Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

28. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 17,11-19)

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus. Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steht auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen. (Lk 17,11-19)

Letzthin war ich beim Arzt. Und ich bekam ein Präparat verschrieben - rein pflanzlich, ohne jegliche Nebenwirkungen. "Hat es dann überhaupt eine Wirkung?" fragte ich etwas skeptisch zurück.

Der Arzt musste schmunzeln und sagte dann: Einer seiner Lehrer habe einmal gesagt, es sei die Kunst des Arztes, den Patienten so lange zu beschäftigen, bis die Natur ihn heilt.

Liebe Schwestern und Brüder,

seither denke ich über diesen Satz nach. Wir haben ja schon manches Mal die Vorstellung, es sei die Medizin, die uns wieder gesund macht. Dabei heilen viele Wunden letztlich von selbst. Uralt ist das Sprichwort, dass eine unbehandelte Erkältung etwa eine Woche andauert; eine behandelte dagegen dauere sieben Tage.

Unsere Medizin vermag viel. Wir haben unendlich viel in den letzten Jahrzehnten erreicht. Aber in so vielen Fällen bleibt auch der besten Medizin nichts anderes übrig, als auf die Heilkräfte der Natur zu vertrauen. Sie kann unterstützen, vielleicht beschleunigen, richten kann sie es nicht.

Manchmal muss auch sie einfach warten, bis die Natur einen Menschen heilt.

Was die einen Heilkräfte der Natur nennen, ist für mich, ist für den Glaubenden, Hinweis auf einen Gott, der seine Schöpfung nicht alleine lässt.

Es ist eine Erscheinung der letzten zweihundert Jahre, dass Menschen meinen, wo Gesetzmäßigkeiten in unserer Natur erkennbar sind, dort sei Gott nicht von Nöten. Was für ein Unsinn!

Es ist biblische Botschaft, dass allein Gott diese Gesetzmäßigkeiten garantiert. Ohne ihn gäbe es keine Ordnung in dieser Welt. Bevor Gott eingegriffen hat, lag Chaos über den Wassern, herrschte "Tohu wabohu", wie die Schrift sagt. Gott ist es, der der Welt eine Ordnung gab, der unserem Leben Verlässlichkeit schenkt und dafür sorgt, dass wir uns jeden Tag aufs Neue auf diese Ordnung, auf diese Gesetzmäßigkeit in der Natur verlassen können.

Wir erleben es jeden Tag. Wir spüren den Finger Gottes in jeder Minute. Nicht dort, wo in spektakulären Ereignissen Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Wie konnten Menschen auf die Idee kommen, dass dies die eigentlichen Wunder seien?

Das Wunder dieser Schöpfung sind die Gesetzmäßigkeiten selbst, ist die Ordnung in dieser Welt, sind diese Naturgesetze, die wir erkennen können, nach denen unsere Welt funktioniert und ohne die wir keinen einzigen Tag bestehen würden. Das ist das eigentliche Wunder: Dass da jemand diese Ordnung garantiert.

Es ist nicht unser Tun, das die Welt in Gang hält. Wir können das Wachstum der Saat nur unterstützen. Wir können die Heilung von Menschen lediglich begleiten und uns die Kräfte der Natur zu Nutze machen, um da und dort Heilung in Gang zu setzen, wo sie ansonsten nicht mehr möglich wäre. Machen können wir sie nicht.

Wir können einzig und allein darauf vertrauen, dass die Dinge letztlich von sich aus langsam wieder heilen, dass da jemand heilen lässt.

Manchmal muss man darauf lange warten. Und da und dort gilt es uns Menschen dann wohl einfach so lange zu beschäftigen, bis Gottes ordnendes Eingreifen in diese Natur uns letztlich wieder heilt.

So etwas wird einem nicht immer in der Kirche bewusst. Manchmal braucht es dazu ganz einfach einen Besuch beim Arzt.

(gehalten am 13. Oktober 2013 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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