Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

21. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 13, 22-30)

In jener Zeit zog Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein. (Lk 13, 22-30)

"Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel ...", heißt es in jenem bekannten Karnevalsschlager. Und die Begründung lautet: "... weil wir so brav sind!"

Liebe Schwestern und Brüder,

das glaubt natürlich kein Mensch. Niemand wird behaupten, "dass wir so brav sind"!

Dennoch aber sind viele Menschen davon überzeugt, dass sie in den Himmel kommen. Das hat aber ganz andere Gründe. Und ein Grund, den Sie sehr häufig hören können, ist die Überzeugung, dass man schließlich der wahren Religion angehört. Wir kommen in den Himmel, weil wir richtig glauben - die anderen aber nicht!

Genau das ist der Hintergrund jener Frage aus dem heutigen Evangelium, die Jesus von jemandem auf dem Weg nach Jerusalem gestellt wurde. So zumindest schildert es der Verfasser des Lukas-Evangeliums. Da fragt ihn jemand: Stimmt es denn, dass nur wenige gerettet werden?

Und die Antwort Jesu klingt für diesen Menschen sicher zunächst auch vielversprechend. Der war nämlich durchaus davon überzeugt, dass nur wenige gerettet würden: Allein diejenigen nämlich, die zum auserwählten Volk gehören würden. Und er selbst gehörte da natürlich selbstverständlich dazu.

Aber je länger Jesus antwortete, desto klarer wurde, dass es nicht einfach darum geht, irgendwo dazuzugehören. Der Exklusivitätsanspruch, den sich einige damals ausgerechnet hatten - Wir gehören zu den Auserwählten, alle anderen aber nicht! -, diese Ausschließlichkeit gibt es bei Jesus nicht. Ganz im Gegenteil: Von Osten und Westen, von Norden und Süden werden diejenigen kommen, die im Reich Gottes zu Tische sitzen. Und viele derer, die gemeint hatten, sie allein hätten das Heil für sich gepachtet, werden sich gewaltig verrechnet haben.

Als dieses Evangelium in den christlichen Gemeinden erstmals verlesen wurde, hatte das, was Jesus hier angekündigt hatte, einen ganz eigenen Geschmack bekommen. Der jüdische Krieg war mittlerweile vorüber, der Tempel zerstört und die christlichen Gemeinden bestanden eigentlich nur noch aus getauften Heiden. Sogenannte Judenchristen spielten im Grunde gar keine Rolle mehr. Das auserwählte Volk spielte eigentlich keine Rolle mehr.

Und die christlichen Gemeinden konnten sich nun zurücklehnen, dieses Evangelium hören und sich darüber freuen, dass sich Menschen wie dieser Fragesteller damals ganz offensichtlich geirrt hatten, dass Gott nicht nur das Heil eines einzigen Volkes wollte. Sie konnten sich darüber freuen, jetzt auch zu den Erwählten zu gehören, denen das Reich Gottes versprochen war. Und noch viel mehr: Eigentlich waren sie jetzt, die Christen, das neue Gottesvolk, auf dem die Verheißung ruhte.

Aber dadurch begannen sich auch die Christen immer mehr im Glanz zu sonnen, jetzt doch erwiesenermaßen die wahre Religion zu sein und damit eben doch auch die Einzigen, die am Ende gerettet würden. Dass man damit aber letztlich genauso dachte wie dieser Mensch in der heutigen Evangelienstelle, scheint den meisten gar nicht aufgefallen zu sein. Wieso auch? Jesus sprach doch über die Juden und darüber, dass nicht sie allein das auserwählte Volk seien!

Nein! Jesus sprach darüber, dass es überhaupt nicht um ein auserwähltes Volk geht, dass es nicht einfach darum geht, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören. Welches Etikett auf einer Gruppe klebt, ist letztlich nämlich völlig belanglos. Ob dort Religion richtig oder falsch gelebt wird, erweist sich nämlich immer erst an dem, was man daraus macht.

So wie Jesus damals diesem Menschen klar zu machen versuchte, dass allein der Umstand, Jude zu sein, noch nicht bedeutete, ein wirklich Gott gefälliger Mensch zu sein, so sagt dieses Evangelium auch jedem Christen, dass allein der Umstand, zu den Christen zu gehören, noch lange nicht bedeutet, wirklich die allein wahre Religion zu haben. Das Christentum ist nicht von sich aus wahre Religion.

Es gibt keine Religion, die nicht missbraucht und nicht pervertiert werden kann. Und es gibt keine Religion, die nicht schon pervertiert worden ist. Da macht das Christentum keine Ausnahme. Ich kenne genügend Spielarten des Christlichen, die mit der Botschaft Jesu absolut nichts zu tun haben.
Die Geschichte ist voll davon: Denken Sie nur an Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, politische Intrigen von Kirchenfürsten oder Waffensegnungen noch in jüngster Zeit. Und in der Gegenwart mit Fundamentalisten, die Intoleranz und Rassismus predigen und sich eigentlich dafür schämen müssten, den Namen des Nazareners überhaupt in den Mund zu nehmen, ist es keinen Deut besser.

Und solche Erscheinungen gibt es bei den Katholiken, den Protestanten, Orthodoxen oder welcher christlichen Denomination auch immer.

Christ zu sein heißt noch gar nichts. Denn bei Jesus von Nazareth geht es nicht darum, wie man sich nennt, geht es weder um ein auserwähltes Volk, noch um wahre oder falsche Religion. Es geht immer darum, was man daraus macht.

Und es gibt - denke ich - eine ganze Reihe von Kriterien, die sehr gut dabei helfen, das was Jesus wirklich wollte von anderem zu unterscheiden. Überall dort, wo Prinzipien wichtiger sind als der einzelne Mensch, ist vom Geist Jesu Christi nämlich nicht viel zu spüren. Überall dort, wo die Institution wichtiger ist als das Leben der Einzelnen, geht man am Willen Gottes vorbei. Und überall dort, wo Religiosität Menschen in Zwänge hineinführt und menschliches Leben eng macht, darf ich sie getrost als falsch bezeichnen. Jesus von Nazareth ist nämlich gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.

Wahre Religiosität macht Leben weit, befreit von Ängsten und Zwängen und schafft Raum zum Atmen. Wahre Religiosität nimmt immer Rücksicht auf den je einzelnen Fall und urteilt nie vom hohen Ross herab. Wahre Religiosität ist nie uniform, sondern bunt wie das Leben und vielfältig wie die Menschen eben vielfältig sind. Und sie behauptet nie, Gott bereits gefunden zu haben und gleichsam zu besitzen, sondern begreift sich immer als auf der Suche nach diesem Gott, der letztlich der ganz andere ist.

Wo Menschen Offenheit und Gastfreundschaft leben und einander ohne Hintergedanken und ehrlichen Herzens die Hände reichen, dort leben sie, was Jesus von Nazareth grundgelegt hat. Und ich würde mich nicht wundern, wenn die Zahl derer, die auch hier in Osten und Westen, in Norden und Süden zu finden ist, weit größer ist, als in unseren Taufbüchern verzeichnet. Denn überall wo Menschen menschlich sind, sich als barmherzig erweisen, den jeweils anderen Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht nur an sich, sondern immer auch an die anderen denken, überall dort sind sie nicht weit, nicht weit entfernt vom Reich Gottes.

Amen.

(gehalten am 25. August 2019 in der St. Josef-Kirche, Pfaffenrotl)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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