Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

30. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 18,9-14)

In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich fast zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lk 18,9-14)

Liebe Schwestern und Brüder,

er war ein Kassenknüller, jener Zeichentrickfilm, der vor wenigen Jahren in unseren Kinos lief, eine jener großartig gemachten und liebevoll gezeichneten Walt-Disney-Produktionen. Vielleicht haben Sie ihn selbst gesehen, den "König der Löwen".

Mich hat dieser Film damals fasziniert. Und vor allem zwei Gestalten haben mich richtiggehend gepackt: Der Bösewicht Scar nämlich und der alte König Mufasa! Zwei Löwen, die nicht nur ganz großartig gezeichnet waren, sondern im Grunde auch unheimlich viel über uns Menschen verraten. Disney’s Zeichner hatten es wieder einmal verstanden mit diesen Tiergestalten eine ganze Menge über den Menschen zu sagen.

Hier waren zwei Brüder, mit eigentlich genau den gleichen Anlagen, aber bei jedem von ihnen trieben diese Anlagen am Ende ganz unterschiedliche Blüten. Dabei waren beide Löwen so mutig wie Löwen nun einmal sein können. Der eine aber, der Scar, hatte dabei nur eines im Sinn: Sein ganzes Überlegen ging nur in eine Richtung, nämlich: wie schaffe ich es, den ungeliebten Bruder, den alten König, loszuwerden; wie schaffe ich es, mich selbst an seine Stelle zu setzen. Eine unsympathische, eine Abscheu erregende Figur, einer, der um für sich selbst das Letzte herauszuholen jedes nur erdenkliche Mittel einsetzen würde, und dabei natürlich auch seinen Mut.

Und dieser Mut veränderte sich dabei, er wurde zur Verschlagenheit, paarte sich mit Boshaftigkeit und bildete letztlich ein unsympathisches Konglomerat von Hass, Intrige und Vernichtung. Ein ganz übler Charakter. Wirklich nicht schön, was da aus diesen eigentlich doch positiven Anlagen geworden ist. Es ruft nur noch Unmut hervor, was da aus seinem Mut erwachsen ist.

Ganz anders ist das bei seinem Bruder, beim alten König Mufasa. Von den Anlagen her, brachte der genau das gleiche mit, wie sein Bruder. Er war genauso mutig. Sein Mut aber trug ganz andere Blüten. Er setzte diesen Mut nämlich dazu ein, um ein blühendes Gemeinwesen zu schaffen, oder um seinen kleinen Sohn, den Simba, aus allen möglichen Gefahren zu retten, kurz, um ein König zu sein, der für sein Volk da ist und der im Letzten deshalb von den anderen nicht nur geachtet, sondern von ihnen geliebt wird.

Während Scar seinen Mut für nichts anderes, als für sich selbst einsetzte, war Mufasa mutig für andere, setzte er seinen Mut ein, um anderen zu dienen. Der Mufasa war dien-mutig - hatte den Mut, anderen zu dienen.

Ich gebe ja zu, das ganze ist natürlich typisch Märchen. Das ganze ist natürlich ganz dick aufgetragen und einzig und allein in den Farben Schwarz und Weiß gezeichnet. Der Gute ist gut bis zum geht nicht mehr, und der Böse halt abgrundtief schlecht. Mag ja durchaus sein! Eines aber ist mir anhand dieser beiden Gestalten doch wieder ganz neu aufgegangen, und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Der Mufasa ist sympathisch. Und er ist deshalb sympathisch, weil er Mut zum Dienen hat, weil er dien-mutig ist. Dien-mut aber, das ist ja nichts anderes als die eigentliche Wurzel unseres heutigen Wortes - die sprachliche Wurzel unseres Wortes "Demut".

Und das sollte aufhorchen lassen. Denn unser Wort Demut hat ja mittlerweile eine ganz andere Aura, einen ganz anderen Geschmack bekommen. Wer heute von Demut sprechen hört, der denkt meist zuerst an Verschrobenheit, an Absonderlichkeit und Weltfremdheit. Ein demütiger Mensch das ist für die meisten jemand, der nur mit hängendem Kopf, tränenden Augen und voller Minderwertigkeitsgefühlen und Trübsal durch die Welt schleicht. Solch ein Mensch aber, so jemand ist zutiefst unsympathisch. Und Demut ist deshalb für fast alle, die ich kenne, alles andere als eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft.

Die Demut aber, die mir Walt Disney's König der Löwen vor Augen führt, die ist sympathisch. Und sie ist es deshalb, weil sie mir das Wort von seiner eigentlichen Wurzel her zu erschließen hilft. Demütig ist nämlich jemand, der den Mut hat, über sich selbst hinauszudenken, an andere zu denken, und sich für andere einzusetzen. Wirklich demütig ist jemand, der sich nicht zu schade ist, anderen beizustehen, der sich darüber freut, wenn es anderen gut geht, wenn auch sie vorwärts kommen, und der im anderen nicht nur den Konkurrenten sieht, sondern den Partner, dem es zu helfen gilt und für den man da sein darf. Solch ein rundum sympathischer Mensch, das ist ein wahrhaft demütiger Mensch, ein demütiger Mensch im Sinne Jesu.

Das scheint mir wichtig zu sein, gerade dann, wenn wieder einmal das Evangelium vom Zöllner im Tempel verlesen wird. Denn dieser Zöllner, der sich in die letzte Ecke verkrochen hat und nicht wagte, den Kopf zu erheben, der erscheint ja immer wieder als Musterbeispiel einer so verstanden, einer falsch verstandenen Demut. Dabei lobt Jesus doch nicht, dass der Zöllner nicht aufzusehen wagt, Jesus lobt, dass der nicht über andere herzieht, dass er um seine eigenen Fehler weiß und dass er sich nicht besser fühlt, als die anderen. Das lobt Jesus, und nicht etwa eine Haltung, die man immer wieder und zwar fälschlicherweise als Demut bezeichnet hat.

Demut, das ist nämlich alles andere als den Kopf einzuziehen und sich zu verkriechen. Demut, das kommt von Mut, das ist Mut zum Dienen Walt Disney’s König der Löwen ist nur einer von all denen, die mir das wieder ganz neu deutlich machen.

Amen.

(gehalten am 25. Oktober 1998 in der Pauluskirche, Bruchsal

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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