Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

17. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 11,1-13)

Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat. Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung. Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht. Darum sage ich euch; Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten. (Lk 11,1-13)

Es gibt immer noch Menschen, die beinahe erschrecken, wenn man das heutige Evangelium vorträgt. Das soll das "Vater unser" sein?

Die Jünger kommen zu Jesus und bitten ihn: Lehre uns beten. Und er sagt zu ihnen: "Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung."

Liebe Schwestern und Brüder,

da fehlt doch die Hälfte! Unser Vater unser ist doch viel länger. Das kann doch nicht jenes Gebet sein, das auf der ganzen Welt so oft gebetet wird. Und so soll es im Evangelium stehen?

Ja, genau so steht das "Vater unser" im Lukas-Evangelium: sehr viel kürzer, als in der uns geläufigen Form, die mit Abstrichen dem Text folgt, den uns das Matthaeus-Evangelium überliefert.

Und was ist jetzt richtig? Jesus hat seinen Jüngern ja nicht einmal einen kurzen und ein zweites Mal einen längeren Text vorgelegt. Nur einer kann doch letztlich der sein, den Jesus gesprochen hat. Welche Worte aber sind denn jetzt genau die, die Jesus seinen Jüngern beigebracht hat?

Erschrecken Sie jetzt nicht, ich bin mir ganz sicher: Weder noch! Weder die Matthaeus-Fassung noch die Form des Lukas-Evangeliums überliefert uns den Wortlaut dessen, den Jesus damals zu seinen Jüngern gesagt hat. Jesus hat nämlich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Aramäisch mit ihnen gesprochen und das Evangelium ist uns auf Griechisch überliefert. Egal welche Fassung näher daran ist, jede ist auf jeden Fall schon einmal eine Übersetzung und damit nur noch bedingt derselbe Wortlaut, den Jesus verwendet hat.

Dass es sich um eine Übersetzung handelt, das aber erklärt ja noch nicht, warum es dann zwei verschiedene Fassungen gibt, zwei Mal das "Vater unser" und das mit nicht zu übersehenden Unterschieden.

Es gibt offenbar zwei Möglichkeiten, sich dieses Phänomen zu erklären. Die eine ist die, dass der Text ursprünglich ja mündlich überliefert wurde
und dass sich bei Matthaeus eine ausführlichere Form erhalten habe. In der Fassung, die Lukas überliefert, seien nur so etwas wie die Kernsätze des Herrengebetes übrig geblieben. Es sei also gleichsam eine reduzierte Form, bei der Teile einfach weggelassen, vergessen oder auch bewusst gestrichen worden sind, um das ganze pointierter ausdrücken zu können.

Dieser Erklärungsversuch hat mich allerdings nie wirklich überzeugt. Soll ich wirklich annehmen, dass man bei einem so wichtigen Text, wie einem Gebet, das auf Jesus selbst zurückgeht, nicht nur einzelne Worte, sondern ganze Aussagen ganz einfach streicht?

Ich denke viel eher, dass die Fassung, die wir heute gehört haben, diese deutlich kürzere Lukas-Version von der Zahl der Worte her wohl am Ende näher an Jesus dran ist, als die längere Matthaeus-Fassung. Da hat jemand wohl einfach die aramäischen Sätze so wie sie dastanden ins Griechische übertragen.

Das Gebet, wie wir es kennen, also der Text in der Fassung des Matthaeus-Evangeliums, scheint mir keine einfache Übertragung zu sein. Da war wohl ein Übersetzer am Werk, der darum wusste, dass ich nicht einfach nur die Worte übersetzen darf, ganz besonders bei so unterschiedlichen Sprachen, wie dem Aramäischen und dem Griechischen. Da war sich wohl jemand darüber im Klaren, dass es manchmal schon ein paar Worte mehr braucht, um den Sinn wirklich zu erfassen.

Wenn das stimmt, dann eröffnet uns das eine wahrhaft großartige Möglichkeit. Dann hätten wir ja bei Lukas einen Text, der recht nah bei den Worten Jesu ist und bei Matthaeus einen, der versucht die Bedeutung dessen, was diese Worte letztlich sagen wollen, uns mit auf den Weg zu geben. Und wenn wir jetzt beide Texte einfach nebeneinander legen, dann stechen diese Erklärungen geradezu ins Auge, dann wird ganz schnell deutlich was einem abendländisch denkenden Menschen offenbar gesagt werden muss, um die Worte Jesu in ihrem Sinn wirklich verstehen zu können.

Versuchen wir es doch einfach einmal. Es beginnt mit: Vater, dein Name werde geheiligt - so wie man im Orient noch heute gleichsam einen Segensspruch anfügt, wenn man den Namen des Herrschers nennt - etwa in der Form, unser Herrscher - Gott möge ihn segnen. Genau so beginnt es auch: Vater - und der Matthaeustext fügt hinzu: damit meint Jesus auch unseren Vater! - dein Name werde geheiligt.

Und dann geht es weiter mit: Dein Reich komme. Und das andere Evangelium erklärt diese Bitte für Ohren, denen der jüdische Sprachgebrauch fremd ist: Gottes Reich, das ist da wo Gottes Wille tatsächlich geschieht; ein Raum, der nicht nur jene jenseitige Wirklichkeit umfasst, die wir Himmel nennen, sondern schon unsere Welt beinhaltet. Wenn Gottes Reich anbricht, dann wird schon auf Erden sichtbar und spürbar, was Gott für uns Menschen möchte.

Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen, fährt das Gebet fort - und das ist eine Bitte, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Die ist in jeder Sprache zu verstehen.

Genauso wie die Bitte um die Vergebung unserer Schuld: Erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.

Bei Matthaeus ist die Formulierung aber ein wenig anders. Da hat jemand geschrieben, dem bewusst war, dass man die einfache griechische Übersetzung durchaus auch verkürzend lesen kann. So nach dem Motto, verzeih uns, wir tun es ja auch. Aber Jesus verfolgt mit diesen beiden Sätzen wohl einen etwas anderen Sinn. Ihm geht es offenbar darum, deutlich zu machen, dass uns Gott in dem Maße vergeben möge, in dem auch wir unseren Schuldnern bereits vergeben haben - und genau so überliefert er uns diese Worte auch.

Wenn nun Lukas mit dem Satz schließt, dass uns der Vater nicht in Versuchung führen möge, dann weiß der Hebräer darum, was diese eigenartige Formulierung bedeutet. Im Alten Testament werden die Menschen nämlich immer wieder von Gott in Versuchung geführt, damit konfrontiert schuldig zu werden, um dadurch ihren Glauben zu erproben. Gott prüft den Glauben der Menschen.

Tu dies nicht, bitten wir mit Jesus. Und wir können dies tun, weil wir darum wissen, dass wir uns das Wohlwollen Gottes sowieso nicht verdienen können. Wir sind vor Gott immer auf seine Gnade angewiesen, darauf angewiesen, dass er uns aus den Stricken unserer Schuld befreit. Wollte er uns prüfen - in Versuchung führen, wie der Hebräer sagt -, wir würden jedes Mal aufs Neue scheitern. Bestehen können wir nur dann, wenn Gott selbst dafür sorgt.

Genau das macht das Matthaeus-Evangelium deutlich, indem der Satz mit der Versuchung gleichsam erklärt wird: Befreie Du selbst uns vom Bösen, wir allein können es sowieso nicht.

Im Nachsinnen über die verschiedenen Formen, in denen uns das "Vater unser" überliefert wurde, habe ich den genauen Wortlaut, den Jesus damals zu seinen Jüngern gesprochen hat, nicht wirklich gefunden. Das ist aber auch gar nicht wichtig.

Die Evangelien, überliefern schließlich keine einfachen Worte, sie überliefern sehr viel mehr, sie überliefern den Sinn und vor allem die Bedeutung für mich. Und genau dadurch dass ich diese beiden Fassungen ein und desselben Gebetes miteinander vergleichen kann, genau dadurch ist für mich zumindest dieser Sinn und diese Bedeutung sehr viel deutlicher geworden, sehr viel deutlicher, als hätten wir nur einen die reinen Worte übertragenden Text, der dann doch wieder vielerlei Miss- und Fehldeutungen Tür und Tor öffnet.

Für mich hat das "Vater unser", seit ich um diese Zusammenhänge weiß noch einmal eine ganz neue Dimension gewonnen. Eine, die mich umso mehr einstimmen lässt in den Jubelruf:

"Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit."

Amen.

(gehalten am 27./28 Juli 2013 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

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