Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 21,5-19)

In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt euch fest vor, nicht im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern und Geschwister werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen. (Lk 21,5-19)

Wir waren keine Stunde in Peru, da fuhren wir mit dem Taxi an einem Gebäude vorbei. Es stand in einem der vielen Vororte Limas und glich eigentlich mehr einer Festung als einem Haus. Eine Vollzugsanstalt - dachte ich. Stacheldraht, Wachtürme, Eisentore - all das erinnerte mich an den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses.

Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, dass die Sicherheitsvorkehrungen an diesem Haus nicht dazu da waren, Menschen am Ausbrechen zu hindern. Es war eine Fabrik; und der Stacheldraht und die Wachposten sollten Menschen am Einbrechen hindern.

Liebe Schwestern und Brüder,

noch nie in meinem Leben habe ich so viele Sicherheitseinrichtungen - Wachmänner, Zäune, Alarmanlagen, dicke, eiserne Riegel selbst vor den Stromanschlüssen - erlebt, wie in den wenigen Tagen, die wir in Lima verbracht haben.

Was ist das für eine Stadt, wo jeder offenbar Angst haben muss, dass man ihm an sein Hab und Gut möchte, wo Taxifahrer höchstens drei Liter Sprit tanken, aus Angst davor, dass ihnen nach der nächsten Fahrt das Benzin selbst aus dem Tank des Wagens geklaut wird.

Und was ist das für eine Welt, in der das Gefühl von Sicherheit nur noch ein schöner Traum zu sein scheint. Denn das, was mir in Lima so stark ins Auge stach, das gilt ja nicht nur für dort.

Wer kann denn bei uns das Haus noch offen stehen lassen? Und dass man selbst mitten im Alltag seines Lebens nicht mehr sicher ist, das wissen wir alle. Und wir spüren es seit den Ereignissen des 11. Septembers auf höchst bedrückende Weise. Wenn man schon Angst haben muss, die Post zu öffnen - was ist das für eine Welt?

Bisher habe ich mich das auch gefragt. Und ich habe wenige und dann auch kaum befriedigende Antworten gefunden. Seit dem Sommer, seit ich das erste Mal diese drei Wochen in den Anden gewesen bin, ist mir eines neu aufgegangen - und es ist mir erschreckend bewusst geworden. Mir ist bewusst geworden, dass es Gründe für diese Entwicklung gibt. Und was noch viel beklemmender ist: ich kann diese Gründe sehr wohl nachvollziehen.

Wir waren in Cusco und wir besichtigten die Ruinen von Machu Picchu und erlebten Tausende von Touristen, die genau das gleiche machten wie wir. Und wenn ich mir die stolzen Eintrittspreise in Erinnerung rufe, dann braucht es nicht viel, um hochzurechnen, dass Tausende und Abertausende von Dollars allein an diesem Tag am Abend unter dem Strich in den Kassen gewesen sein mussten.
Bei den Menschen, die in Cusco, in der Umgebung, bis hin nach San Pedro und San Pablo wohnen,
ist kein Pfennig, nicht ein einziger davon am Ende geblieben.

Alles, was an Einnahmen in dieser armen Region vorhanden ist, fließt am Ende nach Lima auf die Konten einiger weniger Familien. Und wer nicht durch Schuheputzen, Ansichtskartenverkaufen oder Betteln seinen Anteil davon zu bekommen sucht, der sieht vom Reichtum, den die Touristen ins Land bringen wenig - und meist sogar gar nichts.

Die Augen der Kinder, die Sie von Fotos und Kalenderblättern kennen, die Gesichter, die strahlen und lachen, die strahlen deshalb, weil diese Kinder nichts anderes kennen als die Armut und das Elend, in der sie groß geworden sind, weil sie letztlich noch nie erlebt haben, dass man auch anders leben kann, und wie man anders leben könnte, als in Lehmhütten, mit zerschundenen Füßen von stundenlangem Schulweg und ohne berufliche Perspektive - ohne eine Perspektive, die einen diesem Elend wirklich entfliehen ließe.

Die meisten können von einem Leben, wie es in den wohlhabenderen Vierteln von Lima geführt wird, und wie wir es in unseren Breiten tagtäglich kennen, die meisten können davon nicht einmal träumen. Sie können nicht einmal davon träumen, weil sie sich keinerlei Vorstellungen davon machen können, wie ein Leben in Wohlstand aussieht. - Sie können es sich nicht einmal vorstellen.

Und so sarkastisch es jetzt auch klingen mag: Vielleicht können diese Kinder gerade deshalb noch lachen. Vielleicht ist das ihr einziges Glück. Denn nur deshalb halten sie das Elend überhaupt aus, nur deshalb können sie in ihrem Umfeld, ihrer Umgebung überhaupt glücklich und zufrieden sein, weil sie ein anderes Leben eben nicht kennen.

Denen aber, die sich eine Vorstellung davon machen können - weil eben auch in den Anden die Welt kleiner zu werden beginnt, weil die Globalisierung auch hier Früchte trägt und die Medien von einem anderen Leben erzählen -, denjenigen, die dann nach Lima ziehen und in den Elendsvierteln landen, weil sie begonnen haben, vom Glück zu träumen, vom Glanz und Luxus, den sie nun tagtäglich vor Augen haben, und der ihnen einfach weil sie von den Anden kommen, einfach weil sie das Pech hatten, in einer armen Region geboren zu werden, der ihnen aus keinem anderen Grund, unerreichbar ist - kann ich denen verdenken, dass sie ein Stück vom Kuchen abhaben möchten?

Ich habe in den drei Wochen, in denen wir in Peru gewesen sind, erlebt, wie ich innerlich wütend wurde. Und ich weiß nicht, wie lange es dauern würde, bis ich den Menschen dort zurufen würde: "Geht hin, und holt euch euren Teil!"

Denn es kann doch nicht angehn, dass manche, aufgrund ihrer Geburt, aufgrund der reichen Eltern und der entsprechenden Umgebung, einfach alles haben, und die anderen, einzig und allein deshalb, weil ihre Eltern arm gewesen sind und die Region in der sie groß geworden sind ihnen keinerlei Perspektive eröffnet, eben nichts, ja nicht einmal eine Chance haben.

Ich verstehe mittlerweile sehr gut, dass dort, wo Tausende und Millionen ohne Chance und dafür voller Hunger sind, dass dort Fanatiker und Verführer leichtes Spiel haben. Wer keinen anderen Ausweg mehr sieht, wer ansonsten keine Perspektive hat, der klammert sich am Ende an die Versprechungen derer, die ein besseres Leben verheißen oder dem eigenen Elend zumindest ein wenig Sinn zu geben vermögen.

Mich wundert es nicht mehr, dass religiöser Fanatismus, wie wir ihn zum Beispiel in Afghanistan erleben, dort Wurzeln schlägt, wo größeres Elend eigentlich nicht mehr vorstellbar ist.

Religiöse Fanatiker und Fundamentalisten gibt es auch hier, auch unter den Christen. Nachlaufen tun ihnen wenige; denn Menschen mit vollem Bauch sind noch nie empfänglich gewesen für radikale Parolen.

Menschen aber, die hungern, denen bleiben solche Parolen oftmals als einzige Hoffnung. Und solange Millionen verhungern, solange wird es deshalb auf dieser Welt auch keinen Frieden geben; solange wird man dem Terror und dem Fanatismus seinen Nährboden nicht entziehen können. Und deshalb wird es solange es Hunger und Elend auf dieser Welt gibt, deshalb wird es solange auch kein Leben in Sicherheit geben, für niemanden auf dieser Welt.

Die Menschen in den armseligen Regionen dieser Erde wollen gar nicht so leben wie wir, mit dem meisten, was uns so wichtig ist, können sie wahrscheinlich gar nichts anfangen - das wollen sie nicht. Aber sie wollen das, was es zum Leben wirklich braucht - nicht mehr wollen sie auch für sich: genügend Nahrung und Arbeit und ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit. Und darauf haben sie ein Recht - ein Menschen-Recht.

Wenn wir es ihnen streitig machen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass immer wieder, irgendwo auf dieser Welt, Menschen aufstehen um sich das, was ihnen zusteht am Ende zu holen. Wir können die Zäune so hoch machen, wie wir auch möchten, es wird immer einen Weg geben, sie zu überwinden. Frieden wird es so nicht geben. Ohne soziale Gerechtigkeit wird wirklicher Friede ein Wunschtraum bleiben.

Und wer den Terror wirklich bekämpfen möchte, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als ihm den Nährboden zu entziehen. Und dazu reicht es nicht aus, ein paar Terroristen gefangen zu nehmen und ihre Lager zu zerstören. Solange Menschen hungern, herrscht keine Gerechtigkeit auf dieser Erde. Ohne Gerechtigkeit aber gibt es weder Frieden noch Sicherheit.

Von unserer Politik erwarte ich da nicht viel. Weder im Großen noch im Kleinen. Überall wo Menschen am Ruder sitzen scheinen sie sich nach denen auszurichten, die mehr haben als die anderen. Denn diejenigen, die haben, scheinen auch überall das Sagen zu haben. Und die, die nichts haben, haben nirgendwo auf der Welt wirklich eine Lobby.

Wenn es soziale Gerechtigkeit geben soll, dann müssen wir - auch wir hier -, darum kämpfen und dafür sorgen. Und wir dürfen auf niemanden anders warten.

Wir müssen das Bewusstsein wach halten, dass all das, was bisher getan wird, halbherzig und im Letzten wirkungslos ist. Und wir müssen die stützen und unterstützen, die sich für wirkliche Veränderungen einsetzen.

Und wenn wir es nicht schon deshalb tun, weil alles andere menschenunwürdig wäre - tun wir es wenigstens deshalb weil es sonst nie wirklichen Frieden auf dieser Welt geben wird. Wenn es aber keinen Frieden gibt, dann werden auch die, die eigentlich im Wohlstand leben, nie in Sicherheit leben. Ohne Frieden gibt es keine Sicherheit. Den wirklichen Frieden aber, den gibt es nur in Gerechtigkeit.

Amen.

(gehalten am 17./18. November 2001 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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