Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christkönigssonntag - Lesejahr C (Lk 23,35-43)

In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten im Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in deiner Macht als König kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,35-43)

Liebe Schwestern und Brüder,

es war im Jahre 1925 als das Christkönigsfest eingeführt wurde. -

In einer Zeit, in der überall in Europa das nationale Bewusstsein erwachte, in der überall Kaiser und Könige wieder neu als Herrscher über Nationalstaaten auftraten, da wuchs auch in vielen christlichen Gruppierungen die Verehrung Christi als König, als König des Himmels, als Herrscher über das All. Und der Gedanke, das Ganze auch in einem eigenen Fest zu feiern, lag in der damalige Zeit offenbar recht nahe.

Im Jahre 1925 wurde es dann eingeführt, das Christkönigsfest, ein Fest, das eigentlich schon bei seiner Einführung von den Ereignissen überholt worden war. Könige und Kaiser waren damals schließlich in weiten Teilen Europas schon längst wieder Geschichte geworden. Im Grunde schon damals ein anachronistisches Fest; und heute natürlich mehr denn je.

Nicht nur, dass für uns heute "König" allein schon vom Wort her nach Staub, nach Antiquiertheit und auch nach Weltfremdheit riecht - nicht nur das! Wenn wir die Nachrichten der Regenbogenpresse verfolgen, dann gelangen Königtum und König mittlerweile ja schon beinahe in die Nähe von Witzfiguren. Gerade die ach so interessanten Ereignisse um das englische Königshaus etwa nehmen dem Königstitel ja noch den letzten Rest von Würde, den er einmal gehabt haben mag. Und Jesus Christus da noch als König zu feiern, das hat - für mich - dann schon mehr peinliche als erhebende Züge.

Kann man mir's übel nehmen? Ich kann halt nichts dafür, dass mir, wenn da jemand Gott-Vater als König des Himmels bezeichnet, dass mir da unwillkürlich das Bild von der Queen Mum einfällt. Und wenn jemand vom Christkönig spricht, dann muss ich halt als aller erstes an Prinz Charles denken und an die Frage ob er jetzt wohl auf den Thron verzichtet oder nicht.

Das geht mir halt so.

Und schon deshalb scheint er mir recht problematisch zu sein, dieser Titel "König". Vor allem aber, scheint er mir gar nicht so richtig auf Jesus passen zu wollen. Nur unter großen Schwierigkeiten scheint er mir im Blick Christus überhaupt verwendbar zu sein.

Und ich finde es da mehr als interessant, dass das nicht nur mir so geht, ja, dass das nicht einmal nur heute der Fall ist. Ich finde es höchst interessant, dass anscheinend zu allen Zeiten Menschen ihre Schwierigkeiten damit gehabt haben das Wort König, mit Gott in Verbindung zu bringen.

Israel beispielsweise hatte da anfangs ganz große Probleme. Es ist ja schließlich auffallend, dass man in Israel dieses Wort lange Zeit nur sehr ungern verwendet hat. Das hebräische Wort für König, das hatte nämlich einen ganz eigenartigen Geruch. Man vermied es anfangs, wo es nur ging.

Dieses Wort heißt nämlich "melek", und schon vom Klang her erinnerte es an einen kanaanäischen Gott, an den Gott "Molek" nämlich. Und "Molek" war ein grausamer Gott, ein Gott, der Kinderopfer verlangte.

Israel hatte daher ganz große Schwierigkeiten mit dem Wort "melek" mit dem Wort für "König". Und lange Zeit hatte man deshalb sogar überhaupt keinen König in Israel. Erst spät, viel später als bei den umliegenden Völkern, rang man sich in Israel dazu durch, einen König zu krönen. Und unter welchen Schwierigkeiten das geschah, welche Bauchschmerzen die israelitischen Theologen mit dieser Geschichte hatten, das kann man heute noch in den Samuelbüchern nachlesen.

Man hat sich zwar später auch in Israel mit dem Königsbegriff arrangiert, aber ganz unvoreingenommen scheint man diesem Wort nie begegnet zu sein.

Noch im Neuen Testament wird das deutlich: Der reale König, Herodes der Große, begegnet schließlich im Evangelium zuallererst als Kinder-Mörder. Und wenn von Jesus als König gesprochen wird, dann unter ganz eigenartigen Vorzeichen: Den neugeborenen König der Juden müssen die Magier aus dem Osten in einem Stall suchen. Das ist schon mehr, als beißende Ironie.

Und die völlige Demontage des Königstitels, findet sich dann auf der Tafel am Kreuz: "Jesus von Nazaret, der König der Juden!" Das ist der König der Juden!

Aber was für ein König! Ein König am Kreuz, unter Verbrechern. Ein König beim Sterben, ein Antikönig. Einer der alles andere ist, als das was man klassischerweise mit König in Verbindung bringt, einer, der von Anfang an, schon als neugeborener König, einer der von Anfang an, diesen Titel demontiert und ins völlige Gegenteil verkehrt hat.

Der Christkönig - nach dem Zeugnis des Evangeliums der Antikönig schlechthin.

Man wollte ihm einen Festtag widmen, den Glanz und den Triumph des auferstandenen Jesus Christus feiern, der jetzt als König herrscht.

Ich weiß es ja nicht - aber manchmal möchte ich eine ganz eigenartige Fügung dahinter sehen, dass dieses Fest erst dann zum Tragen kam, als das Königtum, in dessen Bild und Glanz Jesus nun gefeiert werden sollte, schon lange seinen Glanz verloren hatte. Und ich bin manchmal durchaus versucht zu glauben, dass das, was dadurch entstanden ist, dieses anachronistische Antifest "Christkönig", dass dieses Fest dem Antikönig Jesus vielleicht viel gerechter wird, als das, was die Initiatoren dieses Tages sich eigentlich einmal ausgemalt hatten.

Vielleicht ist es ja gar nicht so falsch, wenn mir am Christkönigstag als Bild, außer den spärlichen und erbärmlichen Überresten der durchweg ohnmächtigen europäischen Königshäuser gar nichts anderes mehr einfallen will. Vielleicht komme ich dem Christkönig Jesus dadurch ja bedeutend näher, vielleicht verstehe ich sein Königtum viel besser, wenn ich an den von Fotographen und Medien zerrissenen und geschundenen Prinz Charles denke, als wenn ich mir irgendwelche romantisch triumphalistische Königsgestalten vor Augen führe.

Ich möchte dem lieben Gott ja nicht vorgreifen, aber ich denke, bevor er mit einem Willhelm der Eroberer, einem Ludwig XIV. oder etwa einem Dschingis Khan verglichen werden möchte, ich könnte mir vorstellen, dass ihm da die Queen Mum doch noch allemal lieber ist.

Wenn schon Christkönig, wenn schon diesen Titel des Königs, dann bitte im Bild dieses demontierten Königtums, im Bild dieser Ohnmacht und Geschundenheit, dann bitte in dem Bild, das sich der Christkönig selbst gewählt hat, in dem des Kreuzes nämlich.

Amen.

(gehalten am 26. November 2000 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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