Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

16. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 10,38-42)

In jener Zeit kam Jesus in ein Dorf, und eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein über1äßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen~ Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden. (Lk 10,38-42)

Können Sie sich einen Maurer vorstellen, der einfach blindlings drauf los mauert? Gut, vorstellen kann man sich das schon. Es ist natürlich kein Problem, eine Mauer hochzuziehen, ohne nachzudenken, wo die Fenster hinkommen, eine Nische ausgespart bleiben soll oder ein Anbau vorgesehen ist. -

Vorstellen kann man sich das schon. Ich möchte das Haus, das dabei herauskommt, allerdings nicht sehen - und bezahlen möchte ich es schon zweimal nicht.

Wenn Handwerker nicht mit Kopf und Verstand zu Werke gehen, darf man sich nicht wundern, wenn am Ende irgendwo ein Fenster vergessen wurde. Wenn ein Maurer nicht immer wieder innehält, um den Bauplan zu studieren, dann kommt am Ende kaum etwas Vernünftiges dabei heraus - zumindest nicht das, was der Architekt sich vorgestellt hat.

Liebe Schwestern und Brüder,

den Bauplan zu studieren, und zwar nicht nur am Anfang, sondern immer wieder, nach jedem Abschnitt innezuhalten, genau hinzuschauen und sich ein Bild davon zu machen, welche Anforderungen der nächste Abschnitt mit sich bringt und welches Rüstzeug ich für ihn brauchen könnte, das ist eine unablässige Voraussetzung dafür, dass ein Werk gelingen kann.

Und ich glaube, dass genau das Jesus auch mit dem heutigen Evangelium sagen möchte.

Maria sitzt da, lässt für einen Augenblick lang alles stehen und liegen und studiert den Bauplan. Denn auch unser Leben hat solch einen Plan. Und der ist genau so schwer zu lesen, wie die Entwurfszeichnungen auf einer Baustelle. Dazu braucht es Übung, ich muss darum wissen, wie ich die unterschiedlichsten Zeichen zu deuten habe und ich muss vor allem ganz genau hinschauen, sonst entgeht mir möglicherweise genau das worauf es letztlich ankommt.

Nichts anderes macht Maria. Sie hält inne, sie wird still, sie hört in sich hinein, und sie lässt sich von Jesus Christus her die Richtung neu aufzeigen. Und das ist notwendig, das ist so nötig wie das Studium eines Bauplanes auf einer Großbaustelle.

Und nichts anderes - denke ich - nichts anderes sagt Jesus mit der heutigen Evangelienstelle.

Was er nicht sagt - und so darf man das heutige Evangelium meines Erachtens unter keinen Umständen missverstehen: Er sagt nicht, dass man andere schuften lassen und sich selbst einen schlanken Lenz machen soll. Er sagt nicht, dass es richtiger ist, hinzusitzen und zu genießen, während die Schwester bis über beide Ohren in der Arbeit steckt. Und er hat vollstes Verständnis dafür, dass ich sauer bin, wenn andere den Hintern nicht hochbekommen und ich für sie den Dreck weg machen darf.

Jesus geht es nicht um die Rechtfertigung der Faulheit. Ihm geht es um den Bauplan, um den Bauplan meines Lebens, den es zu studieren gilt - und zwar immer wieder.

Wer immer auch Hochtouren läuft, wer sich keine Ruhe gönnt, von Morgens bis Abends unter Strom steht und nur noch auf das blickt, was es gerade zu tun gibt, der steht leicht in der Gefahr, wie ein kopfloser Maurer, der einfach nur darauf losgemauert hat, am Ende seines Lebens, vor einer Bauruine zu stehen.

Damit ein Bau gelingen kann, dazu muss man trotz aller Geschäftigkeit immer wieder einmal den Gang rausnehmen, zur Ruhe kommen und den Bauplan studieren. Maria hatte das offenbar begriffen, deshalb hatte sie das Bessere gewählt.

Jesus kann nicht mehr tun, als es genauso auch uns ganz kräftig ans Herz zu legen. Begreifen und vor allem im eigenen Leben umsetzen, das müssen wir dann schon selber.

Amen.

(gehalten am 21./22. Juli 2001 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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