Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

29. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 18,1-8)

In jener Zeit sagte Jesus den Jüngern durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meine Feinde! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden? (Lk 18,1-8)

Glauben Sie es nicht! Glauben Sie bitte nicht, man müsse nur genügend beten, und dann wird einem schon nichts passieren. Es stimmt nämlich nicht.

Sie können beten soviel Sie wollen - das wird nichts daran ändern, dass Sie trotzdem immer wieder auf die Nase fallen werden. Sie können so viele Christopherusplaketten ins Auto hängen wie Sie möchten, das wird nichts daran ändern, dass jede Fahrt, die Sie unternehmen, das Unfall-Risiko beinhaltet. Keine Litanei wird Sie dauerhaft vor Krankheit bewahren und kein Gebet der Welt wird dafür sorgen, dass es kein Leid mehr gibt.

Liebe Schwestern und Brüder,

das zu erwarten, das hieße nämlich, Gott völlig falsch zu verstehen.

Das heutige Evangelium ist da sehr aufschlussreich. Sicher - auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde uns Jesus mit diesem Text sagen: Ihr müsst nur richtig glauben, ausdauernd beten und alles ist in Ordnung.

Aber ich glaube, dann würde er nicht von einem Richter erzählen. In seiner kleinen Geschichte geht es schließlich um eine Witwe und einen Richter. Und wenn Jesus Gott hier mit einem Richter vergleicht, dann ist das sehr aussagekräftig.

Ein Richter, das ist nämlich keiner, der vor Not und Elend bewahrt. Ein Richter, das ist jemand, den man zurate zieht, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wenn man allein keinen Ausweg mehr findet, keinen Ausweg aus Spannungen, Schwierigkeiten oder Not.

Ein Richter hilft in solchen Situationen, bewahren tut er vor ihnen nicht.

Das ist schon offensichtlich, wenn wir uns die Rolle, die ein Richter bei uns spielt vor Augen halten. Und für Israel, für die Menschen, denen Jesus dieses Beispiel erzählt hat, war das noch viel offensichtlicher. Richter waren dort Leute, die sehr viel mehr taten, als nur Recht zu sprechen oder Urteile zu verkünden. Sie kennen das aus dem Buch der Richter.

Ein Richter, das steckt ja noch in unserem deutschen Wort drin, das war jemand, der das Volk wieder neu ausrichtete, der ihm wieder die Richtung anzeigte, wenn es sich plötzlich auf einem falschen Weg vorfand. Und dann war er auch jemand, der Gefallene wieder aufrichtete, sie wieder zu rechten Gliedern der israelitischen Gesellschaft machte.

Dass Gott wie so ein Richter für die Menschen sei, das erhoffte sich Israel. Darum bat man auch in den Psalmen: "Richte mich, Herr." Und man verstand darunter: "Richte mich wieder auf dich aus! Und richte mich auf, wenn ich gefallen bin, wenn ich wieder einmal zusammengebrochen bin."

Denn das wusste Israel: der Glaube an Gott war keine Garantie dafür, nicht mehr auf die Nase zu fallen.

Gott ist keine Unfallprophylaxe, alles andere als eine Garantie kein Unheil, kein Leid und keine Not mehr zu erleben. Das zu glauben, das hieße den Gott, der in Jesus Christus selbst dreimal unter dem Kreuz zusammengebrochen ist und gelitten hat, gründlich misszuverstehen.

Gott bewahrt nicht vor dem Hinfallen, zumindest hat er uns das nie versprochen. Aber er ist Richter, er richtet auf. Er ist der, der beim Aufstehen hilft, den Gefallenen wieder aufrichtet, und ihm neu das Gehen lehrt.

Das zu sehen ist äußerst wichtig. Wer sich hier falsche Vorstellungen macht, könnte sonst nur allzu schnell der Gefahr unterliegen an seinem Gott zu zweifeln: zu fragen, wo denn Gott gewesen sei, als ich krank geworden bin, wie er hat zulassen können, dass mir dieses oder jenes Unglück zugestoßen ist, und warum er nichts unternommen hat, als andere über mich hergefallen sind.

Diese Fragen führen aber nicht weiter. Der Gott, der am Kreuz für uns gestorben ist, hat uns nämlich nie zugesagt, dass er uns vor dem Leiden bewahrt.

Aber etwas anderes, das hat er uns versprochen - und nicht zuletzt durch den heutigen Evangelientext: Er sagt uns zu, dass er uns aufrichten wird, dass er all denjenigen, die zu Boden gedrückt werden, wieder auf die Beine verhilft.

Keiner von uns ist davor gefeit auf den Boden zu fallen. Nicht einmal der Glaube bewahrt uns davor.

Aber wir werden wieder aufstehen, wir werden immer wieder auf die Beine kommen. Wenn wir uns selbst nicht aufgeben, steht Gott uns zur Seite und richtet uns auf.

Und er tut es ganz sicher und immer wieder - mit Sicherheit zumindest immer einmal mehr als wir hingefallen sind.

Amen.

(gehalten am 21. Oktober 2001 in der Peters- und Stadtkirche, Bruchsal)

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