Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

23. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 14,25-33 mit Weish 9,13-19)

Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen, oder wer begreift, was der Herr will? Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken; denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht, und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet. (Weish 9,13-19)

In jener Zeit, als viele Menschen Jesus begleiteten, wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet. (Lk 14,25-33)

"Zuerst müssen wir noch klären, wer heute Abend Protokoll schreibt!" - Das ist der Satz in einer Sitzung, bei dem meist alle plötzlich wie gebannt auf den Fußboden oder das vor ihnen liegende Papier schauen. Jetzt ja nicht hochgucken und schon gar nicht auffallen. Wer sich jetzt auch nur räuspert, hat verloren. Es gibt kaum längere und vor allem kaum peinlichere Sekunden in einer Sitzung, bis sich dann endlich jemand bereiterklärt, das Protokoll halt in Gottes Namen zu schreiben.

Diese quälenden Sekunden in denen jeder hofft, ja nicht angeschaut, ja nicht entdeckt zu werden - Sie kennen sie sicher alle - und nicht nur, wenn es darum geht, einen Protokollanten zu finden. So siehts eigentlich immer aus, wenn Aufgaben oder irgendetwas Unangenehmes verteilt wird.

Und genauso würde es wahrscheinlich auch aussehen, wenn sich Jesus Christus vor uns hinstellen würde, um Kreuze zu verteilen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann mir nicht vorstellen, dass dann irgend jemand von uns "Hier!" schreien würde. Vordrängeln würde sich dann niemand, und Verlangen nach einem besonders großen Kreuz hätte mit Sicherheit auch keiner von uns.

"Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein" - wenn Jesus damit meint, dass wir voll Freude, mit Jauchzen und Frohlocken das Kreuz auf uns nehmen und hinter ihm her marschieren müssten, dann sähe es wohl recht mager aus.

Ganz ehrlich, da wäre ich dann wohl auch nicht dabei. Ich liebe das Leben genauso wie fast alle von Ihnen. Und ich sehne mich nach Glück und Zufriedenheit und freue mich über jeden schönen Tag nicht weniger als alle anderen.

Und das ist auch gut so. Denn ich bin davon überzeugt, dass Jesus Christus auch nichts anderes von uns will.

Alle, die aus solchen Stellen, wie dem heutigen Evangelium, folgern, dass man das Leben, so wie wir es kennen gering achten müsste, dass man keine Freude haben dürfte und dass es darum ginge, alles was diese Welt und das Leben darin ausmachen möglichst weit von sich zu weisen, dass man nach dem Leiden, dem Kreuz oder gar nach dem Martyrium regelrecht verlangen müsse, ich glaube, dass all diejenigen das Evangelium völlig falsch verstanden haben.

Wir bekamen das Leben nicht geschenkt, um es wegzuwerfen. Wir bekamen es, um es zu leben. Und wir dürfen dieses große Geschenk Gottes lieben, weil auch Gott das Leben liebt und nicht den Tod.

Jesus hat sich auch nicht nach dem Kreuz gedrängt. Er hat darum gebetet, das Gott diesen Kelch an ihm vorübergehen lasse. Jesus wäre sicher, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, einen anderen gegangen. Lebensmüde war er absolut nicht.

Und weltverachtend schon gar nicht. Hat er denn etwa zu den Kranken, die ihm begegneten, gesagt: "Toll dass ihr krank seid, das ist das Kreuz, das ihr mit Freuden tragen sollt!"?

Er hat sie gesund gemacht, er hat Menschen geheilt, damit sie leben konnten, so wie Gott uns das Leben geschenkt hat.

Und deshalb dürfen und deshalb müssen wir uns auch mit allen Kräften dafür einsetzen, dass das Leben von Menschen lebenswert ist.

Und trotzdem, trotz allem hat uns Jesus nicht minder gezeigt, dass die Kreuze bleiben, dass das Leben nicht in der Form, wie wir es kennen, zur Fülle gelangt. Es gibt das Leid und es gibt den Tod und es führt für niemanden ein Weg daran vorbei, weil der Tod das Tor in die neue Wirklichkeit von Leben ist, die uns Gott selbst als Fülle des Lebens vor Augen stellt.

Warum das so sein muss, das weiß keiner von uns. Wann es soweit ist, kann niemand sagen. Wie es genau aussehen wird, steht in den Sternen. Und welches Kreuz ich zu tragen habe, wage ich mir nicht einmal auszumalen.

"Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen, oder wer begreift, was der Herr will?" fragt sich selbst die Bibel - als Lesung haben wir es heute aus dem Buch der Weisheit gehört.

Ich glaube, genau das möchte uns Jesus im heutigen Evangelium sagen: Er will uns nicht die Freude am Leben nehmen. Und er will auch keine Christenheit, die griesgrämig und trübselig wäre. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass es für jeden von uns das Kreuz gibt. Und wenn dieser Kelch an uns nicht mehr vorüber gehen kann, dann werden auch wir ihn trinken müssen. Nicht mit Freude, schon gar nicht mir Begeisterung. Einfach im Bewusstsein, dass kein Weg daran vorbei führt; einfach in der Erinnerung, dass auch der Herr keinen anderen Weg gefunden hat; und in der festen Zuversicht, dass er mein Kreuz zu tragen hilft.

Amen.

(gehalten am 4./5. September 2004 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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