, dass wir uns in irgendwelche Kuschelecken zurückziehen sollen, in denen wir uns gern haben und uns gegenseitig guttun. Ihm ist daran gelegen, dass sein Wille unser ganzes Leben, und das heißt auch das Leben jenseits unserer Kirchtürme, prägt und gestaltet.

Deshalb ist Christsein immer auch sehr politisch. Das haben wir in den zurückliegenden Jahrzehnten vielleicht etwas zu stark vergessen. Wir haben darauf vertraut, dass Politik und ihre Parteien das schon richten werden, dass das mit unseren Gesetzen und unserem Staat schon irgendwie in Ordnung sein wird. Und wir sind in der Vergangenheit ja auch gar nicht einmal schlecht damit gefahren.

In den letzten Jahren aber haben uns manche Beispiele in Europa - und anderswo auf dieser Welt - recht deutlich gezeigt, dass sich so etwas ganz schnell ändern kann. Viel schneller als manche es dann tatsächlich wahrhaben wollen. Und auch bei uns gibt es so ja schon manches, was mit dem Willen Jesu und Liebe zum Nächsten kaum noch etwas zu tun hat.

Unsere Bischöfe haben in den letzten Jahren deshalb auch immer stärker angefangen, dies ganz deutlich zu thematisieren und tatkräftig den Finger in die Wunden zu legen.

Das gefällt Vielen nicht. Um den Jahreswechsel hat mancher Politiker sauer angemerkt, dass die Weihnachtspredigten viel zu politisch gewesen seien. Kirche habe sich um die Seelen zu sorgen und die Politik den Politikern zu überlassen.

Wer hat denen denn so etwas eingeredet? Wer hat denn das Bild gezeichnet, dass Christen einfach nur fromm zu allem "Ja" und "Amen" sagen würden, was um sie herum geschieht?

Ich muss immer wieder lachen, wenn Menschen sagen: Muslime würden ihren Glauben über den Staat stellen und dem Koran mehr gehorchen als Gesetzen. Ist das für einen Christen denn so viel anders? Auch ich will Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Gut, ich habe das Glück, dass unser Grundgesetz sehr viel von christlichen Grundsätzen enthält. Wenn dem aber nicht so wäre oder wenn die gar immer weiter ausgehöhlt werden, dann will auch ich da nicht schweigend zusehen, dann will ich sehr deutlich machen, dass Gott mehr zu gehorchen ist als den Menschen und all ihren Ordnungen.

Lassen wir nicht zu, dass unsere Kirchen zu zahnlosen Tigern verkommen, die keiner mehr wirklich ernst nimmt, so dass zwielichtige Parteistrategen schon heute auf die Idee kommen, uns erklären zu wollen, was denn eigentlich wirklich christlich sei, und dass das Kreuz ja eher ein kulturelles Symbol und nicht ein wirklich religiöses Zeichen wäre.

Nehmen wir zur Kenntnis, dass unsere Politik schon vor längerer Zeit damit begonnen hat, ihre christlichen Wurzeln weit hinter sich zu lassen, und dass diejenigen, die am meisten vom christlichen Abendland sprechen, am wenigsten darauf hören, was Kirche an Grundsätzen glasklar formuliert.

Oder hat es irgendeine Konsequenz, wenn Papst Franziskus deutlich formuliert, dass, wer Waffen produziert und Waffen verkauft, schwerlich Christ sein kann? Wir gehören zu den Waffenexportweltmeistern!

Ändert sich etwas an unserer Art zu wirtschaften, wenn uns der Papst ins Stammbuch schreibt, dass diese Wirtschaft tötet?

Und welche Rolle spielen mittlerweile selbst unsere Kirchenräume, wenn eine Landesregierung ein Kirchenasyl mit Polizeigewalt beenden lässt? Jesus Christus hat bei uns schon lange nicht mehr das letzte Wort.

Dieser Christus aber will keine Kirche, die lediglich zur Ausschmückung gesellschaftlicher Feste taugt, wie die Garnitur aus Petersilie auf einem schönen Gericht - nett anzuschauen, aber völlig überflüssig. Er sucht keine Gefühlsduselei, dieser Christus, der heute davon spricht, dass es darum geht, seinen Geboten, seinem Willen, zu folgen. Er sucht Täterinnen und Täter dieses Willens.

Und ich hoffe, dass ich immer einer von ihnen bin, einer von denen, die Christi Wegweisung an die erste Stelle setzen. Und ich hoffe, ich bin nicht allein.

(gehalten am 12. Mai 2018 in der Kirche St. Hedwig, Karlsruhe)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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