Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

22. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Hebr 12,18-19. 22-24a)

Brüder! Ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hingetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind, zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden; Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes. (Hebr 12,18-19. 22-24a)

"Am dritten Tag, im Morgengrauen, begann es zu donnern und zu blitzen. Schwere Wolken lagen über dem Berg, und gewaltiger Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern. Mose führte es aus dem Lager hinaus Gott entgegen. Unten am Berg blieben sie stehen. Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig, und der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete, und Gott antwortete im Donner."

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist er: Das ist der vielleicht älteste Bericht der Begegnung Gottes mit seinem Volk am Berg Sinai - so, wie er sich im Buch Exodus niedergeschlagen hat.

Schaut man sich diesen Bericht genauer an, dann fällt eines ganz besonders auf: Die Bibel schildert das Ereignis, als handele es sich gleichsam um einen Vulkanausbruch: Ein Berg im Rauch, mit Feuer, Donnergrollen und Beben und die Menschen, die voller Furcht in der Ferne stehen - Vielfach wird deshalb auch angenommen, dass - historisch betrachtet - der Beginn der Jahweverehrung irgendwie im Zusammenhang mit einem Vulkanausbruch gesucht werden müsse. Und möglicherweise war der eigentliche Berg Sinai ja auch ein tätiger Vulkan.

Auf jeden Fall hat das Bild vom Feuer auf dem Berg, von Rauch und von Donnergrollen die Art und Weise geprägt, wie die Menschen in grauer Vorzeit von Gott gesprochen haben: Ein Gott, der gewaltig ist, alles zum Beben bringt und Furcht und Entsetzen hervorruft.

Und genau dieses Bild nimmt der Hebräerbrief in jenem Abschnitt, den wir eben gehört haben, wieder auf. Er denkt genau an dieses Bild vom Vulkan und er denkt genau an dieses Bild, damit wir nicht daran denken!

Denn genau so - sagt uns der Hebräerbrief - genau so sei dieser Gott nicht, den Jesus von Nazareth uns hat nahe bringen wollen. Wenn ihr von Gott sprecht, dann denkt gerade nicht an ein sichtbar, loderndes Feuer, an dunkle Wolken und Finsternis mit Sturmwind. Denkt nicht an eine dröhnend grollende Stimme, die so bedrohlich klingt, dass alle nur wünschen, sie würde gleich wieder verstummen.

Denkt nicht an eine furchtbare Macht, die alles im Feuer verzehrt und vor der man nur mit großem Abstand und voller Furcht in der Ferne stehen bleiben kann. Denkt vielmehr an eine einladende Stadt, an eine Stadt am Morgen eines Festtages, prächtig geschmückt, eine Stadt, die erstaunen macht, die uns die Hälse recken lässt, um alle Einzelheiten zu entdecken, in der Gebeugte wieder aufrecht gehen, und Gefallene wieder aufgerichtet, ausgerichtet werden.

Denkt an eine einladende Stadt auf dem Berg, die ihre Tore weit geöffnet hat und alle einlädt zu ihr zu kommen, die niemanden ausgrenzt und keinen ausschließt. Denkt genau daran, denn so ist der Gott, den Jesus verkündete. So ist der Gott, zu dem wir gehören.

Der Hebräerbrief umschreibt damit gleichsam die Farbpalette, mit der unser Glaube gemalt werden will. Er gibt die Farben an, die dominieren sollen, die unser Leben und selbstverständlich auch unsere Verkündigung prägen müssen. Es sind helle, lichte, einladende Farben.

Und alle Bilder, die in anderen Farben daherkommen, haben nichts mit dem Gott zu tun, zu dem wir alle gehören.

Natürlich kommt kein Bild ohne dunkle Töne aus, natürlich braucht es in jedem Gemälde dunkle Bereiche und Schatten. So wie diese Farbtöne auch im Leben ihren Platz haben. Natürlich gibt es dunkle Flecken, gibt es Schuld und auch Sünde.

Und selbstverständlich braucht es auch klare Linien, Gebote, Pflichten und Anstrengung im Tun.

Das sind aber nicht die Grundfarben, das sind nicht die Töne, die dieses Bild prägen dürfen. Und wo solche Farben im Vordergrund stehen, wo es vorab um Einschüchterung, um Furcht und Angst um Ausgrenzung und unsinnige Reglementierung geht, dort geht es sicher nicht um den Vater Jesu Christi, um den Gott, den uns Jesus von Nazareth verkündet hat.

"Denn ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hingetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind." sagt der Hebräerbrief. "Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem."

Und das leuchtet in anderen Farben: In jenen hellen, warmen und überschwänglichen Farben in denen unser Glaube gemalt werden will - ein Glaube, der unser Leben prägen möchte, der auf unser Leben abfärben möchte, damit das ganze Leben in diesen Farben daherkommt: In fröhlichen, frühlinghaften, manchmal durchaus auch herbstlichen Tönen - nie aber, nie in düsteren, trüben und tristen Farben.

Amen.

(gehalten am 1./2. September 2007 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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