Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

29. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (2 Tim 3,14-4,2)

Mein Sohn! Bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast; denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dir Weisheit verleihen können, damit du durch den Glauben an Christus Jesus gerettet wirst. Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit; so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein. Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. (2 Tim 3,14-4,2)

Wenn sich Kinder etwas in den Kopf gesetzt haben, dann haben Eltern meist ganz schlechte Karten! Und ab einem bestimmten Alter gibt es eines, was Väter und Mütter in solch einem Fall tunlichst vermeiden sollten: viel zu reden nämlich!

Je mehr Eltern dagegen reden, je mehr sie verbieten, belehren, je mehr sie einem Kind eine Sache auszureden versuchen, desto sicherer können sie sein, dass das Kind am Ende genau das tun wird, was die Eltern am wenigsten wollen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das haben wahrscheinlich viele von Ihnen selbst schon erlebt. Und wie oft ist das dann mit unendlich viel Leid verbunden. Wie viele Familien sind an solchen Situationen schon zerbrochen.

Da waren Eltern mit der Entscheidung ihres Kindes nicht einverstanden und wieder und immer wieder gab es die gleichen Diskussionen. Und am Ende hieß es dann: "Wenn Du den wirklich heiratest, dann brauchst Du Dich hier gar nicht mehr blicken zu lassen!" Und wenn sie sich damals noch nicht sicher war, ob sie ihn wirklich wollte - spätestens nach diesem Satz hat sie ihn ganz bestimmt geheiratet.

So sicher man sich als Eltern auch sein mag, so deutlich man einen riesigen Fehler sieht, so sehr man von manchen Dingen, auch überzeugt sein mag, häufig ist es dann genau das falscheste viele Worte darüber zu verlieren. Reden bewirkt manches Mal genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte.

Wenn ich daran denke, verwundert es mich schon dass es eben im zweiten Timotheusbrief geheißen hat: "Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung."

Das klingt ja fast so, als fordere die Bibel hier genau das Gegenteil von dem, was uns der gesunde Menschenverstand und auch die da und dort manchmal leidvoll gemachte Erfahrung eigentlich sagt.

Was Religion angeht, ist es doch kein bisschen anders, als bei anderen Dingen.

Das kennen Sie doch auch: da kann man noch so viel predigen wie man möchte, jeden Sonntag aufs Neue den Streit darüber haben, ob der Filius jetzt mit zur Kirche geht oder nicht, und am Ende kommt dabei nur heraus, dass er mittlerweile gar nicht mehr geht. Alles Reden, alles Belehren, Verbieten und Zwingen bringt doch letztlich nichts.

Und aufdringliches Predigen, gar von Haus zu Haus, am Ende noch mit dem Schuh in der Haustür, damit man sich dem Vortrag auch wirklich nicht entziehen kann, das stößt doch weit mehr ab, als dass es Menschen wirklich überzeugt.

Deswegen denke ich auch, dass der zweite Timotheusbrief an eine andere Art von Verkündigung denkt, als einfach nur zu reden.

Ich glaube nicht, dass die Bibel davon ausgeht, dass jeder von uns am Arbeitsplatz großartige Predigten halten sollte. Die Welt wird nicht dadurch besser, dass alle anfangen über ihren Glauben zu reden. Verkündigung geschieht nämlich erst in zweiter Linie durch Worte.

Verkündigen tut man zuallererst mit seiner Person - und zwar mit seiner ganzen Person.

Wenn Eltern ihre Kinder spüren lassen, dass sie geliebt sind, wenn sie ihnen zu verstehen geben, dass ihre Türe für sie immer offen steht, dann werden Sie ihnen dadurch weit mehr von Gottes Liebe verkündigen, als alle Prediger der Welt.

Wenn Menschen am Arbeitsplatz - durchaus keinen Hehl daraus machen, dass sie Christen sind - aber vorab verlässlich, hilfsbereit sind und sich vor allem als menschlich erweisen, dann verkünden sie mehr von ihrem Glauben, als wenn sie tagtäglich ihre Kollegen bepredigen würden.

Deshalb möchte ich den Abschnitt des zweiten Timotheusbriefes aus der heutigen Lesung, auch so in unser Leben übersetzen:

Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; und zwar vorab dadurch, dass du deinen Glauben wirklich lebst - überzeugend lebst, so lebst, dass andere angesteckt, mitgerissen und wirklich im Herzen überzeugt werden.

Amen.

(gehalten am 20./21 Oktober 2007 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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