Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christkönigssonntag - Lesejahr C (Lk 23,35-43)

In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten im Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in deiner Macht als König kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,35-43)

Meine Schwester hat mir vor einiger Zeit ein Computerspiel geschenkt.

Ist echt toll: Man wird regelrecht in die Zeit des alten Ägypten zurückversetzt. Sie sind dabei der Pharao und müssen eine Stadt errichten. Und Sie bauen Straßen und Häuser, legen riesige Farmen an und sorgen dafür, dass ihre Leute Arbeit haben und genügend Geld in der Staatskasse ist. Und das alles erleben Sie dann ganz einfach auf dem Bildschirm.

Ach ja, und Tempel müssen sie auch bauen und vor allem einen Festplatz. Denn ganz wichtig ist es, in schöner Regelmäßigkeit den einzelnen Göttern große Feste abzuhalten. Je üppiger desto besser.

Und wehe Sie vergessen das über längere Zeit - dann melden sich die einzelnen Götter nämlich. Und sie tun das sehr eindringlich. Wenn ein Gott zornig wird, dann werden plötzlich Ihre Warenhäuser vernichtet, Ihre Handelsschiffe gehen unter oder sämtliche Farmen bringen keinen Ertrag mehr.

Einen Gott zu vergessen, das tut man in diesem Computerspiel nicht zweimal. Diese Götter verschaffen sich nämlich Respekt. Und wehe dem, der sich nicht darum schert, der diese Götter nicht fürchtet! Er wird sie fürchten lernen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das sind Götter, wie man sie sich vorstellt, und wie die Menschen offensichtlich auch erwarten, dass ein Gott zu sein hat. Wer sich keinen Respekt verschafft und wer zulässt, dass man ihn nicht ernst nimmt, der hat schließlich sehr schnell all seine Autorität verspielt. Und das kann sich auf die Dauer nicht einmal ein Gott leisten. Damit rechnen die Menschen, und sie fürchten deshalb ihre Gottheiten. Sie haben sie immer gefürchtet, in allen Kulturen und zu allen Zeiten.

Und was macht unser Gott? Der Gott, den uns das Evangelium nahe bringt, der der höchste, der allmächtige der einzige Gott ist? Während jeder Programmierer von Computerspielen weiß, dass sich ein Gott Respekt verschaffen muss, um von den Menschen wirklich ernst genommen zu werden, wird dieser Gott Mensch,
und nicht einer von den mächtigen, sondern einer von den schwachen, einer von denen, die unter die Räder kommen. Und am Ende ist er so heruntergekommen, dass selbst Sterbende ihn noch auslachen.

Dieser Jesus von Nazareth, dieser Christus von der traurigen Gestalt, der Gekreuzigte - eine Witzfigur ist er geworden. Die Mäuler haben sie sich über ihn zerrissen; die Henker, die Umstehenden selbst der im Sterben liegende Mitgefangene... ein Inbegriff des Spotts. Und das ist Gott!

So jemanden fürchtet man doch nicht - nicht im Israel der Zeitenwende und am allerwenigsten in unserer aufgeklärten Zeit! Spätestens am Kreuz hat Gott selbst allen Respekt, alle Furcht vor dem Allmächtigen, alle Angst, die Menschen jemals vor ihm haben könnten, endgültig und gründlich zunichte gemacht. Einen Gekreuzigten fürchtet man nicht.

Das einzige Gefühl, das man für so jemandem noch hat, das ist Mitleid. Und wenn der andere, der neben ihm gekreuzigt wurde, den Spott der Umstehenden und seines Kompagnon nicht mehr aushält, wenn er ihn zurecht weist und diesem Jesus einen letzten Rest an Achtung entgegenbringt, dann tut er es letztlich aus Mitleid.

Und vielleicht ist es genau das, was dieser Gott will. Offenbar will er nicht die Furcht, keine Angst und auch keinen Respekt mit Zittern und mit Zagen. Er will unser Mitleid: unser wirkliches, unser anteilnehmendes Gefühl; unser Mitgefühl, ein Gefühl, das letztlich Liebe heißt.

Mit unserer Angst kann Gott nichts anfangen. Was sollte jemand der die Nähe eines anderen sucht auch davon haben, wenn der andere aus lauter Respekt mit zitternden Knien in gehörigem Abstand stehen bleibt. Gott sucht nicht unsere Angst, er sucht unsere Nähe, und deshalb sucht er einzig und allein unsere Liebe.

Mag sein, dass die Menschen von Anfang an nur Angst vor Göttern hatten. Mag sein, dass die Beziehung der Menschen zu Gott mit Furcht und Angst beginnt. Nicht umsonst heißt es in den Psalmen: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Aber das ist eben nur der Anfang! Und wer wird schon am Anfang stehen bleiben!

Ich kann die Aufregung deshalb auch nicht teilen, wenn heute immer wieder beklagt wird, dass die Menschen keine Furcht vor Gott mehr hätten. Ich kann da nichts Schlimmes dabei finden.

Solange ich jemanden fürchte, hat die Liebe kaum eine Chance. Gott aber will nicht unsere Furcht, er will die Liebe. Und dazu muss ich Furcht erst überwinden.

Mag sein - vielleicht ist die Furcht des Herrn tatsächlich der Anfang der Weisheit, aber sie ist dann eben auch wirklich nur der Anfang. Und nach dem Anfang braucht es den nächsten Schritt, sonst komme ich dem Ziel kein bisschen näher.

Furcht ist eben nur der Anfang - das Ziel aber, die Vollendung, das ist die Liebe.

Amen.

(gehalten am 24./25 November 2001 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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