Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

14. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 10,1-12. 17-20)

In jener Zeit suchte der Herr zweiundsiebzig andere Jünger aus und sandte zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe. Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt. Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen. Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können. Doch freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind. (Lk 10,1-12. 17-20)

Blühende Geranien am Balkon und von Blumen eingerahmte Fenster, das ist ein gewohntes und immer wieder gern gesehenes Bild. Und manche von Ihnen verschönern das eigene Haus ja selbst auf diese Weise.

Könnten Sie sich da vorstellen, auch Kartoffeln auf dem Balkon zu pflanzen?

Liebe Schwestern und Brüder,

es wäre wohl mehr als komisch. Wer pflanzt denn auch schon Kartoffeln in Blumentöpfen. Kartoffeln sind schließlich 'was zum Essen und keine Blumen. Und deshalb pflanzt man sie auch nicht als Zierrat. Das weiß schließlich jedes Kind - zumindest heute...

Doch das war nicht immer so. Es ist ja weithin bekannt, dass man damals, als Kartoffeln zum ersten Mal in Europa aufgetaucht sind, nichts mit ihnen anzufangen wusste. Man hat die Knollen einfach weggeworfen. Und hätte man sich damals nicht an den schönen Blüten erfreut, vielleicht gäbe es heute gar keine Kartoffeln bei uns.

Damals waren Kartoffeln einfach nur schöne Blumen. Dass sie zu sehr viel mehr taugten, dass sie einmal zu unserem Grundnahrungsmittel werden würden, das hat damals kein Mensch gesehen. Wären da nicht irgendwann einmal irgendjemandem die Augen aufgegangen, vielleicht würden uns Kartoffeln heute lediglich als Zierde in Vorgärten oder auf Balkonen begegnen.

Der erste Gedanke sei zwar meistens der richtige, sagt ein Sprichwort, aber manchmal täuscht der erste Eindruck auch ganz gewaltig. Manchmal ist eine Sache eben so neu, dass wir ganz schön Zeit brauchen, um uns mit ihr anzufreunden und angemessen darauf zu reagieren. Manchmal sind wir aber auch nur so von langjährigen Gewohnheiten geprägt -, Gewohnheiten, die uns so stark gefangen halten, - dass wir auch beim besten Willen nur schwer auf neue Situationen reagieren können.

Dinge richtig einzuschätzen, und sie als das zu sehen, was sie wirklich sind, und dann das Wichtige, das Entscheidende an ihnen zu entdecken, das braucht eben den richtigen Blickwinkel - und manchmal braucht es gar einen neuen Blickwinkel.

"Freut euch nicht darüber, dass Euch die Geister gehorchen!" hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt.

Das klingt fast so, als hätten Jesu Jünger hier mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt - Schwierigkeiten, mit einer neuen Situation zurande zu kommen.

Als ob ihnen, nachdem Jesus sie ausgesandt hatte, einfach nichts anderes eingefallen wäre, als halt in der Manier von Wunderrabbis durch das Land zu ziehen. So waren sie es gewohnt, so tat man das eben damals: Aufsehen erregen mit spektakulären Heilungen, magischen Spielchen und allerlei Hokuspokus.

"Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen!" ist das einzige, was Jesus ihnen darauf zu sagen weiß. Darum ging es ihm doch nicht, das war doch nicht wichtig.

"Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!" Das war entscheidend. Das war der Hintergrund, auf dem Jesu Botschaft zu verstehen war. Nur hatten die Jünger offenbar keine Augen dafür. Was das im Letzten bedeuten sollte, das war für sie so unbegreiflich, wie für die Menschen früher eine Kartoffel, mit der man auch erst lernen musste, wirklich etwas anfangen zu können.

Jesus musste den Blick der Jünger für das Wesentliche erst schulen. Erst auf den zweiten Blick, ging seinen Gefährten ganz langsam die eigentliche Bedeutung auf.

Ich glaube, Jesus müsste unseren Blick auch heute wieder schulen, und zwar an ganz vielen Ecken und Enden!

Auch wir müssen wieder lernen, dem Gefängnis allzu gewohnter Ansichten zu entfliehen, neue Blickwinkel zu finden, die uns das Entscheidende erst wirklich erkennen lassen. Auch wir brauchen neue Augen, um erst einmal zu entdecken, was hinter vielem wirklich dahinter liegt.

Da schielen wir nach vollen Kirchen, und freuen uns wie die kleinen Kinder, wenn der Kirchenraum dann wieder einmal brechend voll ist. Und dabei müssen wir uns doch die Frage stellen, ob es Jesus nicht vielleicht auf etwas ganz anderes ankommt. War ihm nicht sehr viel wichtiger, dass Menschen sich für andere einsetzen, für kranke Angehörige etwa, für die, die am Rand stehen, einsam oder verlassen sind.

Vielleicht ist ihm das Aufbrechen einer neuen, wirklichen Beziehung zu Gott - irgendwo ganz in der Stille -, ja tatsächlich sehr viel wichtiger, als alle großen und spektakulären Gottesdienste - und seien sie noch so medienwirksam inszeniert.

Da stecken wir alle nur erdenklichen Anstrengungen in die Sakramentenkatechese, die Vorbereitung der Erstkommunikanten und Firmanden. Und wir sind froh und glücklich, wenn wir auch wirklich den größten Teil des Jahrgangs erreichen, beim Fest selbst alle Kinder alles richtig machen, genauso wie man es ja ach so lange einstudiert hat.

Und dabei ist es Jesus wahrscheinlich weit wichtiger, dass Kinder und Jugendliche mit seinen Werten vertraut werden und aus ihnen heraus auch wirklich leben. Und dass sie langsam begreifen lernen, wer dieser Gott tatsächlich für sie ist.

Ich bin mir sicher, dass ihm daran sehr viel mehr gelegen ist, als daran, dass alle Antworten wie aus der Pistole geschossen kommen und ich darum weiß, ob man das Kreuzzeichen jetzt so oder anders herum machen muss.

Und dann feiern wir Pfarrfest, und sind am Abend stolz wie Oskar, wenn die Kassen auch richtig gefüllt sind. Und wir haben im Vorfeld Stunden und aber Stunden damit zugebracht, über die Preise der Steaks und der Würstchen zu diskutieren. Und immer wieder stehen wir in der Gefahr, dass wir schon gar nicht mehr sehen, dass wichtig, wirklich wichtig, - auch beim Pfarrfest - doch etwas ganz anderes ist.

Letztlich wichtig ist hier doch, dass Menschen im Namen Jesu zusammenkommen, miteinander Freude haben, und spüren, dass man sich aneinander festhalten kann.

Und da ist es völlig egal, wie viele kommen, ob der Umsatz stimmt und sich die Anstrengung finanziell rechnet.

In Jesu Augen, wird Wert und Bedeutung nach anderen Maßstäben gemessen, als wir es gewöhnlich tun. Das macht er auch in diesem Evangelium wieder ganz klar.

Ich weiß nicht, wann es bei Ihnen zum nächsten Mal Kartoffeln gibt. Wenn Sie aber das nächste Mal Kartoffeln essen, vielleicht denken Sie dann daran: Als den Menschen bei uns zum ersten Mal Kartoffeln begegneten, wussten sie absolut nichts damit anzufangen.

Manchmal muss man eben zweimal hinschauen, manchmal braucht man einen anderen Blickwinkel, manchmal braucht man sogar neue Augen, um das wirklich Wichtige, die eigentliche Bedeutung, das worauf es tatsächlich ankommt überhaupt zu entdecken.

Worauf es sich lohnt, sein ganzes Augenmerk zu richten, erschließt sich manchmal erst auf den zweiten Blick, und manchmal erst dann, wenn man sich aus der Umklammerung allzu lieb gewordener Gewohnheiten, wenn man sich aus der Enge altvertrauter Blickwinkel wirklich befreit.

Jesus hat seinen Jüngern die Augen geöffnet. Lernen wir mit seinen Augen zu sehen.

Amen.

(gehalten am 7. / 8. Juli 2001 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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