Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Dreifaltigkeitssonntag (Röm 5,1-5)

Brüder! Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Röm 5,1-5)

"Wir rühmen uns ... unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung."

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Stelle aus dem Römerbrief gehört für mich zu den vielen, bei denen Sie mich besser nicht fragen, was sie denn im Letzten wirklich bedeuten soll. Paulus hat eine Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, die schon zu seiner Zeit alles andere als leicht zu begreifen war. Schon im zweiten Petrusbrief heißt es deshalb ja, dass in den Briefen, die er geschrieben hat, manches nur sehr schwer zu verstehen sei.

Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld bewirkt Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, und deshalb könne man sich auch der Bedrängnis rühmen...

Ich werde jetzt nicht den Versuch unternehmen, die einzelnen Teile dieser Aussage auseinander zu nehmen, um sie schlüssig zu erklären. Dann würden Sie sich nämlich am Ende wahrscheinlich fragen, was ich denn jetzt überhaupt gesagt hätte.

Ich erzähle Ihnen besser etwas von einem Mann, der mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen ist, und das war ein Lehrer von mir. Nein, kein Religionslehrer, es war einer meiner Mathematiklehrer.

Ich hatte ihn - so kann ich mich ganz dunkel erinnern - in der fünften Klasse für nur einige Wochen. Seinen Namen weiß ich gar nicht mehr, ich weiß nur noch, dass er auf mich - damals ein ja noch recht kleiner Junge - unheimlich alt wirkte. Er unterrichtete eigentlich nur noch aushilfsweise. Und seine langsame Art zu sprechen und vor allem die vielen Goldkronen in seinem Mund, werden mir ewig in Erinnerung bleiben.

Und in Erinnerung bleiben wird mir auch ein Satz, den er einmal von sich gegeben hat. Neben den mathematischen Formeln, die er uns beizubringen hatte, ließ er nämlich immer wieder seine ganzen Lebensweisheiten in den Unterricht einfließen. Und an einem Morgen sagte er ganz unvermittelt, wie so nebenbei:

"Und denkt mir immer daran: Wenn es einmal danach aussieht, dass kein Ausweg mehr bleibt und es nicht mehr weitergeht, wenn ihr keine Lösung mehr seht, dann trefft ja keine Entscheidung. Schlaft drei Nächte darüber, lasst drei Tage ins Land ziehen, dann sieht alles wieder anders aus..."

Ich habe schon so oft an diesen Lehrer denken müssen. Wie viele Berge, die scheinbar unüberwindbar waren, sahen - mit ein klein wenig Abstand - plötzlich gar nicht mehr so furchterregend groß aus. Wie viele Sackgassen, aus denen ich schon keinen Ausweg mehr sah, boten schon nach kurzer Zeit, unzählige Schlupflöcher. Und wie viele Dunkelheiten, die einfach nur noch finster waren und nicht einmal die Hand vor dem Gesicht - geschweige denn einen Weg - erkennen ließen, wurden nach wenigen Tagen wieder - zumindest ansatzweise - ein wenig heller.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich drei Nächte sind, die man warten muss, aber einige Zeit, die sollte man tatsächlich ins Land gehen lassen, bevor man sein Leben einer Entscheidung überlässt, die sich wenig später schon als Kurzschlussreaktion entpuppen könnte.

Wie oft musste ich schon an meinen Lehrer denken, wenn sich manche Geröllhalde, dann am Ende doch als zumindest gangbarer Weg entpuppte. Nicht gleich durchdrehen, einen kühlen Kopf behalten egal was auch geschieht, und vor allem aushalten - Ich versuche es mir selbst immer wieder zu sagen.

Bedrängnis hat nämlich etwas mit Geduld zu tun, und die wiederum mit Bewährung, und dann entsteht auch wieder neue Hoffnung: Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt - wie schon Paulus schreibt, der auch hier, wenn er auch manchmal schwer zu verstehen ist, wieder einmal recht haben dürfte.

Amen.

(gehalten am 10. Juni 2001 in der Peters- und der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.