Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt an Fronleichnam - Lesejahr C (Lk 9,11b-17)

In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten. Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: Schick die Menschen weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort. Er antwortete: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für alle diese Leute Essen kaufen. Es waren etwa fünftausend Männer. Er erwiderte seinen Jüngern: Sagt ihnen, sie sollen sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig zusammensetzen. Die Jünger taten, was er ihnen sagte, und veranlassten, dass sich alle setzten. Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Und alle aßen und wurden satt. Als man die übriggebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll. (Lk 9,11b-17)

Brot holen, das kann heutzutage schon eine ganz schön komplizierte Sache werden. Wenn Sie jemand bittet, Brot mitzubringen, und nichts weiter dazu sagt, dann haben Sie spätestens in der Bäckerei ein ernstes Problem - allerspätestens dann, wenn die freundliche Verkäuferin fragt: "Was für eines solls denn sein?" Entweder Sie wissen jetzt ziemlich genau, was der andere normalerweise so an Brot hat, oder sie stehen jetzt wirklich ganz schön dumm da.

300 verschiedene Sorten gibt es bei uns nämlich mittlerweile. Über 300 verschiedene Sorten Brot sind bei uns gegenwärtig auf dem Markt.

Liebe Schwestern und Brüder,

da war das früher doch viel einfacher: zwei drei Sorten - mehr Auswahl hatte man nicht. Und zu der Zeit, von der das heutige Evangelium erzählt, zu jener Zeit gabs überhaupt nur eine Sorte Brot. Brot mitzubringen, war da eine einfache Sache. Viel zu denken brauchte man beim Brotkauf nicht. Es gab ja nur eine Sorte.

Beim Brot des Lebens war das nicht viel anders. Viel zu überlegen brauchte man auch da in unseren Breiten über Hunderte von Jahren nicht. Wer nach dem Brot des Lebens, nach einem Glauben, der ihn trägt, wer danach gesucht hat, bekam fast überall die gleiche Auskunft. Den Hunger nach Sinn, nach Religion und Glaube zu stillen war nicht besonders schwer. Viel zu denken brauchte man da nicht, man musste einfach nur mittun. Jahrhunderte lang war man das bei uns so gewohnt.

Und selbst nach den Zeiten der Glaubensspaltung gab es kaum mehr als zwei, drei verschiedene Angebote. Die meisten von Ihnen werden das noch aus Ihrer Jugendzeit kennen: man war halt katholisch oder evangelisch. Viel mehr Möglichkeiten gab es einfach nicht.

Über dreihundert Sorten Brot sind mittlerweile auf dem Markt, und das Angebot an Religion ist sogar noch um ein Vielfaches größer. Darf man sich da wundern, dass sich Menschen, die heute nach dem Brot des Lebens suchen, kaum noch auskennen? Ist es verwunderlich, dass immer weniger Menschen zu dem Brot finden, das wir heute, an diesem Fronleichnamsfest, miteinander feiern? Wer nicht von Kind auf den Bezug hat, wie soll der aus all der Vielfalt, das eine Brot herausfinden?

Und sagen Sie nicht, die wollen heute halt alle nicht mehr. Die Menschen heute sind nicht schlechter, als sie es früher waren. Und das Verlangen nach Religion, nach Sinn und Orientierung ist kein bisschen kleiner als in der Vergangenheit.

Das zeigen nicht nur Statistiken, das zeigt schon ein Blick ins Internet. Das zahlenmäßig größte Angebot an Seiten, sind nicht, wie manche sicherlich vermuten, die sogenannten Schmuddelseiten, es sind die im weitesten Sinne des Wortes religiösen Seiten, die absolut überwiegen. Vor lauter Bäumen ist dort der Wald schon nicht mehr zu sehen. Unter all den esoterischen, magischen und pseudoreligiösen Angeboten fällt Religion, wie wir sie kennen, schon gar nicht mehr auf. Und mich wundert es nur wenig, wenn Menschen, das Brot des Lebens, das für uns so wichtig ist, in diesem Überangebot schon gar nicht mehr finden.

"Gebt ihr ihnen zu essen!" hat Jesus damals gesagt.

Damals sagte er es im Blick darauf, dass die Bäckereien schon geschlossen hatten und kaum die entsprechende Anzahl an Broten zu kaufen gewesen wäre.

Heute sagt er es genauso, aber er sagt es mit einer anderen Betonung.

"Gebt ihnen zu essen!"

Wartet nicht darauf, dass euch Menschen gleichsam zufällig entdecken, sondern geht zu ihnen, bietet ihnen an, bringt den Glauben zu den Menschen, damit sie sich nicht erst im Überangebot des religiösen Marktes verstricken.

"Das können wir doch gar nicht", haben die Jünger damals Jesus erwidert. "Woher sollen wir soviel Brot nehmen?"

"Das können wir doch gar nicht", würden wir Jesus heute antworten, "die Menschen wollen uns doch gar nicht hören, interessieren sich doch gar nicht mehr für das, was wir zu sagen haben, meinen uns doch gar nicht zu brauchen!"

So wie Jesus damals nicht auf den Einwand der Jünger eingegangen ist, so wird er auch heute unsere Widerreden kaum gelten lassen. Ich glaube nämlich nicht, dass Menschen uns gar nicht hören wollen. Möglich, dass sie meinen, den Glauben an Jesus Christus nicht zu brauchen. Das liegt aber nicht daran, dass sie ihn nicht wollen.

Ich glaube, dass die meisten Menschen heute schon gar nicht mehr verstehen, was diesen Glauben ausmacht. Ich denke, dass immer mehr Menschen gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass Jesus Christus, etwas mit ihrem Leben zu tun haben könnte.

Und daran sind wir nicht ganz unschuldig. Wir haben uns in der Vergangenheit so sehr daran gewöhnt, dass Menschen ganz einfach von klein auf in Kirche hineinwachsen, dass wir den Gedanken an Glaubensweitergabe, an Mission, an Werbung für unseren Glauben nicht nur immer mehr hinangestellt haben, wir haben mittlerweile sogar richtiggehend verlernt, wie das geht.

Natürlich haben wir Unmengen an Energie in Katechese, Religionsunterricht, Erwachsenenbildung gesteckt. Unsere eigentliche Zielgruppe waren aber im Grunde immer nur diejenigen, die als Kinder getauft und eben im Umfeld von Kirche aufgewachsen sind.

Immer weniger tun dies aber. Auch in Bruchsal werden nur noch 30 % der Kinder überhaupt getauft. Auch hier wird die Gruppe derjenigen, die eigentlich keinen Kontakt zu Kirche hat, immer größer. Und werbend auf sie zuzugehen, das haben wir tatsächlich fast gänzlich verlernt.

Ich habe in den letzten Jahren eine erschreckende Erfahrung auf diesem Gebiet selbst gemacht. Ich habe den Versuch unternommen, den Glauben einmal durchzubuchstabieren: Mal alles ganz einfach zu sagen, so dass auch jemand, der noch nie etwas mit uns zu tun hatte, ganz leicht verstehen kann, um was es uns geht.

Das Ergebnis sah so aus, wie wenn ein Informatiker sich dransetzt, ein Computerhandbuch zu schreiben. Von wegen ganz einfach. Ohne Informatik studiert zu haben, kapiert man bei einem Computerhandbuch eigentlich fast nichts. Ich musste recht schmerzlich erfahren, dass es mir schon ganz ähnlich geht, dass ich mir schon gar nicht mehr vorstellen kann, was Menschen für Fragen haben, dass ich schon lange nicht mehr ihre Sprache spreche und sie mich mit meiner Sprache und meinen Bildern schon gar nicht mehr verstehen.

"Gebt ihr ihnen zu essen", sagt Jesus. Und das heißt heute, dass wir hinausgehen müssen, raus auf die Marktplätze, dorthin, wo die Menschen sind, dass wir wieder lernen müssen, was sie bewegt, verstehen müssen, wie sie denken, und die Botschaft von Christus übersetzen müssen - übersetzen in das Denken und das Leben der Menschen.

Das war in den ersten Jahrhunderten das eigentliche Erfolgsrezept der christlichen Mission. Klemens von Alexandrien sagt zu seinen Hörern: "Ich will euch die Mysterien des Logos singen, ich will sie euch singen, in Weisen, die euch vertraut!"

In einer Sprache, die den Menschen vertraut ist, in ihr müssen wir die Botschaft Christi weitergeben.

Und dazu ist es notwendig, wieder zu lernen, wie Menschen, die wenig oder gar nichts mit uns zu tun haben, sprechen, sie zu verstehen, ihre Sprache zu lernen, und die Fragen kennenzulernen, die sie bewegen, damit uns nicht das passiert, was man Kirche immer wieder vorwirft, dass sie nämlich hervorragende Antworten gebe, auf Fragen, die nur leider kein Mensch gestellt habe.

Fangen wir an, beginnen wir, den Menschen zu essen zu geben. Entdecken wir die Gruppen, in denen sie sich heute lagern, die unterschiedlichen Millieus, die es auch in unserer Stadt gibt und begeben wir uns mitten hinein.

Ich denke, wir werden die gleiche Erfahrung machen, die die Jünger damals gemacht haben: dass nämlich, als sie anfingen, das, was sie hatten, ihre Brote, an die Menschen weiterzugeben, dass Jesus selbst sie in die Hand genommen hat, segnete und so mit seinem Geist begleitete, dass sie nicht nur für alle passend waren, alle erreichten, sondern in überreichem Maße, den Hunger aller zu stillen in der Lage waren.

Jesus kann das. Er konnte es damals, und er kann es heute.

Ich denke, er macht nur das, was er fast immer tut, wenn es um solche Sachen geht: Er wartet. Er wartet darauf, dass wir den Anfang machen.

Amen.

(gehalten am 10. Juni 2004 im Ehrenhof des Schlosses, Bruchsal)

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