Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

14. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 10,1-9)

In jener Zeit suchte der Herr zweiundsiebzig andere Jünger aus und sandte zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. (Lk 10,1-9)

Liebe Schwestern und Brüder,

um das heutige Evangelium zu verstehen, um die Erzählung von der Aussendung der 72 Jünger einigermaßen zu erfassen, dazu muss man rechnen können, rechnen und mit Zahlen jonglieren. Aber rechnen auf eine Art wie man sie nicht im Mathematikunterricht lernt, und wie sie heute deshalb auch weitestgehend vergessen ist.

Man muss rechnen können auf eine Art, wie man sie vorab im Alten Testament lernen kann. Und ich möchte Ihnen heute deshalb ein, zwei dieser alttestamentlichen Grundrechenarten, wie wir sie für das Verständnis des heutigen Evangeliums brauchen, ganz kurz zeigen.

Dazu müssen wir das 10. Kapitel des Buches Genesis anschauen. Ich werde es jetzt nicht vorlesen, denn eigentlich ist es ein stink langweiliges Kapitel. Sie können ja selbst einmal reinschauen. Wir stehen in Genesis 10 unmittelbar nach der großen Flut, nach der Flut, die die Welt vernichtet hat. Und jetzt wird dort geschildert, wie die Welt nach dieser Flut wieder geordnet wird, und allem voran geschieht dies dadurch, dass der Autor schildert, welche Völker nun die Erde wieder bewohnen. Und in diesem Zusammenhang werden ganz stereotyp und für unsere Ohren im Grunde genommen furchtbar langweilig, die Namen dieser Völker aufgezählt.

Diese Aufzählung wird erst dann wirklich interessant, wenn man mal zu zählen beginnt, wenn man die dort genannten Völker zu zählen beginnt. Sie können es nachprüfen, es sind genau 72. 72 Völker führt Genesis 10 an.

Ein Ergebnis, das nicht besonders verwunderlich ist - nicht verwunderlich für den, der die dahinterstehende Rechenregel kennt. Es müssen schließlich 72 Völker sein, keines mehr und keines weniger. Die Namen der Völker spielen da nur eine zweitrangige Rolle, die Zahl 72 ist entscheidend.

Der biblische Autor möchte schließlich zeigen, dass die ganze Welt nach der Flut wieder besiedelt war. Und er führt deswegen die Namen der Völker dieser Erde in seinem Buch an. Und dass dies wirklich auch alle Völker der Erde sind, das macht er nicht mit den Namen, das macht er mit der Zahl deutlich.

72, das ist 6 mal 12. Und zwölf, das ist bekanntermaßen die Zahl des Volkes. Nicht umsonst hat das Volk Israel 12 Stämme.

Zwölf ist aber auch die Zahl der Vollkommenheit. Die zwölf Monate machen den Jahreskreis aus, und die zwölf Stunden den Tag. Zwölf Stunden umfasst die Nacht. Und das himmlische Jerusalem ist von 12 Türmen umgeben. 12 als Zahl der kosmischen, der himmlischen Vollkommenheit. Da aber die Welt nur von bedingter Vollkommenheit ist, da sie begrenzt und zeitlich ist, deshalb umfasst die irdische Vollkommenheit auch nur die Hälfte der himmlischen, deshalb bedeutet irdische Vollkommenheit statt 12 eben nur die Zahl 6.

Selbst im Mittelalter war das noch zu spüren. Die großen Dome der Romanik, sollten ja Bilder des himmlischen Jerusalems sein, aber da sie schließlich irdische Bilder dieser himmlischen Stadt waren, hatten sie keine 12 sondern vielmehr nur 6 Türme.

6 als Zahl der bedingten, der irdischen Vollkommenheit; und 6 mal das Volk, also 6 mal 12 dann als Zahl aller Völker dieser Erde. 72, die irdische Zahl der Völker dieser Welt.

Die himmlische Zahl aller Völker wird dann übrigens wieder 12 mal 12 sein. Nicht umsonst werden 144 mal Tausend am Ende gerettet werden, nämlich Tausend, unermesslich viele, aus jedem dieser himmlisch umfassenden Zahl aller Völker.

Die irdische Zahl aber umfasst zunächst mal die Hälfte, nämlich die Zahl 72. Und nimmt es da noch Wunder, dass im heutigen Evangelium dann genau 72 Jünger ausgesandt werden?

Was Lukas da macht, ist eine ganz kunstvolle Komposition aus der Zahlensymbolik des alten Testamentes. Jesus sendet seine Jünger, und er sendet 72 und er sendet sie in alle Städte in die Jesus selbst eigentlich gehen wollte. Er sendet 72, weil er sie eben zu allen Völkern der Erde sendet, weil erst alle Völker zusammengenommen all die Städte sind, in die Jesus eigentlich gehen wollte, weil Jesus will, dass alle Völker dieser Erde gerettet werden, dass alle von ihm hören.

Lukas, der wohl selbst ein Heidenchrist gewesen ist, macht mit dieser Stelle ganz besonders deutlich: Jesus gehört nicht nur den Juden. Er selbst hat den Anstoß dazu gegeben, dass das Christentum über die Grenzen des Judentums hinauswuchs, er selbst hätte seine Botschaft allen Menschen dieser Welt gebracht, wenn ihm das möglich gewesen wäre. Weil das aber selbst für Jesus ganz einfach nicht drin ist, wenn er wirklich wahrer Mensch sein möchte, deshalb vertraut er diese Aufgabe seinen Jüngern an, denen, die er in seinem Namen in die ganze Welt hinein gesandt hat.

Der Paulus, den Lukas dann in seinem zweiten Buch als Inbegriff dieses Völkerapostels zeichnet, illustriert diese Aussendung ganz plastisch. Rast- und ruhelos, in beinahe unbeschreiblicher Hektik, lässt Lukas ihn von Ort zu Ort reisen, damit auch ja alle Menschen von der Botschaft Jesu Christi erfahren. Und das, was wir von Paulus selbst wissen, das unterstreicht die lukanische Darstellung ja nur noch. Paulus schreibt ja einmal von seinem Vorhaben, selbst nach Spanien zu reisen; und das war für damalige Vorstellung tatsächlich eine Reise an die Grenzen der Erde.

Bis dahin, bis an die Enden der Erde sollte den Menschen das Heilsangebot Gottes bekannt gemacht werden. Und Lukas wie Paulus waren davon überzeugt, dass die Zeit drängte, dass eigentlich nur wenige Jahre für diese Aufgabe übrig bleiben würden. Deshalb sollte vor der Erfüllung dieser Aufgabe ja auch alles andere zurückstehen.

Lukas macht dies in seiner Darstellung ja ganz besonders deutlich: "Grüßt niemanden unterwegs!" heißt es bei ihm. Nur keine Zeit verlieren, ja nicht am Wegrand stehen bleiben und ein Schwätzchen halten. Die Zeit drängt, das Ende ist nämlich nahe. Es bleiben nur noch wenige Jahre, um diesen Auftrag zu erfüllen. Davon war die ganze Christenheit überzeugt.

Nun, es wurden Hunderte von Jahren, das wissen wir heute, und kaum etwas deutet für uns daraufhin, dass sich das so schnell ändern wird. Die Vorstellung, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht, dass nur noch wenige Monate oder Jahre ins Land ziehen, bis ein neuer Himmel und eine neue Erde erstehen, diese Vorstellung war ein Irrtum. Wir wissen das heute.

Aber macht das einen Unterschied? Heißt das, dass Jesu Anliegen, dass nämlich die Botschaft vom Gott der die Menschen liebt, auf der ganzen Welt bekannt werden soll, dass dieses Anliegen dadurch geringere Bedeutung hat? Ich versteh nicht ganz, wenn Menschen voller Überzeugung sagen: "Lasst das missionieren." Wo ist denn dann ihre Überzeugung geblieben? Kann ich wirklich hören, was Jesus sagt, und das dann für mich behalten?

Er sandte sie bis an die Enden der Erde, 72, zu allen Völkern dieser Welt. Daran hat sich kein bisschen geändert. Das einzige, was anders geworden ist, was die Christen in den ersten Jahren nicht gewusst haben, was sie vielleicht falsch verstanden hatten, das einzige, was wirklich anders geworden ist, das ist die Tatsache, dass wir etwas mehr Zeit zur Verfügung haben; etwas mehr Zeit, als man am Anfang glaubte.

Wir brauchen die Botschaft deshalb nicht in Hektik weiterzugeben, wir können uns die Zeit für den einzelnen nehmen, wir können es gründlicher tun, als man es am Anfang meinte. Die Botschaft aber ist die gleiche, der Auftrag Jesu ist der selbe und der Ruf in die Entscheidung ist ungeschmälert. Das einzige was anders ist: Wir haben ganz einfach etwas mehr Zeit, wir können diese Botschaft weitersagen, und trotzdem die Menschen unterwegs grüßen!

Amen.

(gehalten am 5. Juli 1992 in der Schlosskirche Mannheim)

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