Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Dreifaltigkeitssonntag (Spr 8,22-31)

So spricht die Weisheit Gottes: Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein. (Spr 8,22-31)

Hand aufs Herz - wie stellen Sie sich ihn vor? Welches Bild fällt Ihnen ein, wenn Sie an Gott denken? Ganz ehrlich; ich wette mit Ihnen für 80, na, für 90 Prozent unserer Leute ist Gott doch ganz klar ein Mann.

Die Bilder, die wir kennen, sind da übermächtig. Und allen voran Michelangelos Gemälde in der Sixtinischen Kapelle, dieses berühmte Bild von Gott auf der Wolke, der dem Menschen den Lebensfunken überträgt.

Liebe Schwestern und Brüder,

Bilder sind ungeheuer mächtig. Und sie graben sich weit tiefer ein, als es Worte je könnten.

Dabei unterstreichen die Worte, die wir verwenden am Ende die Vorstellung, die sich in unseren Bildern ausdrückt nur noch einmal: Gott ist Vater, er ist Sohn und er ist Geist - kurz: er ist in allen Bildern, die uns begegnen einfach ein Mann.

Und dabei ist das so etwas von falsch!

Es ist ein Irrtum, dem man nur aufsitzen konnte, weil man in der Christenheit über Jahrhunderte hinweg die Botschaft eines Großteils der Bibel fast völlig aus dem Blick verloren hatte.

Wie Gott ist und was ich von ihm sagen kann, entfaltet sich erst dann in seiner Gänze, wenn ich die Bibel in ihrer Gesamtheit betrachte und all die vielen Facetten, all die vielen Gleichnisse und all die unterschiedlichen Bilder, die hier von Gott gezeichnet werden, zusammennehme.

Und hier sind vor allem die Bücher des ersten Bundes, des sogenannten Alten Testamentes, ungeheuer wichtig! Wenn ich das Alte Testament anschaue, dann muss schon der Umstand aufhorchen lassen, dass für die Bibel und die Sprache der Bibel Gottes Geist absolut nicht männlich ist.

Die "ruach Jahwe", wie Geist Gottes auf Hebräisch heißt, ist weiblich. Geist ist in der Sprache der Bibel ein weiblicher Begriff.

Erbarmen, einer der wesentlichen Züge Gottes, Erbarmen und Barmherzigkeit sind Worte, die wir eigentlich auch mit Mütterlichkeit übersetzen könnten. Alfons Deissler, der große Freiburger Alttestamentler, ist deshalb nie müde geworden zu betonen, dass es in der Schrift genaugenommen mindestens so viele mütterliche Aussagen über Gott gibt, wie Stellen, die ihn als Vater beschreiben.

Und eines der schönsten und vielleicht unbekanntesten Bilder, das die Bibel von Gott entwirft, ist uns in der heutigen Lesung vor Augen geführt worden. Da begegnet ein weiterer Zug Gottes, den das Buch der Sprüche in den schillerndsten Farben, zu denen man mit Worten fähig ist, ausmalt.

Es ist die Weisheit Gottes, die an dieser Stelle begegnet, als wäre sie eine eigene Person. Und sie spricht zu uns. Und sie berichtet, dass sie überall mit dabei gewesen ist: Als Gott den Himmel baute, als er den Erdkreis abmaß, die Quellen zu strömen begannen und die Fundamente der Erde gebildet wurden, war die Weisheit mit am Werk. Das schildert sie im Buch der Sprüche selbst, und sie berichtet es in Gestalt einer Frau.

Gottes Weisheit - für die Bibel ist das eine seiner weiblichen Züge! Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die Bibel stellt uns Gottes Weisheit im Bild einer weiblichen Gestalt vor Augen.

Von wegen: "Gott ist ein Mann!" Die Bibel berichtet von Gott als Mann und Frau oder noch genauer als jemandem der Mann und Frau integriert und beides übersteigt. Unser Gott ist genauso der übergeschlechtliche Gott, wie er der ist, der Raum und Zeit, die Geschichte und den ganzen Kosmos umfasst und sogar umgreift.

Ein großartiges, ein gewaltiges Bild. Die Botschaft von einem Gott, wie er einzigartiger nicht sein könnte.

Wir betrügen uns selbst um ganze Dimensionen der Gottesbotschaft, wenn wir uns vorschnell von allzu einfachen Bildern - und seien sie noch so großartig gemalt - gefangen nehmen lassen. Gott ist weit mehr, als ein Bild ausdrücken kann.

Und er ist auch weit mehr, als man mit einer einfachen und manchmal viel zu schnell dahergesagten auswendig gelernten Formel beschreiben kann.

Um Gott auch nur annähernd in den Blick zu bekommen gilt es immer wieder auf Entdeckungsreise zu gehen, und das ganz besonders in den Weiten der biblischen Botschaft. Dort begegnen einem all die unterschiedlichen Facetten unseres Gottes.

Und sie begegnen zum Beispiel in Gestalt seiner Weisheit. Eine Weisheit, die wie alle Züge dieses Gottes von seiner unendlichen Menschenfreundlichkeit kündet. Denn - und darin gipfelt die Botschaft der heutigen Lesung, das ist ihr Schluss- und ihr Zielsatz - und es ist vielleicht einer der großartigsten Sätze der ganzen Bibel überhaupt, einer von denen, die Gottes Liebe zu uns Menschen so eindringlich bezeugt. Denn diese Weisheit Gottes spricht von sich selbst, dass es die größte Freude für sie ist, es ist für die Weisheit Gottes die größte Freude bei den Menschen, bei uns Menschen zu wohnen.

Amen.

(gehalten am 2./3. Juni 2007 in der Peters- und der Pauluskirche, Bruchsal)

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