Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (Apg 1,12-14)

Als Jesus in den Himmel aufgenommen war, kehrten die Apostel vom Ölberg, der nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern. (Apg 1,12-14)

Die Apostel verharrten im Gebet, zusammen mit den Frauen, mit Maria und mit seinen Brüdern.

Liebe Schwestern und Brüder,

da sind sie wieder: "seine Brüder". Wer aber ist das genau? Die Apostel können damit ja schlecht gemeint sein. Sie werden zuvor ja einzeln namentlich aufgeführt. Von welchen Brüdern Jesu spricht die Apostelgeschichte dann aber? Spricht sie tatsächlich von leiblichen Brüdern Jesu, also weiteren Kindern Marias?

Ich erinnere mich an einen Abend im Ökumenekreis der Mannheimer Hochschulgemeinde. Da stellte plötzlich eine Studentin die Frage: "Ja wie ist das denn jetzt? Hatte Jesus noch leibliche Brüder oder nicht? Hatte Maria also noch weitere Kinder?"

Mein evangelischer Kollege antwortete damals: "Ja bei uns hat sie die. Ich weiß aber nicht, wie das bei Euch ist!" Und dabei schaute er mich fragend an.

Und natürlich hat Maria in der katholischen Tradition keine weiteren Kinder. Natürlich ist sie hier die allzeit jungfräuliche Mutter, was bei den meisten katholischen Theologen nicht nur als eine theologische sondern auch als biologische Aussage verstanden wird. Und in den Kommentaren zu all diesen Stellen, die in der Bibel Brüder und Schwestern Jesu erwähnen, können Sie deshalb auch ausgeklügelte semantische Argumentationen finden: Das griechische Wort Brüder sei ja die Übersetzung eines hebräischen oder aramäischen Ausdrucks. Und dieser Begriff bezeichne eben nicht nur leibliche Geschwister, sondern auch Vettern und Basen. Man könne vom Wort Brüder deshalb nicht darauf schließen, dass Jesus noch weitere Geschwister und demnach Maria noch weitere Kinder gehabt hätte.

Meinen evangelischen Kollegen hat das damals nicht wirklich überzeugt. Es klang ihm alles viel zu konstruiert und gekünstelt, irgendwie danach, dass hier nicht sein kann, was nicht sein darf. Und irgendwo kann ich ihn schon verstehen. Ganz selten kann man über diese Frage schließlich ruhig und sachlich diskutieren. Oft schwingen da eine Menge Emotionen und Empfindlichkeiten mit.

Aber warum löst die Frage nach Geschwistern Jesu so schnell solch hitzige Diskussionen aus? Wäre es denn so schlimm, wenn Jesus nicht als Einzelkind, sondern, wie fast alle anderen Kinder seiner Zeit, in einer großen Familie aufgewachsen wäre? Für meinen evangelischen Kollegen ist das - nach dem Zeugnis der Schrift - einfach das Naheliegendere.

Und würden wir uns denn etwas vergeben, wenn es tatsächlich so wäre? Jesus würde das ja keinerlei Abbruch tun und Maria doch genauso wenig.
Ich kenne sogar genügend Menschen, denen diese Vorstellung Maria sogar näher bringen würde. Für so manchen wäre sie dann nicht mehr so weit weg, irgendwie normaler, einfach menschlicher.

Für andere aber scheint genau das ein Problem zu sein. Das kratzt für sie offenbar bereits an dem hehren Bild, an der Aura der Himmelskönigin, wenn zu sehr betont würde, dass Maria einfach eine von uns, ein Mensch wie Du und ich gewesen ist.

Aber war sie denn wirklich etwas anderes? Genau das zeichnet die junge Frau aus Nazareth doch aus, dass sich hier eine von uns von Gott in den Dienst nehmen lässt.

Und ich glaube sogar, dass das ganz besonders heute wieder neu betont werden muss. Ich habe das vor allem im interreligiösen Dialog in den letzten Monaten ganz deutlich gespürt.

Es ist ja weithin bekannt, dass Muslime den Christen vorwerfen, sie würden den Glauben an den einen Gott nicht wirklich ernst nehmen. Christen wären eigentlich gar keine wirklichen Monotheisten, weil sie letztlich nicht einen sondern drei Götter verehren würden.

Ich ging immer davon aus, dass man damit meint, wir würden Vater, Sohn und Heiligen Geist als voneinander getrennt existierende Gottheiten verehren. Und Muslime würden davon ausgehen, dass für uns Vater, Sohn und Geist drei unterschiedliche Götter wären. Da hatte ich aber die muslimische Kritik nur zu Hälfte verstanden.

Viele muslimische Theologen werfen uns Christen vor, unsere drei Götter wären - nicht Vater, Sohn und Geist, sondern: Gott, Jesus und - Maria.
Und das hat mir ungemein zu denken gegeben. Offenbar erwecken wir nach außen den Eindruck, Maria wie eine Gottheit zu verehren. Das aber wäre schlimm. Wir müssen - gerade im Dialog mit dem Islam und dem Judentum - alles dafür tun, einem solchen Eindruck zu wehren.

Mit Juden und Muslimen gemeinsam verehren wir ein und denselben Gott, den einzigen, der keine anderen Götter neben sich hat. Dass wir in Gott - wohlgemerkt in Gott - drei Personen glauben, ändert nichts daran, dass dieser Gott ein einziger ist. Gerade weil dieser Punkt immer wieder Quelle von Missverständnissen ist, gilt es hier stets sehr sauber zu formulieren.

Es ist fatal, wenn Christen etwa davon sprechen, dass unser Gott einen Sohn habe. Das ist theologisch völlig daneben. Unser Gott hat keinen Sohn.
Unser Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und das ist etwas völlig anderes.

Und natürlich müssen wir noch viel mehr zurückweisen, dass wir in Maria eine Göttin verehren würden. Und alles, was nach außen hin diesen Eindruck erwecken könnte, müssen wir vermeiden - gerade in einer Zeit, in der Menschen aus den unterschiedlichsten Religionen so eng zusammenleben, wie das heute bei uns der Fall ist.

Deshalb gilt es auch, unsere Frömmigkeitsformen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Denn bei so mancher Spielart der Volksfrömmigkeit kann ich durchaus nachvollziehen, dass andere da auf den Gedanken kommen, hier ginge es um eine Gottheit und deren Verehrung. Überall dort, wo ein solcher Eindruck entstehen kann, wird es aber nicht nur fragwürdig, sondern sogar gefährlich. Wir tragen schließlich Verantwortung für das Bild, das wir als Christen nach außen abgeben. Und wir tragen Verantwortung dafür, dass der Glaube, für den wir stehen, Menschen, die ihn nicht kennen, so vorgelebt wird, dass kein falscher Eindruck entsteht und sie nicht in die Irre geführt werden, sondern den wirklichen Kern der christlichen Botschaft erkennen können.

So manches Lied, so manches Gebet, so manche überschwängliche Art der Verehrung - um der größeren Klarheit willen -, sie müssen korrigiert werden. Wir müssen deutlich machen, dass wir keine zusätzliche Göttin haben. Maria war Mensch, zunächst einmal nichts anderes als eine von uns.
Und genau dadurch ist sie uns ja auch so nahe, genau dadurch ist sie so wichtig.

Wenn wir von der Jungfrau Maria sprechen ist das zunächst einmal eine theologische Aussage. Und Theologie ist etwas anderes als Biologie.

Das hat - jetzt mit einem Augenzwinkern gesagt - sogar ein Papst einmal ganz wunderbar formuliert. Auch wenn das in diesem Fall, an den ich jetzt denke, nichts ist, was man in theologischen Diskussionen zitieren könnte. Es war nämlich ein einfacher Versprecher. Aber dieser Versprecher war dann schon wieder herzallerliebst.

Es war auf der Theresienwiese in München, damals beim Papstbesuch von Johannes Paul II. Da war ich als junger Student beim Gottesdienst mit dabei als Johannes Paul im Hochgebet plötzlich von der "allerseligsten Jungfrau und Großmutter Maria" gesprochen hat. Ich habe es selbst gehört.

Natürlich weiß ich, dass er sich versprochen hat, dass er eigentlich "Jungfrau und Gottesmutter" sagen wollte. Gesagt hat er aber "Jungfrau und Großmutter". Und ich dachte damals, warum denn eigentlich nicht. Klingt doch gut "Jungfrau und Großmutter". Und wer weiß - vielleicht ist das bei Gott am Ende letztlich weder Widerspruch noch Gegensatz.

Amen.

(gehalten am 28. Mai 2017 in St. Bernhard, Karlsruhe)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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