Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 21,5-19)

In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. Nehmt euch fest vor, nicht im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen; denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können. Sogar eure Eltern und Geschwister werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen. (Lk 21,5-19)

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist kein Witz! Es kostet umgerechnet etwa 15 Mark im Jahr. Soviel muss man anlegen, dann kann man sich bei einer kürzlich gegründeten Versicherung umfassend schützen. Fünfundvierzig Leute sollen es mittlerweile schon sein. Sie haben sich bei diesem findigen Unternehmen gegen Ufo-Schäden versichert. Wenn das Haus oder der Hof durch ein Ufo im Landeanflug beschädigt wird, dann übernimmt diese Versicherung die dadurch entstandenen Kosten.

In einer durchaus seriösen Nachrichtensendung wurde jüngst auf diese pfiffige Geschäftsidee hingewiesen. Eine Art und Weise den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, die so abenteuerlich ist, dass sie schon beinahe wieder Hochachtung verdient. Er wird mit dieser Versicherung zwar nicht reich werden, jener Unternehmer, aber rechnen wird es sich allemale, denn eines hat er - denke ich - ganz richtig erkannt: Versicherungen, davon kann man heutzutage nicht genug anbieten. Schließlich wollen Menschen heute allem Anschein nach auch den letzten Rest an Risiko durch ein immer engmaschigeres Netz von Versicherungen ausgeschlossen wissen. Rundherum abgesichert sein, denn wer versichert ist, dem kann eigentlich gar nichts mehr passieren, der ist schließlich gegen alle Eventualitäten gerüstet.

dass dieses Denken gar nicht so neu ist, dass Menschen wahrscheinlich schon immer solche Versicherungen für dieses oft so unsichere Leben gesucht haben, das können wir aus der Geschichte der Menschheit - denke ich - ganz gut ablesen. Und vorab aus den verschiedenen Dokumenten der unterschiedlichsten Religionen, und demnach auch aus der Bibel.

Auch die Menschen in Israel verlangten gleichsam nach Versicherungen. Oder genauer gesagt, sie lebten bereits aus dem Bewusstsein, eine solche Versicherung abgeschlossen zu haben. Sie hatten nämlich einen Bund mit Gott geschlossen, und dieser Bund sollte ihnen schließlich das Wohlergehen garantieren. Er war gleichsam die große Lebensversicherung Israels.

Und wie jede ordentliche Versicherung, so hatte auch dieser Bund mit Gott, gleichsam seine Versicherungspolice. Und diese Versicherungspolice das war für Israel bis in die Zeit Jesu hinein der Tempel in Jerusalem. Solange der Tempel steht, solange Gott im Tempel, mitten unter seinem Volk wohnt und anwesend ist, solange kann Israel eigentlich gar nichts Widriges widerfahren. Das Volk meinte sich in Sicherheit wiegen zu können, so wie jeder, der durch unzählige Versicherungen rundherum abgesichert ist.

Aber Achtung, die beste Versicherung taugt nichts, wenn man das Kleingedruckte nicht beachtet, wenn man ausgerechnet das, worauf es ankommt, übersehen hat. Israels Sicherheit, war eine trügerische eine mehr als vordergründige Sicherheit - dies seinem Volk deutlich zu machen, das war eines der Hauptanliegen Jesu.

Und Jesus schlug da in die gleiche Kerbe, die bereits 600 Jahre vor ihm Jeremia ausgebrochen hatte. Schon er hatte gegen dieses trügerische Sicherheitsgefühl polemisiert. Von wegen, es kann uns gar nichts geschehen! Gott wohnt ja in unserer Mitte. Jeremia schreibt:

"Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Denn nur wenn ihr euer Verhalten und euer Tun von Grund auf bessert, wenn ihr gerecht entscheidet im Rechtsstreit, wenn ihr die Fremden, die Waisen und Witwen nicht unterdrückt, unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt und nicht anderen Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort, in dem Land, das ich euren Vätern gegeben habe für ewige Zeiten."

Jeremia wies sein Volk zu seiner Zeit bereits darauf hin, dass die Versicherungspolice nicht der Tempel, nicht das brave Teilnehmen am Tempelgottesdienst und nicht einmal das regelmäßige Darbringen von Opfern war. Die eigentliche Police dieser großen Lebensversicherung das war die Bundescharta, die Wegweisung, die Gott seinem Volk mit auf seine Wanderschaft gegeben hat, seine Thora, die dem Volk vor Augen führen sollte, wie es mit diesem Gott gemeinsam wandern konnte.

Und Jesus sattelt hier sogar noch einmal eins drauf. Er bringt die Polemik Jeremias gleichsam auf den Punkt. Was schielt ihr auf den Tempel? Der ist ein Bauwerk, der wird vergehen, davon wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Der Tempel garantiert euch euer Leben nicht. Haltet euch an mich, denn ich bin euer Weg, der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Wenn wir schon nach einer Versicherung für unser Leben verlangen, dann sollten wir nicht aufs falsche Pferd setzen, das - denke ich - macht uns Jesus unmissverständlich deutlich. Nicht der Tempel, nicht der äußerliche Vollzug irgendwelcher Riten, ja nicht einmal das geistlose Befolgen noch so vieler Gebote, das alles kann uns das Leben nicht garantieren.

Wer nach einer Garantie einer Versicherung für das Leben sucht, der findet sie einzig und allein in der Person Jesu Christi, in Gott selbst. Macht euch fest in mir, haltet euch fest an mir, das ist es, was Gott von Anfang an seinem Volk immer wieder einzuschärfen versucht hat. Und das ist letztlich auch der eigentliche Kern der Botschaft Jesu Christi. Macht euch fest in Gott, haltet euch an ihn, dann kann Leben nicht in die Irre gehen.

Keine Ufo-Versicherung, kein Tempel, nicht einmal eine religiöse Praxis, all dies kann unser Leben nicht sichern. Die lebendige Beziehung, dieses mit Gott auf du und du zu sein, das ist es, was unserem Leben wirklich Halt geben kann; einen Halt, der, wie Jesus im heutigen Evangelium deutlich macht, den Menschen auch in Krisensituationen aufzufangen in der Lage ist. Weil es nämlich ein lebendiger Halt ist, ein Halt, der im Leben wurzelt und Leben deshalb verwurzelt.

Der Tempel allein kann das nicht, eine Versicherung noch viel weniger. Jesus Christus, unser Herr und Gott, er kann es.

Amen.

(gehalten am 19. November 1995 in der Schlosskirche Mannheim)

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