Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

15. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 10,25-37)

In jener Zeit wollte ein Gesetzeslehrer Jesus auf die Probe stellen. Er fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am anderen Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso! (Lk 10,25-37)

Liebe Schwestern und Brüder,

ich hätte Ihnen heute gerne das Gleichnis vom barmherzigen Priester vorgelesen.

So etwa: "Da kam ein Priester vorbei, er sah ihn, hatte großes Mitleid ging gleich zu ihm hin, und half dem armen Menschen!"

So hätte ich Ihnen das Gleichnis gerne vorgelesen. Nur: so hat es Jesus leider nicht erzählt.

Das was er erzählt hat, ist alles andere als schmeichelhaft für mich und meinesgleichen. "Zufällig kam ein Priester den selben Weg, er sah ihn und ging weiter." So schildert Jesus den Vorfall.

Dass da jemand an diesem Mann einfach vorübergeht, das ist ja schon schlimm genug, dass dieser jemand aber ausgerechnet auch noch ein Diener Gottes, ein Priester ist, das ist hart.

Wissen Sie, was mein erster Gedanke war? Ich dachte mir: Irgend eine Entschuldigung muss es doch geben! Ich hab irgendetwas zur Ehrenrettung dieses Priesters gesucht. So ganz einfach kann der doch nicht vorübergegangen sein. Er muss doch zumindest einen triftigen Grund gehabt haben.

Wahrscheinlich hatte er einfach keine Zeit. Er wird mit Sicherheit einen wichtigen Termin gehabt haben. Ja, vielleicht ging er ja gar nicht von Jerusalem herab, wie jener Mann, der unter die Räuber gefallen war. Vielleicht sah das ja nur so aus. Er ging vermutlich von Jericho nach Jerusalem hinauf. Und dann war er ja ganz gewiss auf dem Weg zum Opfer im Tempel, zum Gottesdienst. Und wahrscheinlich war er schon spät dran. - Da konnte er doch jetzt einfach nicht stehen bleiben. Da musste er doch weitergehen: Es ging schließlich um den Gottesdienst! Und das ist doch ein mehr als wichtiger Grund.

Damit wäre er doch entschuldigt, und seine Ehre, und damit die Ehre der Priesterschaft wieder hergestellt!

Ja, denkste! Pustekuchen! Von wegen Ehre wiederhergestellt, von wegen entschuldigt.

Jesus macht keinerlei Anstalten, die auf solch eine Entschuldigung hindeuten lassen. Er spekuliert auch nicht über irgendwelche Gründe, weswegen der eine vorübergeht und der andere nicht anhält. Er sagt nur: "Zufällig kam ein Priester den selben Weg, er sah ihn und ging weiter." Mehr sagt er nicht. Denn das reicht völlig aus.

Anscheinend interessieren Jesus die Gründe nämlich überhaupt nicht! Und anscheinend entschuldigen auch all diese Gründe nicht! Anscheinend rechtfertigt selbst der Gottesdienst nicht, dass da einer vorübergeht.

Und das, wo wir doch wissen, wie ausgesprochen wichtig das Verhältnis zu Gott für Jesus war, dass er selbst immer wieder gebetet hat und immer wieder in den Tempel gegangen ist.

Doch anscheinend rechtfertigt selbst das nicht, vorüberzugehen wenn ein Mensch in Not ist, und einen anderen Menschen einfach liegen zu lassen. Anscheinend ist dieser Dienst am Anderen für Jesus sogar wichtiger als der formelle Gottesdienst. Allem Anschein nach, ist genau dieser Dienst am Anderen für Jesus sogar der wahre Dienst an Gott.

Im Menschen begegnet uns Gott nämlich, und das leibhaftig und in Fleisch und Blut. Und wer den Menschen gering achtet, ihn mit Füßen tritt, oder am anderen auch nur einfach teilnahmslos vorüber geht, der kann alles von sich behaupten, nur nicht, dass er wirklich dem Gott dienen würde, von dem alle Propheten und Jesus Christus selbst gesagt haben, dass er Barmherzigkeit weit mehr liebt, als alle Opfer und alle Gottesdienste dieser Welt.

Wer den Nächsten nicht liebt, der kann nach Jesus Christus nicht von sich behaupten, dass er Gott lieben würde.

Jesu Haltung ist da glasklar.

Und bevor wir am Ende dieses Gottesdienstes, wenn wir dann wieder draußen zusammenstehen oder uns auf den Heimweg machen, bevor wir dann anfangen, schon wieder lieblos über andere herzuziehen - noch bevor wir damit anfangen, sollten wir uns, was Jesus darüber denkt, in Erinnerung rufen.

Amen.

(gehalten am 14./15. Juli 2001 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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