Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

27. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 17,5-10)

In jener Zeit baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. (Lk 17,5-10)

Da war ich vielleicht sauer!

Eine der Prüfungen, auf die es am meisten zu lernen galt, während des ganzen Studiums, das war die Einleitungsprüfung in das Alte Testament. Das war solch ein Berg von Fakten, von Jahreszahlen, geschichtlichen Ereignissen und Namen - wochenlang haben wir da gepaukt.

Nur einer von uns, der nahm das Ganze auf die leichte Schulter. Während unsereins sich die Nacht um die Ohren geschlagen hat, hat er kaum etwas gelernt.

Bekannt war von unserem Prof., dass er die erste Frage, meist nach dem Namen ausgerichtet hat. Deshalb konnte ich mich mir beim Namen "Sieger" ziemlich sicher sein, dass die erste Frage wahrscheinlich etwas mit irgendwelchen "Siegen Israels" zu tun haben werde.

Nur bei denjenigen, bei denen ihm nicht gleich etwas einfiel, da fragte er, womit man sich denn besonders beschäftigt habe. Und ausgerechnet der von uns, der am wenigsten getan hatte, den fragte er in der Prüfung: "Womit haben Sie sich denn besonders beschäftigt". Und der hatte dann auch noch die Dreistigkeit, darauf zu antworten: "Mit dem Buch Rut. Das habe ich ganz durchgelesen!"

Und über diese vier Seiten, über genau diese vier Seiten der Bibel, die er offenbar ganz durchgelesen hatte, darüber wurde er dann geprüft und hat mit Glanz und Gloria bestanden!

Liebe Schwestern und Brüder,

sauer war ich da schon!

Wären Sie wahrscheinlich auch gewesen.

Da müht man sich die ganz Zeit ab und der, der nichts getan hat, der steht am Ende genauso gut da, wie man selbst. Das ist doch wirklich zum aus der Haut fahren! Wenn es darum gegangen wäre, was ich alles getan hatte, da hätte ich um ein Vielfaches besser sein müssen.

Und dabei habe ich auch noch Glück gehabt. Denn hätte unser Professor ein paar andere Fragen gestellt, wäre er auf meine Lücken gestoßen, dann hätte ich trotz all der Vorbereitung ziemlich alt ausgesehen. Es hätte mir passieren können, dass ich am Ende gar nur mit Hängen und Würgen durchgekommen wäre. Oder vielleicht wäre ich sogar durchgefallen.

Denn - das war mir ja auch klar -, von all dem Stoff, den es da zu wissen galt, konnte ich selbstredend auch nur einen Bruchteil aus dem ff. Bei all der Anstrengung und all der Vorbereitung, hatte ich mir auch nur einen kleinen Teil wirklich aneignen können.

So ist das eben, wenn man einen Berg bewältigen soll, der einfach nicht zu schaffen ist. Um dann bei einer Prüfung am Ende bestehen zu können, dazu reicht es nicht aus, dass man sich angestrengt hat, dass man sich ein wenig Wissen angeeignet hat, dass man ein Teil des Berges wirklich geschafft hat. Am Ende braucht man auch noch eine gehörige Portion Glück, damit man bei der Prüfung auch wirklich bestehen kann.

Das, was bei Prüfungen das Glück ist, vor Gott ist das die Gnade.

Ist doch kein bisschen anders, als bei meiner Prüfung damals. Der Berg, den wir zu bewerkstelligen hätten, um wirklich alles zu schaffen, der ist viel zu groß. Wir können uns anstrengen, können uns mühen, aus eigener Kraft bekommen wir das nicht hin.

Wer von uns könnte denn wirklich von sich behaupten, dass er all das in seinem Leben verwirklicht, was Jesus Christus uns vorgelebt hat. Wenn es da nach unseren Maßstäben der Gerechtigkeit ginge, dann hätten wir am Ende alle das Klassenziel verfehlt.

Klar, im Zeugnis all der Haderlumpen, würde es von Fünfen und Sechsen nur so wimmeln. Aber was hilft das schon, wenn man selbst mit 4,5 am Ende auch noch durch die Prüfung rasselt.

Ich hoffe, dass wirklich keiner von uns sich einbildet, dass er am Ende vor Gott stehen würde und der könnte nicht anders, als sich vor uns zu verneigen und seinen Hut zu ziehen, ob der großartigen Leistung, die wir vollbracht haben. Es zeichnet gerade die größten unter den Heiligen aus, dass sie sich am ehesten im Klaren darüber waren, wie wenig sie auf dem Weg der Nachfolge Jesu wirklich geleistet hatten. Wer meint, sich den Himmel verdienen zu können, der wird an dieser Aufgabe ganz kläglich scheitern.

Und dabei hätten wir das doch so gerne. Nicht? Das würde uns doch gefallen, wenn wir am Ende vor Gott stehen würden, und er könnte gar nicht anders als uns das bestandene Diplom auszuhändigen. Wir könnten da mit stolz geschwellter Brust aufrecht stehen, uns auf die Schultern klopfen lassen und müssten nicht einmal Danke sagen.

Aber genau darum geht es. Das heutige Evangelium macht es uns noch einmal in aller Deutlichkeit klar. Selbst wenn wir alles tun, was in unseren Kräften steht: wir hätten kein bisschen mehr, als unsere Schuldigkeit getan.

Und wenn uns Jesus Christus verheißt, dass dieser Gott uns alle, trotz aller Unvollkommenheit, trotz all der Lücken, trotz all der Dinge, die wir beim besten Willen einfach nicht fertig bekommen, wenn uns dieser Gott - wie Jesus Christus immer wieder betont - die Fülle des Lebens ganz einfach trotzdem schenkt, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als dafür aus tiefstem Herzen zu danken.

Bei meiner Prüfung damals hatte ich getan, was ich konnte. Und dass dann auch noch die richtigen Fragen kamen, das war ein gutes Stück weit Glück.

Wenn ich am Ende durch Gottes Gnade tatsächlich vor ihm bestehe - ich weiß ja nicht, wie es Ihnen da geht -. ich zumindest sollte mir bis dahin vielleicht eines abgewöhnt haben: Ich sollte dann vielleicht endlich aufgehört haben, auf diejenigen, die ihr Sache noch schlechter gemacht haben als ich - ich sollte mir dann abgewöhnt haben, darauf sauer zu sein, dass denen das gleiche Glück wie mir zuteil wird. Ich sollte gelernt haben, mich mit all den anderen darüber zu freuen, dass wir es am Ende doch alle geschafft haben.

Amen.

(gehalten am 2./3. Oktober 2004, in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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