Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Gal 5,1. 13-18)

Brüder! Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen! Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt. Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, so dass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. (Gal 5,1. 13-18)

Nein, es war nicht alles besser früher!

Manche von Ihnen werden sich noch an die Zeiten erinnern, in denen Frauen die Erlaubnis des Ehemannes brauchten, um eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen, oder Lehrerinnen die Kündigung drohte, wenn sie beabsichtigten zu heiraten.

Liebe Schwestern und Brüder,

so vieles ist heute gleichsam selbstverständlich geworden, dass man sich das Gestern fast schon nicht mehr vorstellen kann.

Denkt jemand noch an die Zeiten zurück, als keine unserer Ministrantinnen hier hätte sitzen dürfen? Und nur den Kopf schütteln konnte ich, als ich das erste Mal gehört habe, dass katholische Exegeten bis 1948 - wider besseren Wissens - lehren mussten, dass Mose jedes einzelne Wort der ersten fünf Bücher der Bibel selbst geschrieben hätte und alles genau so geglaubt werden müsse, wie es dort zu lesen sei.

Was für eine Befreiung das gewesen sein muss, als solche überkommenen Barrieren endlich gefallen sind. Was das bedeutet hat - ich glaube nicht, dass unsere Generation das wirklich bis ins letzte erfassen kann. Eine Befreiung - Befreiung im wahrsten Sinne des Wortes - ist das gewesen.

Ganz ähnlich, wie es Paulus im Galaterbrief beschreibt. Als dem Apostel klar geworden ist, dass ich mir durch die Befolgung von unendlichen Gesetzesvorschriften und Geboten das Himmelreich nicht erkaufen kann, als ihm klar geworden ist, dass Christus keine engherzige Gebotsmoral verkündet hat, dass Gott uns die Vollendung aus Liebe schenkt, das kam einer regelrechten Befreiung gleich. Ohne diese Einsicht, die der Völkerapostel seinen Gemeinden weitergegeben hat, wäre das Christentum eine Sekte im hintersten Winkel des römischen Imperiums geblieben. Aber Paulus hat begriffen, dass Christus uns zur Freiheit befreit hat.

Immer aber, wenn Menschen begreifen, dass alles, was Leben eng macht und in Zwänge führt, letztlich vom Bösen ist, immer dann, wenn Menschen spüren, wie weit Leben sein kann, immer dann melden sich ganz schnell, die ewig gestrigen, die das Rad am liebsten zurück drehen wollen. In den Gemeinden des Paulus haben sie für Wirbel gesorgt und den Menschen weiß zu machen versucht, dass man sich kein Jota von den überkommenen Gesetzesvorschriften entfernen dürfe, dass Gott keine Freiheit sondern allein Gehorsam wolle, dass es ihm nicht um das Leben sondern die Unterwerfung gehe.

"Lasst Euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen", ruft Paulus seiner Gemeinde zu.

Und genau das ruft er heute auch uns zu.

Egal wo sie sitzen, diejenigen, die uns weiß machen möchten, dass das, was in unseren Gemeinden vor vierzig Jahren aufgebrochen ist, wieder zurückgefahren werden müsse, dass wir den eingeschlagen Weg der Ökumene, nicht mutig weiter beschreiten dürften, egal wie sie heißen, diejenigen, die aus unseren Gottesdiensten wieder die Lebendigkeit und Lebensfreude verbannen möchten und allein unverständliche und menschenferne Riten hochhalten, egal wer sie sind, die uns wieder festlegen möchten, auf dogmatische Formeln, die der Geist Gottes schon einmal aus unserer Kirche hinweggefegt hat: geben wir ihnen keinen Raum, geben wir ihnen kein Gehör und folgen wir ihnen nicht. Denn zur Freiheit hat uns Christus befreit. Lassen wir uns nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen.

Amen.

(gehalten am 26./27. Juni 2010 in der Paulus- und Peterskirche)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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