Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt an Fronleichnam - Lesejahr C (Lk 9,11b-17)

In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten. Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: Schick die Menschen weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort. Er antwortete: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für alle diese Leute Essen kaufen. Es waren etwa fünftausend Männer. Er erwiderte seinen Jüngern: Sagt ihnen, sie sollen sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig zusammensetzen. Die Jünger taten, was er ihnen sagte, und veranlassten, dass sich alle setzten. Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Und alle aßen und wurden satt. Als man die übriggebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll. (Lk 9,11b-17)

Stellen Sie sich vor: Am 11. Juni des Jahres 1998, in jener Zeit, da redete Jesus auf dem Marktplatz von Bruchsal. Und er sprach zu allen, die vorübergingen vom Reich Gottes. Und viele gingen vorüber, und sie schüttelten den Kopf. Und er wollte alle heilen, die seine Hilfe brauchten, aber kaum jemand stellte sich an, kaum jemand schien ihn wirklich zu brauchen.

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Mal bin ich über die ersten Zeilen des heutigen Evangeliums gar nicht hinausgekommen: "In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten." Wie viele wären es wohl heute, die ihn um Hilfe bäten. Wie viele würden sich anstellen, weil sie von ihm geheilt werden wollten?

Meine Zahnschmerzen behandelt der Zahnarzt, dafür brauche ich Jesus nicht. Gegen Kopfschmerzen gibt es unzählige Medikamente und von vielen erprobten Präparaten wissen wir sehr genau, dass sie sehr zuverlässig helfen. Was für eine Heilung sollte ich von ihm brauchen? Wozu sollte ich mich bei diesem Jesus anstellen?

Oh, ich weiß, es gibt natürlich viele Krankheiten, die keiner unserer Ärzte heilen kann. Und es gibt natürlich viele Menschen, die dankbar dafür wären, wenn Sie einen Ausweg aus ihrem Leiden fänden, wenn da wirklich jemand wäre, der helfen könnte. Sicher, die hätten vielleicht noch etwas davon, wenn Jesus als Wunderheiler auftreten würde. Aber ich, der ich einigermaßen gesund bin, dem es gut geht, der keine Not kennt, wozu sollte ich ihn brauchen? Ich komme doch genauso gut ohne ihn aus!

Und wenn unsere Medizin dann noch weitere Fortschritte macht, wenn unser soziales Netz und unser Versicherungswesen noch ausgeklügelter werden, so dass auch der letzte Notfall wirklich noch irgendwo abgedeckt ist, braucht ihn dann denn überhaupt noch jemand?

Es sieht doch wirklich so aus, als hätten all diejenigen recht, die immer schon gesagt haben, dass nur die Not beten lehrt. Wenn es uns gut geht, was sollten wir von diesem Jesus dann auch wollen? Was sollte er uns dann auch geben? Es sieht doch wirklich so aus, als müssten tatsächlich erst wieder einmal richtige Notzeiten kommen, damit die Menschen wieder zu beten beginnen, und sie sich wieder in der Kirche drängen.

Ja sollen wir dann darauf hoffen, dass es uns auf Zukunft hin wieder schlechter geht, damit wir wieder näher zu Gott finden? Das wäre ja ein furchtbarer Gedanke! Wenn es erst Zugunglücke wie in Eschede bräuchte, wenn es erst Katastrophen wie den 1. März 1945 in Bruchsal bräuchte, damit wir Menschen zu Gott finden, das wäre ja ein trostloser Gott und ein trauriger Glaube.

Auf solch einen Gedanken kann man eigentlich nur kommen, wenn man Gott mit einem Nothelfer verwechselt, mit einem Gott für die Not eben, der uns Menschen demnach offensichtlich auch nur dann erreicht, wenn wir in Not sind, wenn wir ihn wegen einer Notlage auch tatsächlich brauchen.

Aber der Gott, den Jesus Christus und die Bibel verkünden, das ist kein Gott für die Not, das ist ein Gott für das Leben und zwar für alle Bereiche des Lebens – ganz klar für die Zeit der Krankheit und der Not aber nicht minder, kein bisschen weniger für die Zeiten des Glücks, der Freude und der Gesundheit.

Gott will nämlich kein Notnagel sein. Er hat sich offenbart als der, der mit mir geht, der mein Begleiter sein möchte, der den Weg, der vor mir liegt, mit mir zusammen gehen möchte, durch alle Täler und Schluchten hindurch, genauso wie über alle Höhen und sonnenbeschienen Lichtungen.

Und das ist sein Evangelium für mich, nicht dass es keine Not gibt, nicht dass mir alles glückt oder leicht von der Hand geht, aber dass ich bei allem was ich tue, nie allein bin. Er will bei mir sein, wann, wo und wie es auch sei. Das hat er mir zu geben.

Er gibt mir, dass ich keine Angst mehr zu haben brauche, keine Angst vor der Zukunft. Denn er sagt mir, dass er bei mir bleibt, egal was alle Zukunft auch bringen mag, dass er selbst meine Zukunft ist, und dass ich das Ziel deshalb auch gar nicht verfehlen kann, weil ich mich dann ganz einfach nur an ihn halten muss. Das hat er mir zu geben: einen Halt in diesem Leben. Ich wüsste nicht, wo ich den sonst hernehmen sollte!

Natürlich sehen andere das anders. Natürlich entdecken immer mehr diese Botschaft heute anscheinend nicht mehr. Sehr viele scheinen die Befreiung, die Gott für mich bedeutet, gar nicht als solche zu erleben.

Fragen Sie mich nicht warum. Ich kann in diese Menschen nicht hineinsehen. Eines aber kann ich mir denken: einfach gemacht, haben wir es ihnen in der Vergangenheit ja nicht. Besonders überzeugend bringen wir die Botschaft von der Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes ja nicht gerade unter die Leute.

Die meisten, die fern stehen, und vor allem die jungen Menschen unter ihnen, haben Kirche viel zu oft nur erlebt, wenn sie etwas will. Da wird gesammelt, da wird schon wieder gebettelt. Da wird jenes verboten, und dieses nicht geduldet. Da wird vom Reich Gottes geredet, aber in einer Sprache und mit Formulierungen, die immer weniger verstehen. Kann ich’s den Menschen verdenken, dass sie sehr wohl hören, aber immer weniger begreifen?

Wie überzeugend ist denn, der gestresste Pfarrer, der nur noch unter seinen Terminen stöhnt, und dabei erklären will, dass sein Glaube uns Menschen frei und froh macht? Wie überzeugend ist die griesgrämige Pastoralreferentin, die ob der Querelen zwischen Bistumsleitung und Berufsverband mehr Frust als Begeisterung ausstrahlt? Und welche Überzeugungskraft hat das engagierte Gemeindemitglied, das als Leiter von ‘zig Ausschüssen gehetzt von einer Sitzung zur anderen eilt und sich ständig darüber beklagt, dass kaum noch jemand für diese oder jene aufopferungsvolle Tätigkeit zu gewinnen ist. Können wir’s denen verdenken, die in ihren Vorurteilen über Gott und seine Kirche gefangen sind, dass sie davon nicht los kommen, wo wir immer wieder alles tun, um diese Vorurteile auch noch zu zementieren und zu befestigen?

Es liegt auch an uns; an uns allen, die wir jetzt hier sind. Wir tragen nachher das Sakrament – Gottes großes Geschenk an uns Menschen – durch die Straßen unserer Stadt. Tragen wir damit auch wieder ganz neu die eigentliche Botschaft Christi zu den Menschen. Verkünden wir den Menschen die gute Nachricht Gottes, die Nachricht nämlich, dass es Gottes oberstes Anliegen ist, unser Leben weit zu machen, uns die Fülle des Lebens zu schenken.

Aktionen und Aktivitäten sind erst in zweiter Linie wichtig. Sie bleiben hohl und leer, wenn die Menschen bei uns nicht erleben können, dass sie in Christi Gemeinde angenommen sind, so wie sie sind, dass wir uns nicht verstellen brauchen, dass wir ehrlich zu unseren Fehlern und Schwächen stehen können, weil jeder von uns weiß, dass keiner hier ohne Fehler und ohne Versagen ist. Machen wir unsere Gemeinden immer stärker zu Orten, an denen man sich wohlfühlen kann, damit die Menschen spüren können, dass es unserem Leben hilft, wenn wir Christus nachfolgen.

Viel zu oft wird unsere Kirche als Herrin über unseren Glauben erlebt. Der Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, damit er unter uns ist als einer, der dient, der will, dass wir dem Glauben der Menschen dienen. Er gibt sich uns selbst im Zeichen des Brotes, er gibt uns seinen Leib für das Leben der Welt. Folgen wir ihm nach in Gemeinden und in einer Kirche, die diesem Leben dienen, denn wenn die Kirche nicht dient, dann dient sie zu nichts.

Amen.

(gehalten am 11. Juni 1998 in der Stadtkirche Unserer Lieben Frau, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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