Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

32. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (2 Makk 7,1-2. 7a. 9-14)

In jenen Tagen geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Als der erste der Brüder auf diese Weise gestorben war, führten sie den zweiten zur Folterung. Als er in den letzten Zügen lag, sagte er: Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind. Nach ihm folterten sie den dritten. Als sie seine Zunge forderten, streckte er sie sofort heraus und hielt mutig die Hände hin. Dabei sagte er gefasst: Vom Himmel habe ich sie bekommen, und wegen seiner Gesetze achte ich nicht auf sie. Von ihm hoffe ich sie wiederzuerlangen. Sogar der König und seine Leute staunten über den Mut des jungen Mannes, dem die Schmerzen nichts bedeuteten. Als er tot war, quälten und misshandelten sie den vierten genauso. Dieser sagte, als er dem Ende nahe war: Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben. Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben. (2 Makk 7,1-2. 7a. 9-14)

Heute könnte ich in Versuchung geraten, meine evangelischen Kollegen zu beneiden.

Eines müssen die nämlich nicht: über solch einen Lesungstext, wie er uns heute begegnet, müssen die kaum einmal predigen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ja einer der Unterschiede zwischen der evangelischen und der katholischen Tradition, dass unsere Bibelausgaben ein wenig anders aussehen. Es gibt Bücher der Bibel, die sich meist nur in den katholischen Ausgaben finden. In evangelischen Bibelausgaben sind sie dann oft als apokryphe Schriften einfach hintangestellt.

Das betrifft diejenigen Bücher des Alten Testamentes, die relativ jung sind und deshalb nicht mehr auf Hebräisch sondern schon in griechischer Sprache abgefasst wurden oder nur in griechischer Übersetzung vorliegen.

Aus einem dieser Bücher, aus dem zweiten Makkabäerbuch nämlich, stammt aber der heutige Lesungstext, einer dieser Texte, die in der evangelischen Tradition als apokryphe Schriften behandelt werden.

Und dieser Text ist alles andere als einfach. Ich hab' mich bisher immer erfolgreich um ihn gedrückt.

Es ist auch ein grausliger Text, dieses Martyrium jener Mutter mit ihren sieben Söhnen. Und das, was Sie eben zu hören bekommen haben, ist schon die gereinigte Fassung, bei der das Schlimmste weggelassen wurde.

Es handelt sich um eine legendenhaft angereicherte Erzählung aus jener Zeit, in der die Juden von den grausamen Seleukidenherrschern unterjocht wurden und die Ausübung ihrer Religion verboten worden war. Diese Mutter mit ihren sieben Söhnen sollte nun gezwungen werden, Schweinefleisch zu essen, was im jüdischen Gesetz ja untersagt ist. Und man drohte allen im Weigerungsfall die Todesstrafe an.

Was sie eben nicht gehört haben, waren all die Schilderungen von Folterungen und wie sie den Söhnen, die sich standhaft weigerten, die Zunge herausgerissen, die Kopfhaut abgezogen haben und unerträglich Unappetitliches mehr.

Und was Ihnen auch erspart worden ist, ist die Schilderung, wie die Mutter, nachdem sie zugesehen hat, wie sechs ihrer Söhne auf bestialische Art und Weise ums Leben gebracht wurden, den Jüngsten auch noch dazu ermutigt, ja standhaft zu bleiben und das Martyrium zu erdulden, bevor sie dann als letzte selbst hingerichtet wurde.

Es ist alles andere als eine erbauliche Geschichte. Sie ist grausam und sogar ekelerregend. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott so etwas will. Ich glaube nicht, dass Gott Gefallen daran haben kann, dass eine Mutter mit ihren sieben Kindern wegen ein bisschen Schweinefleisch in den Tod geht.

Ich glaube nicht, dass er es der Mutter übel genommen hätte, wenn sie sich und ihren Kindern das Leben gerettet hätte. Gott schaut nicht auf Äußeres, er schaut darauf, was tief drinnen im Herzen ist. Und ich tu mich mit diesem Lesungstext deshalb auch ganz schön schwer.

Aber vielleicht muss man erst Zeiten wie die, die im zweiten Makkabäerbuch geschildert werden, erlebt haben, um solch einen Text zu verstehen. Vielleicht können nur die wirklich nachvollziehen, was diese Mutter und ihre Kinder für eine Bedeutung haben, die Zeiten der Unterdrückung, die solch ein Unrechtsregime am eigenen Leib erfahren haben.

Wie wichtig es da sein kann für seine Überzeugung den Kopf hinzuhalten und das eigene Leben gering zu achten, um der größeren Sache willen, das wissen die Älteren unter Ihnen ja noch sehr gut.

Wenn wir in diesen Tagen von Pfarrer Franz Schmitt Abschied genommen haben, der von der Gestapo als "Drahtzieher" der Widerstandgruppe Christopher in Bruchsal verhaftet wurde, der für seine Überzeugung ins KZ gegangen ist, und nach langer Gefängnisstrafe als "Zwangsfreiwilliger" in den Kriegsdienst entlassen wurde, dann ist das vielleicht eine moderne Illustration für diesen Lesungstext aus einer weit entfernten und uns fremden Zeit, dann kann uns das, die Bedeutung eines solchen Textes, vielleicht ein wenig erschließen. Denn Franz Schmitt führt mir recht deutlich vor Augen, was es heißt, für seine Überzeugung einzustehen und sogar den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, was es bedeutet, gegen das Unrecht anzugehen. Und er macht deutlich, dass so etwas wichtig ist, was für eine immense Bedeutung das haben kann - etwas, was man wahrscheinlich nur aus der Zeit heraus wirklich versteht, so, wie die Mutter mit ihren sieben Söhnen aus dem Makkabäerbuch ihre wirkliche Bedeutung erst auf dem Hintergrund der schrecklichen Seleukidenherrschaft gewinnt.

Aber dieser Text handelt ja nicht nur vom Martyrium. Im Gottesdienst werden diese Abschnitte ja nicht zuerst deshalb vorgelesen, weil hier Menschen ihr Leben für ihren Glauben gelassen haben. In dieser Lesung schwingt noch etwas mit, was diesen Text aus den letzten beiden Jahrhunderten vor der Geburt des Jesus von Nazareth zu einem theologisch ganz wichtigen Zeugnis macht. Er spricht nämlich davon, dass ich das eigene Leben gering achten kann, weil es nicht das Letzte ist, weil es eine berechtigte Hoffnung auf Mehr gibt, weil wir aus der Zuversicht heraus leben und handeln können, dass uns in Gott eine absolute Zukunft bereitet ist - eine Zukunft, die kein Tyrann und kein Gewaltherrscher uns rauben kann.

Abschnitte, wie der aus der heutigen Lesung, gehören zu den ältesten Texten, die uns den Glauben an die Auferweckung bezeugen. Und sie sind gewichtige Texte, die uns deutlich machen, dass es keinen Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen Testament gibt, dass beide eine Einheit bilden und dass es einen fortlaufenden, einen roten Faden von der ersten Offenbarung Gottes an einen Menschen bis hin zur Botschaft Jesu Christi gibt.

"Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt." sagt einer der Söhne jener Mutter, ganz ausdrücklich. Das ist eine der ersten Stellen in der Heiligen Schrift, an der dies in dieser Deutlichkeit ausgesagt wird.

Das macht diese Lesung immer noch nicht zu einem schönen Text. Sie ist deshalb noch lange keine erbauliche Geschichte. Aber sie ist ein gewichtiges Glaubenszeugnis aus einer ganz eigenen Zeit in der Geschichte Israels. Sie bezeugt bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus, dass wir allen Grund haben, auf die Auferweckung zu hoffen, darauf zu bauen, dass der Tod kein Ende bedeutet.

Klar, dass man an alles, was mit Tod zusammenhängt, nicht besonders gerne denkt. Genauso wenig, wie an diese grauslige Geschichte. Ich mache um beides am liebsten einen großen Bogen. Aber manchmal kommt man weder um den Tod, noch um diese Geschichte, manchmal kommt man einfach nicht um sie herum.

(gehalten am 11. November 2007 in der Antonius- und Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.