Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (2 Thess 3,7-12)

Brüder! Ihr wisst, wie man uns nachahmen soll. Wir haben bei euch kein unordentliches Leben geführt und bei niemand unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht als hätten wir keinen Anspruch auf Unterhalt; wir wollten euch aber ein Beispiel geben, damit ihr uns nachahmen könnt. Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen. (2 Thess 3,7-12)

Liebe Schwestern und Brüder,

Eichhörnchen sind ziemlich schlaue Tiere. Eichhörnchen wissen nämlich genau, dass jetzt der Winter nahe ist, und sie wissen auch, dass man im Winter kaum etwas zum Fressen findet. Eichhörnchen sammeln deshalb. Sie legen sich rechtzeitig einen Vorrat an; einen Vorrat für den Winter. Ohne solch einen Vorrat, hätten sie, wenn es dann wirklich kalt wird, kaum etwas zu beißen.

Viele Tiere sammeln vor dem Winter. Und sie machen es genau aus dem gleichen Grund. Und auch wir Menschen tun es. Auch Menschen wissen, dass wir ohne ein entsprechendes Polster, ohne die entsprechende Vorsorge, dass wir ohne solche Vorräte, kaum überleben können. Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not.

Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Wir Menschen haben dabei aber nur ein kleines Problem; ein Problem, das Eichhörnchen nicht haben. Tiere werden nämlich immer einen Vorrat sammeln. Sie tun es instinktiv. Menschen können vergessen.

Wenn der Strom einfach aus der Steckdose kommt, und fließend Wasser sogar in jeder gewünschten Temperatur Gang und Gäbe ist, wenn man in einer Gegend wohnt, wo Krieg und Not fast wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit klingen, dann können Menschen leicht vergessen, dass so etwas nicht selbstverständlich ist. Das ist erarbeitet worden, das hat viel Mühe gemacht und es will deshalb vor allem gepflegt werden. Wer sich wie im Schlaraffenland fühlt, und wer sich dann auch noch genauso aufführt, der wird sehr bald spüren, auf welch tönernen Füßen solch ein Wohlstand steht und wie sensibel Friede ist.

Gerade weil wir keine Eichhörnchen sind, die einfach instinktiv das rechte tun, gerade weil wir sehr schnell in der Gefahr stehen, zu vergessen, gerade deshalb ist es gut, wenn wir ab und zu selbst an solche Selbstverständlichkeiten neu erinnert werden.

Die heutige Lesung aus dem zweiten Thessalonicherbrief ist für mich solch eine Erinnerung. Wenn Paulus den Menschen damals schreibt, dass er ihnen eine Regel einprägen möchte, und wenn er diese Regel pointiert auf den Punkt bringt: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", dann ist das nichts anderes, als eine zeitlose Erinnerung, Erinnerung daran, dass uns kaum etwas einfach in den Schoß fällt, und vor allem, dass die Güter und die Werte, die wir einmal erreicht haben, auch gepflegt werden wollen.

Ich denke, Gott hat sich sehr viel dabei gedacht, als er uns die Dinge, die für unser Leben wichtig sind, nicht einfach hinterhergeworfen hat. Ich denke, es ist von ihm ganz klug eingerichtet, dass er uns schon die Anlagen und den Samen schenkt, dass er unser Mühen und unseren Einsatz schon mit seinem Tun begleitet und natürlich das meiste dazu beiträgt, dass er uns die Dinge aber sehr bewusst selbst zu Ende bringen lässt. Ohne unser Mittun, gibt er uns nichts.

Und ich denke, er tut dies mit Bedacht. Was wir nicht selbst erarbeitet haben, das wissen wir letztlich doch auch gar nicht zu schätzen. Wenn uns nicht bewusst wäre, welche Mühe in den Dingen steckt, dann würden wir sie doch überhaupt nicht achten. Dann würden wir sie so wenig achten, wie all die Selbstverständlichkeiten, die wir heute schon wieder vorschnell aufs Spiel setzen, weil wir schon längst vergessen haben, wie viel Arbeit es gemacht hat, so etwas zu erreichen.

Die Generation, die nach dem Krieg unsere Gesellschaft wieder aufbaute, die hat darum gewusst, wie wichtig es ist, auf den anderen Rücksicht zu nehmen, und dass das Wohl aller am ehesten zu sichern ist, wenn jeder darauf achtet, dass keiner auf der Strecke bleibt. Dabei blieb der Wohlstand des einzelnen vielleicht bescheidener, aber er war eingebettet, in ein gemeinsames Wohl, das mit sozialem Frieden einhergeht, einem Frieden, der richtiges Zusammenleben in einer Gesellschaft eigentlich erst möglich macht. dass dies wichtig ist, dass dies vielleicht sogar das wichtigste Fundament eines Lebens und Zusammenlebens ist, wie wir es in den letzten Jahrzehnten schätzen gelernt haben, das beginnen heute offensichtlich immer mehr zu vergessen. Und plötzlich regieren immer mehr die Ellenbogen und die Zahl derer, die auf der Strecken bleiben, wächst. Das wird sich rächen.

Genauso, wie es sich rächen wird, wenn man nicht mehr darum weiß, welche Mühe es gemacht hat und wie viele Generationen darum gekämpft haben, dass wir in unserer Gesellschaft einen arbeitsfreien Tag für alle haben. Wer nicht mehr darum weiß, was das für ein Gut ist, dass eine Gesellschaft als Ganze zur Ruhe kommen kann, der wird, wie das heute allüberall geschieht, den Sonntag als arbeitsfreien Tag immer leichtfertiger aufs Spiel setzen.

Welche Folgen leichtfertiges Handeln an den Gütern, die uns anvertraut sind, aber hat, das zeigt ein Blick auf die Natur heute ja schon in aller Deutlichkeit. Eine Gesellschaft, in der es auch an Weihnachten im Supermarkt die Erdbeeren zu kaufen gibt, droht natürlich zu vergessen, mit welcher Sorge und Sorgfalt unsere Natur behandelt werden muss, damit wir dieses lebensnotwendige Gut nicht nur für uns sondern auch für die nächsten Generationen bewahren können.

Die Güter, die wir anvertraut bekamen, die Werte, die wir uns erarbeitet haben, die gilt es zu pflegen, denn sie sind keine Selbstverständlichkeit. Die Lesung des heutigen Sonntages mahnt uns dazu.

Menschen brauchen solche Mahnungen, denn Menschen können vergessen. Ein Eichhörnchen weiß, dass es für sein Überleben Sorge tragen muss. Ein Esel geht aufs Eis, wenn es ihm zu wohl wird. Zum Glück sind es nur die Esel, die dann aufs Eis gehen. Halten wir’s da lieber mit den Eichhörnchen.

Amen.

(gehalten am 14./15. November 1998 in der Peters- und der Pauluskirche, Bruchsal)

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