Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

31. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 19,1-10)

In jener Zeit kam Jesus nach Jericho und ging durch die Stadt. Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zum ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19,1-10)

Liebe Schwestern und Brüder,

so ganz scheint es also nicht zu stimmen. Wenn Jesus im Evangelium vom letzten Sonntag ganz dezidiert mit den Worten endet: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden!" dann scheint das offenbar nicht für alle Situationen zu gelten. Zumindest für den Zachäus aus der Begebenheit, die wir gerade eben gehört haben, zumindest für ihn scheint es ja nicht zuzutreffen. Oder macht dieser Zachäus etwa etwas anderes? Der erhöht sich doch auch! Er steigt auf einen Baum, weil er klein ist. Er besteigt diesen Baum, um dadurch größer zu werden, größer, als er eigentlich ist. Wenn das keine Selbsterhöhung ist!?

Aber von wegen, wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden! Von wegen erniedrigt - dieser Zachäus wird dafür sogar noch belohnt. Es stimmt demnach allem Anschein nach nicht! Nicht jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden! Das heutige Evangelium scheint der beste Gegenbeweis zu sein.

Jetzt weiß ich natürlich auch, dass der Begriff "Selbsterhöhung", den Jesus im Evangelium gebraucht, letztlich etwas anderes meint, als auf Bäumen herumzuklettern. Natürlich ist auch mir klar, dass damit eine innere Haltung von Menschen bezeichnet werden soll. Aber man bezeichnet diese innere Haltung von Menschen nun ja, indem man sie durch ein Bildwort ausdrückt, durch das Bildwort von der "Selbst-Erhöhung" nämlich. Und wenn man etwas schon bildhaft ausdrückt, dann darf man - denke ich - auch wieder bildhaft an dieses Phänomen herangehen.

Und manches Mal lassen sich dadurch dann ja eine Fülle von sonst verborgenen Dimensionen eines solchen Phänomens erhellen. Gerade hier, beim Zachäus, scheint mir das ganz deutlich der Fall zu sein. Das Beispiel vom Zachäus macht nämlich - denke ich - recht klar, dass es bei Jesus durchaus ein "nach-oben-Streben" von Menschen gibt, das auch er, das auch Jesus ganz positiv beurteilt. Nicht jeder, der nach oben strebt, und sich dabei selbst erhöht, wird am Ende erniedrigt werden. Es gibt offensichtlich verschiedene Arten von Selbsterhöhung. Und wenn wir diese Arten mit Hilfe solcher Bilder anschauen, dann ist es - glaube ich - gar nicht so schwer, zu unterscheiden, mit welchen Arten Jesus jetzt wohl kann und mit welchen nicht.

Es liegt eigentlich schon auf der Hand: Ganz klar, die Art ist ihm sicher zuwider - die, bei der man, um sich selbst zu erhöhen, einem anderen gleichsam aufs Dach steigt, bei der man andere benutzt, um in die Höhe zu kommen, und bei der man am Ende vielleicht sogar auf ganzen Hügeln von Leichen steht, um nur möglichst hoch hinausgekommen zu sein. Wenn jemandem jedes Mittel recht ist, um nur möglichst rasch und möglichst weit nach oben zu kommen, dann ist das ganz klar eine Art von Selbsterhöhung die Jesus auf den Tod nicht ausstehen kann.

Aber auch der, der wie unser Zachäus auf Bäume klettert, und im Grunde genommen dadurch keiner Menschenseele etwas zuleide tut, der es aber lediglich deshalb tut, damit alle zu ihm aufschauen müssen, und damit er auf alle anderen herabschauen kann, auch der dürfte, das Wohlgefallen Jesu mit Sicherheit nicht auf seiner Seite haben.

Und ich glaube noch darüber hinaus, Jesus würde sogar davor warnen, einfach so auf Bäumen herumzusteigen, ziellos, planlos, einfach weil man jetzt halt da hoch möchte, weil man sich in solch einen Baum und seine Höhe gleichsam verliebt hat. Ich denke Jesus würde davor warnen, ohne Sinn und Ziel einen Baum zu erklimmen und in den Ästen herumzusteigen, sinn- und ziellos einfach nach oben zu steigen. Man könnte sich dabei ja viel zu schnell versteigen, weiß dann plötzlich gar nicht mehr, wie man an diesen Ort gekommen ist, vom Warum ganz zu schweigen, und man kommt dann auch nicht mehr davon weg, man sitzt dann auf seinem Ast, traut sich weder vorwärts noch rückwärts und bleibt in einer Trost- und Hoffnungslosigkeit gleichsam gefangen. Das wäre eine Art auf Bäume zu steigen, eine ziellose Art von Selbsterhöhung, die in ihrer Geistlosigkeit die Erniedrigung letztlich schon in sich birgt. Ein Weg, der allerhöchstens noch per Zufall, zu einem Ziel, zu Glück und Zufriedenheit führen würde, aber eine Art von Zufall, auf den man vernünftigerweise wohl nicht setzen sollte.

Was das Steigen des Zachäus so wohltuend von all diesen anderen Arten der Erhöhung unterscheidet, das ist - denke ich -, dass er ein Ziel hat, und wahrscheinlich noch viel mehr: was für ein Ziel er hat. Auch der Zachäus besteigt ja einen Baum, auch er strebt ja nach oben, aber er tut dies letztlich, um sehen zu können. Er hat ein klares Ziel: Er will Jesus sehen. Er strengt sich an, er erarbeitet sich etwas, er versucht einen Weg zu finden und einen Stand zu erreichen, von dem er deutlicher wahrnehmen kann, von dem aus er klarer sehen kann. Und jetzt nicht irgendetwas, nein, er versucht einen Stand zu gewinnen, von dem aus er Jesus sehen kann. Dieser Zachäus gibt seinem Streben eine Richtung, er gibt seinem Leben eine Ausrichtung, er nimmt Jesus in den Blick, und auf dieses Ziel hin, auf Jesus Christus hin, richtet er sein Streben aus.

Und wenn wir die Art dieses Strebens nun anschauen, so wie sie in diesem Evangelium geschildert wird, dann erscheint sie als ein Emporstreben, das eben keine anderen Menschen einfach nur benutzt. Er schadet in seinem Steigen niemandem. Und weil er von seinem erhöhten Standpunkt aus, ganz klar diesen Jesus sehen will, deshalb kommt er auch nicht in die Versuchung, auf andere herabzuschauen. Zachäus strebt nicht einfach über andere hinaus, er strebt nicht nach einem Ansehen, das letztlich davon lebt, dass es andere verachtet. Und er versteigt sich auch nicht, er versteigt sich nicht in seinem Baum. Er ist nicht plötzlich so verliebt in diesen Ast, auf dem er jetzt sitzt, dass er an keinem anderen Ort der Welt mehr sein möchte. Nein, er kann sehr schnell wieder, diesen erhöhten Standort aufgeben, von seiner Position heruntersteigen, auf den Boden steigen, da wo es erforderlich ist, da wo er sich von diesem Jesus plötzlich gerufen weiß.

Und was im Verlauf dieser Schilderung des Evangeliums dann vielleicht sogar das interessante ist: Am Ende all seines Bemühens, gleichsam als Ergebnis all seines Strebens, am Ende seines Bemühens steht eine tiefere Einsicht in das, was er notwendigerweise zu tun hat, was er für andere zu tun hat: "Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück."

Es gibt offenbar eine Art von Selbsterhöhung, die nicht zur Erniedrigung führt, sondern im Gegenteil, die für den Menschen ganz nützlich ist, eine Art von nach-oben-Streben, die mir hilft, tiefer verstehen zu können, die mich zur Einsicht führt, zur tieferen Einsicht dessen, was für mein Leben, und für uns Menschen wichtig ist. Diese Art von Erhöhung, die wird uns recht bildhaft und plakativ am Beispiel dieses Zachäus vom Evangelium vor Augen geführt. Es ist eine Art von Selbsterhöhung, die ganz anders als andere Arten nicht in Zwänge hineinführt, sondern vielmehr von Zwängen befreit, Menschen heil macht, die zum Heil führt, zu einem umfassenden Heil, zum Schalom nämlich. So, wie es Jesus am Ende dieses Evangelienabschnitts auch sagt: "Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden."

Amen.

(gehalten am 5. November 1995 in der Schlosskirche Mannheim)

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