Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

25. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Am 8,4-7)

Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen. (Am 8,4-7)

Es war um das Jahr 750 vor Christus, als in Tekoa an der Grenze der Wüste Juda, der Maulbeerfeigenzüchter Amos plötzlich seine Plantage verließ und ins Nordreich Israel zog. Mit derben und ungeschminkten Worten trat der Bauer plötzlich dem König und den "Großkopfeten" in Israel gegenüber. Und er schmetterte ihnen Wahrheiten entgegen, die keiner hören wollte.

Die ach so frommen, vornehmen Frauen verglich er mit den fetten Baschans-Kühen und den einflussreichen Händlern warf er in deutlichen Worten vor, dass sie nur auf Gewinn aus seien - koste es, was es wolle, selbst um den Preis, dass sie ihre Kundschaft übers Ohr hauen würden.

Nur einen kurzen Ausschnitt daraus haben wir eben als Lesung gehört, jene Passage, in denen er ihnen vorhält, dass sie nur darauf warten würden, bis der Sabbat, vorüber sei, dass sie das Ende der Feiertage schon nicht mehr erwarten konnten, um wieder neu den Umsatz zu steigern und Profite zu machen.

Und alles wird jetzt sagen: das hat er natürlich mit Absicht gemacht, dass er ausgerechnet diesen Text am Bruchsaler verkaufsoffenen Sonntag vorlesen lässt.

Liebe Schwestern und Brüder,

ob Sie es mir glauben oder nicht: er ist heute ganz einfach dran. Die Leseordnung sieht für den heutigen Sonntag turnusgemäß dieses harte und ungeschminkte Wort des Propheten Amos vor, in dem er den Menschen unmissverständlich vor Augen führt, dass Gott ihr Tun missbilligt und es nicht ohne Folgen bleibt, wenn man seinen Rat so einfach in den Wind schlägt, wie das heute offenbar kein bisschen weniger geschieht, als zu Zeiten eines Propheten Amos.

Ich weiß natürlich auch, dass es unserm Einzelhandel nicht grad gut geht, dass immer mehr Geschäfte schließen und sich alle auf die Hinterfüße stellen müssen, um im Wettbewerb noch einigermaßen bestehen zu können. Aber darum geht es hier nicht.

Diese Sorgen der Menschen - das machen uns die Propheten immer wieder klar -, diese Sorgen teilt Gott auch. Und noch viel mehr: Er steht sogar auf der Seite derer, die auf der Strecke bleiben.

Aber gerade deshalb kann er nicht tatenlos zusehen, wenn hier Wege beschritten werden, die keine Lösung sind. Das was hier geschieht ist keine Lösung!

Und dabei geht es nicht darum, ob man am Sonntag 'was verkaufen darf oder nicht. Es geht doch nicht darum, einfach Sonn- und Feiertage gleichsam zwanghaft zu schützen.

Das Buch des Propheten Amos macht uns die eigentlichen Hintergründe sehr deutlich. Und wenn wir seine Worte in die heutige Zeit übersetzen, dann gewinnen sie eine Aktualität ohne gleichen.

Amos brandmarkt, dass da eine Gesellschaft aus dem Ruder gelaufen ist. Dass es nur noch darum ging, den anderen auszustechen und zu übertrumpfen und sich gegenseitig die Fänge abzujagen. Diese Zustände, die er glasklar benennt - Wettbewerb nennt man das heute.

Ein nettes Wort für etwas, was heute nicht weniger unbarmherzig ist, als es damals war. Denn dieser Wettbewerb hat nur ganz wenige Gewinner. Die meisten bleiben auf der Strecke. Er macht die Großen größer und die Kleinen kleiner, die Reichen reicher und die Armen ärmer. Und er mündet - was die Gesellschaft angeht - immer in der Katastrophe.

Wer sich in diesen Teufelskreis begibt, kann eigentlich nur darin umkommen.

Aber anstelle gegenzusteuern, hört man auch heute nur allenthalben: Wir sind zwar auch dagegen, aber wir können nichts machen. Wir müssen da doch mitmachen, denn wenn wir es nicht tun - die andern tuns!

Und die Folge davon ist, dass der Wettbewerb jedes Jahr nur noch härter wird. Wir reden uns ein, dass man halt mitmachen müsse, und wir drehen dabei ohne es zu merken immer weiter an einer Schraube, die uns am Ende die Luft zum Atmen nehmen wird. Auf diesem Weg wird die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander klaffen.

Welche Blüten das zur Zeit schon treibt, zeigt mir die unselige Diskussion über die ungleichen Lebensbedingungen, die Sie in den letzten Tagen in den Medien verfolgen konnten.

Ungleiche Lebensbedingungen mögen ein Faktum sein. Abfinden kann sich ein Christ damit nie.

Gleiche Chancen und gleiche Bedingungen für ein geglücktes Leben - und nicht nur in Ost und West sondern auf der ganzen Welt und für alle Menschen - das ist das einzige Ziel das auch Gott zu unterschreiben bereit wäre.

Es kann nie und nimmer angehen, dass einerseits über Millionengehälter diskutiert wird und auf der anderen Seite Menschen mit 300 Euro im Monat auszukommen gezwungen sein sollen.

Eine Gesellschaft, die sich an so etwas gewöhnt, die nur noch mit den Achseln zuckt und sagt, dass man dagegen sowieso nichts machen könne, in der man als einzige Konsequenz danach strebt nicht ganz zu den Verlierern zu gehören, eben darauf zu achten, dass der Nachbar eingeht und man nicht selbst den Laden schließen muss, in der man eher wenn auch notgedrungen an der Schraube mitdreht, als zu überlegen, wie man aus dem Teufelskreis entrinnen kann, eine solche Gesellschaft wird keinen Bestand haben.

Amos hat den Menschen seiner Zeit sehr deutlich gemacht, dass es so nicht gehen kann. Autorisiert von Gott erklärt er den Menschen, dass wirklichen Erfolg eine Gesellschaft nur dann haben kann, wenn der eine auf den anderen achtet, wenn alle sich gegenseitig stützen, wenn der einzelne darauf schaut, was die Gemeinschaft braucht und was er dazu beitragen kann, dass das Gemeinwesen blüht.

Sie wollten es nicht hören, sie meinten dem Teufelskreis nicht entrinnen zu können oder wollten es auch einfach nicht. Die, die schon unter die Räder gekommen waren, glaubten sich nicht mehr wehren zu können, die, die noch oben auf schwammen. wollten es nicht anders.

Amos hat mit seiner Prophezeiung Recht behalten. Es hat keine Generation mehr gedauert, bis das Nordreich Israel endgültig von der Landkarte verschunden war.

Und viel spricht nicht dafür, dass es heute anders sein sollte.

Amen.

(gehalten am 18./19. September 2004 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

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