Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

26. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 16,19-31)

In jener Zeit sprach Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Statt dessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf sie sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater, Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. (Lk 16,19-31)

Stellen Sie sich doch einmal einen Kopf vor; einen ganz normalen Kopf, aber ganz ohne Haare! Das heißt, fast ganz ohne Haare. Stellen Sie sich einmal einen solchen Kopf vor, eine richtige Glatze - mit Ausnahme einer langen Locke, vorne auf der Stirn. Das sieht ganz eigenartig aus. Aber genau so beschreiben die alten Griechen einen ihrer zahlreichen Götter. Genau so haben Sie sich den "Gott des Augenblicks" vorgestellt: ganz ohne Haare, mit Ausnahme einer langen Locke vorne auf der Stirn.

Diese Vorstellung ist zugegebenermaßen etwas spaßig, aber die Erklärung für diese eigenartige Erscheinung, die fand ich nun mehr als interessant. Genau so - haben sich die Menschen damals nämlich gesagt - genau so muss dieser "Gott des Augenblicks" aussehen, denn genau so ist es ja um den Augenblick bestellt: wenn man ihn packen will, wenn man den Augenblick beim Schopf packen will, dann muss man es tun, solange er einem gegenübersteht. Dann nämlich kann man ihn greifen, genau dann kann man ihn an dieser langen Locke auf der Stirn packen, solange er einem gegenübersteht. Wenn er aber erst einmal vorübergegangen ist, dann bietet er nur noch die kahle Glatze des Hinterkopfs an, dann ist nichts mehr zum Greifen da, dann ist es mit dem am-Schopf-packen aus und vorbei. Wer den Augenblick ergreifen will, der muss es tun, solange er einem gegenübersteht!

Liebe Schwestern und Brüder,

die Menschen in der Antike haben natürlich nicht recht, es gibt keinen "Gott des Augenblicks"! In diesem Punkt irren sie sich. Aber dennoch haben sie etwas ganz wichtiges erkannt: Sie haben das erkannt, was der reiche Mann im heutigen Evangelium viel zu spät gemerkt hat, und dann sehr schmerzlich gemerkt hat: Wenn ich den Augenblick nutzen will, dann muss ich es tun, solange er mir gegenübersteht. Wenn er erst einmal vorübergegangen ist, dann kann mein Jammern und Klagen noch so groß sein, den Augenblick gibt mir dann niemand mehr zurück. Die Chance, die ich genau in diesem Moment dann gehabt habe, diese Chance ist verpasst, ein für allemal vertan. So vertan, wie bei diesem reichen Mann im heutigen Evangelium, der das alles viel zu spät erkannt hat, und dann sehr schmerzlich erkannt hat.

Die Menschen der Antike haben es schon gewusst, und das heutige Evangelium mit diesem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus erinnert uns noch einmal ganz eindringlich daran: Nutzen wir den Augenblick, nutzen wir ihn, bevor er vorübergegangen ist. Viele ungenutzt verstrichene Gelegenheiten tun uns im Nachhinein nämlich unendlich leid.

Wie ist es denn mit der Frau aus der Nachbarschaft, die nun schon wochenlang im Krankenhaus liegt und auf einen Besuch wartet, mit dem Ausflug, den man den Kindern schon ewig versprochen, aber immer wieder aufgeschoben hat, mit dem Arbeitskollegen, der einem von vorneherein unsympathisch war, und der doch nur darauf wartet - zumindest ein wenig - verstanden zu werden, oder auch mit unserem Alltag, aus dem wir - ob all der Sachzwänge- die doch so nötige Ruhe schon beinahe völlig verdrängt haben - ganz zu schweigen von Besinnung.

Jetzt gilt es, die Chancen, die sich uns bieten, zu ergreifen. Nutzen wir den Augenblick, nutzen wir ihn, bevor er vorübergegangen ist! Wenn unsere Gesundheit erst ruiniert ist, wenn all die Gelegenheiten verstrichen sind, dann mag es uns vielleicht unendlich leid tun, dann aber ist es zu spät.

Das ist die Botschaft des heutigen Evangeliums, eine Botschaft, die aufrütteln und ganz kräftig warnen möchte. Es ist schon eine bedrohlich wirkende Botschaft, aber nichtsdestoweniger, es ist eine frohe Botschaft! Denn für die meisten von uns dürfte es nicht einmal schwer sein, den Augenblick wirklich zu nutzen, die meisten von uns dürften dazu nämlich noch reichlich Gelegenheit und vor allem reichlich Zeit haben!

Und das ist das Froh-Machende an dieser Botschaft! Niemand von uns braucht diesen Augenblick, von dem das Evangelium spricht, eigentlich zu verpassen, denn so schnell geht er gar nicht vorüber! Die Gelegenheit, von der Jesus in diesem Gleichnis spricht, das ist nämlich nicht nur ein flüchtiger Moment, ein knapper Zeitraum von wenigen Minuten, den man absolut nicht verpassen darf, der Augenblick, von dem er spricht, der geht so schnell nicht vorbei - er dauert ein Leben lang!

Ein ganzes Leben lang haben wir nämlich Zeit. Ein ganzes Leben lang haben wir Zeit die Gelegenheiten, die sich uns bieten, beim Schopf zu packen. Wir haben alle Zeit dazu.

Nutzen wir sie.

Amen.

(gehalten am 27. September 1998 in St. Bartholomäus, Ettenheim)

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