Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

32. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 20,27-38)

In jener Zeit kamen einige von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, zu Jesus und fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos. Da nahm sie der zweite, danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben. Schließlich starb auch die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind. dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig. (Lk 20,27-38)

Liebe Schwestern und Brüder,

nicht enden wollende Traktate wurden darüber verfasst und Hundertschaften von Gelehrten haben sich die Köpfe darüber zerbrochen - über die Frage, wie man sich das vorstellen müsse: in welcher Gestalt der Mensch wohl am jüngsten Tag auferstehen würde. Jahrhunderte lang hat man sich gefragt, was das denn für ein Körper sein wird, wie dieser Körper aussieht, den der Mensch am jüngsten Tag bei der Auferstehung erhalten wird.

Und selbstverständlich hat man auch eine Antwort gefunden, denn Theologen finden auf alles eine Antwort: Der Leib, den der Mensch am Ende der Zeiten erhalten wird - so hat ein findiger Kopf des Mittelalters geschlossen - dieser Leib muss ja ein vollkommener Leib sein. Und deshalb muss dieser Leib auch eine vollkommene Form haben. Die einzig wirklich vollkommene Form aber, die es in diesem Kosmos gibt, das ist die Kugelform. Und damit war das Rätsel ja eigentlich auch schon gelöst. Denn dann ist ja klar: als Kugel, in Kugelgestalt, müssen die Menschen am jüngsten Tag dann auch wieder auferstehen! Das zumindest war die Antwort, die einige Gelehrte im Mittelalter allen ernstes auf diese Frage gegeben haben.

Ganz abgesehen davon, dass ich Ihnen die Vorstellung jetzt ersparen möchte, wie wir dann alle am Ende nach der Auferstehung durch den Himmel kugeln - ganz abgesehen davon, zeigt diese Episode aus der Geschichte unserer Theologie eigentlich nur, was für ein Schwachsinn letztlich dabei herauskommt, wenn Menschen immer alles ganz genau wissen wollen. Wer alles immer ganz genau geklärt haben möchte, der wird am Ende häufig bei solchem Blödsinn landen.

Eigentlich hätte man die Sadduzäer aus dem heutigen Evangelium an genau jene mittelalterlichen Theologen weiterverweisen müssen. Mit ihrem ach so schön konstruierten Fall von dieser bemitleidenswerten Frau, die da durch die Hände von sieben Brüdern weitergereicht wurde, und ihrer Frage, wessen Frau sie nun im Himmel sein würde, mit diesem Fall, hätten diese Sadduzäer goldrichtig zu jenen mittelalterlichen Theologen gepasst. Und ich bin sicher, die hätten ihnen auch eine ganz schlüssige Antwort gegeben. Irgendeine hochintelligente, furchtbar komplizierte, aber theologisch völlig saubere Formulierung hätte man schon gefunden.

Wenn sie wirklich eine Antwort hätten bekommen wollen, dann hätten die Sadduzäer aus dem heutigen Evangelium zu solchen Leuten gehen müssen, zu Menschen, wie jenen mittelalterlichen Theologen, überallhin nur nicht zu Jesus. Auf solche Spekulationen lässt sich Jesus nämlich nicht ein. Solche Antworten verweigert er regelmäßig. Und er tut es auch im heutigen Evangelium.

Er sagt eigentlich nur eines: Das was ihr euch vorstellt, das ist völlig falsch, so ist es ganz bestimmt nicht. Mehr sagt er eigentlich nicht.

Und ich bin mir sicher, dass er das nicht tut, weil er nicht mehr sagen will. Mehr sagt er nicht, weil er mehr gar nicht sagen kann, weil wir mehr letztlich sowieso nicht verstehen würden. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde die sind nicht nur unvorstellbar, die sind im letzten sogar undenkbar - die sind dem Zugriff unseres Denkens ganz einfach entzogen. Und was sich nicht einmal denken lässt, das lässt sich nun einmal auch nicht sagen - nicht einmal von Jesus. Und die Frage, wie es im Himmel dann genau sein wird, die gehört zu diesen Dingen ganz sicher dazu.

Das mögen wir nun bedauern, und vielleicht ist das irgendwo auch schade, aber es ist doch absolut nicht tragisch. Wir haben uns doch längst daran gewöhnt, dass wir fast nichts wirklich begreifen können, dass selbst die Natur, die wir tagtäglich erleben, in ihren Zusammenhängen immer komplizierter wird, je tiefer wir in sie einzudringen versuchen; egal ob wir jetzt eine winzige mathematische Grenzwertberechnung oder letztlich dann das riesige Gebäude der Relativitätstheorie betrachten.

Wir haben uns doch längst daran gewöhnt, dass keiner von uns diese Zusammenhänge wirklich begreift. Wir leben jeden Tag, voller Vertrauen in die Zusammenhänge der Natur und ihrer Gesetze, ohne auch nur im Geringsten Bauchschmerzen darüber zu bekommen, dass wir diese Zusammenhänge nicht verstehen. Und wir begnügen uns mit Atommodellen und bildhaften Vergleichen, um das, was tatsächlich dahinter steckt zumindest annähernd nachvollziehen zu können.

Und keiner von uns kommt auf die Idee, die Befürchtung auszusprechen, dass es Atome vielleicht gar nicht gibt, weil wir doch nur in Modellen und Bildern von ihnen sprechen können - oder dass das Universum vielleicht nur ein Wunschtraum ist, weil wir die Dimensionen, die uns dort begegnen, überhaupt nur in Vergleichen und Bildern darzustellen vermögen, und die Realität selbst unser Denken und Verstehen völlig übersteigt.

Nur was Gott angeht, was unseren Glauben angeht, da wollen wir immer alles ganz genau wissen. Und wenn jemand von Geheimnis spricht, wenn jemand sagt, dass es unvorstellbar ist, nicht denkbar und deshalb auch nicht sagbar, worauf wir im Letzten zugehen, dann philosophiert ein Großteil darüber, ob dann nicht alles ein ganz großer Schwindel sei. Wenn alles nur symbolisch oder bildhaft gesagt werden könne, dann sei ja sehr fraglich, ob da am Ende überhaupt etwas dran ist.

Warum haben wir kaum Schwierigkeiten mit Modellen der Desoxyribonukleinsäure und der Vorstellung, dass die wollknäuelartigen Bilder, die wir vom menschlichen Erbgut gezeigt bekommen, die Baupläne menschlichen Lebens enthalten sollen, aber wenn Jesus Bilder verwendet und nur Bilder verwenden kann, wenn er die Details schuldig bleibt, dann verziehen wir das Gesicht, und bezweifeln ob das Ganze dann überhaupt einen Widerschein in der Wirklichkeit hat.

Dabei sind die Bilder, die Jesus gebraucht, die Aussagen, die die Schrift uns mitgibt, so sprechend und vielsagend, dass sie sich mit jedem Bild aus der Physik noch lange messen können.

Jesus befriedigt nicht unsere Spekulationssucht, genauso wenig wie die Neugier der Sadduzäer aus dem Evangelium. Aber die Bibel malt uns die Zukunft, in Bildern aus, die weit sprechender sind, als alle Spekulationen und menschlichen Traktakte zusammengenommen.

Und das schönste Bild, das uns die Schrift dabei überliefert, ist für mich das Bild von der Ruhe, vom Ruheplatz am Wasser. Gott führt uns an einen Ort, an dem wir ausruhen können, zum Ruheplatz am Wasser.

Dass das eine wunderbare Verheißung ist, dass das etwas mit Erfüllung zu tun hat, mit Erfüllung von Sehnsucht, ich denke, das kann jeder nachvollziehen, der augenblicklich noch von einem Termin zum andern hetzt. Was das heißt, wenn Gott uns verheißt, ich werde euch ruhen lassen, ruhen lassen bei mir - ich denke, das kann jeder nachvollziehen, der spürt, wie erfüllend es sein kann, mit andern zusammen, ohne gehetzt zu werden, ohne gleich wieder aufspringen zu müssen, in aller Ruhe, zu essen, zu trinken, zu feiern. Ich denke, das kann man nachvollziehen, wenn man weiß, was es heißt, solch einen Augenblick zu erleben, zu dem man sagen möchte, verweile doch, du bist so schön.

Dorthin, wo dieser Augenblick dann währen wird, dorthin will dieser Gott uns offensichtlich führen.

Gut, Details teilt er uns keine mit. Mehr will und mehr kann er uns offenbar nicht sagen. Aber - mal Hand aufs Herz: Um diesem Gott abzunehmen, dass es sich wirklich lohnt diesen Weg zu gehen, was alles sollte er uns darüber hinaus noch erklären? Braucht es denn dafür tatsächlich noch mehr?

(gehalten am 11. November 2001 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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